Studie Jeder Fünfte für Sozialpunktesystem

In China soll ab kommendem Jahr das Sozialverhalten vom Staat digital erfasst und mit Punkten bewertet werden. Die meisten Deutschen lehnen dieses Vorgehen ab, das zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts. Sie zeigt aber auch: Ein erstaunlich großer Teil der Befragten würde ein solches System auch in Deutschland begrüßen.

von Carolin Fröhlich, MDR AKTUELL

Silhouetten von Personen mit Binärzahlencode
Soll soziales Verhalten belohnt und Fehlverhalten bestraft werden? Erstaunlich viele Befragte sind dafür. Bildrechte: IMAGO

Regelmäßig Blut gespendet? Oder das Tempolimit überschritten? Das künftige Sozialpunktesystem in China soll soziales Verhalten mit Plus- und Minuspunkten bewerten. Politisch vertrauenswürdiges Verhalten wird belohnt – etwa mit Vorteilen bei der Wohnungsvergabe. Fehlverhalten wird bestraft – zum Beispiel mit geringeren Sozialleistungen.

Sozialpunktesystem in Deutschland: ja oder nein?

Der Versicherer Ergo und das Max-Planck-Institut wollten für den aktuellen "Risiko-Report" wissen, ob sich Deutsche vorstellen könnten, dass der Staat Informationen zu einzelnen Personen sammelt. Und ob sie sich wünschen, dass ein Sozialpunktesystem eingeführt wird.

Dabei sei ein überraschendes Ergebnis herausgekommen, berichtet Mirjam Jenny vom Max-Planck-Institut, denn eine von fünf Personen habe sich dafür ausgesprochen – also 20 Prozent der Befragten. "Explizit dagegen waren 68 Prozent und 'ich weiß nicht' sagten 12 Prozent."

Gutes Miteinander gewünscht

Mit dem Punktesystem will China sozial gängige Normen wieder anerziehen. Eine Umfrage in Leipzig zeigt immerhin eine gewisse Unzufriedenheit, was das Einhalten von Regeln für ein gutes Miteinander angeht.

Einige kritisierten vor allem das Verhalten auf den Straßen – zum Beispiel das Halten am Zebrastreifen oder die Vorbildfunktion für Kinder im Straßenverkehr. Ein weiterer Kritikpunkt sei das Recycling-Verhalten. Solche Themen würden in den Leipziger Straßen immer wieder angesprochen.

Staatliche Kontrolle wird eher abgelehnt

Eine staatliche Kontrolle von Normen wünscht sich dennoch keiner der Befragten, sondern einfach einen freundlicheren Umgang miteinander. Woher kommt dann aber die Zustimmung zum Sozialpunktesystem?

Mirjam Jenny vom Max Planck Institut kann bis jetzt nur Vermutungen anstellen. Die Studie habe gezeigt, dass der Wunsch nach Sicherheit bei einigen Leuten sehr stark sei. Auch das Vertrauen in Staat sei relativ hoch – sie vertrauten darauf, dass er sich für ein gutes Leben einsetzt.

"Diese positive Einstellung zum Staat, die spielt dann wahrscheinlich auch mit. Wenn da mehr Misstrauen wäre, dann würden sich die Leute auch nicht so ein System wünschen."

Ältere Befragte skeptischer

Auffällig sei, dass in allen Bundesländern die Zustimmung zu solch einer staatlichen Überwachung mit steigendem Alter und steigendem Bildungsgrad abnimmt. Menschen mit höherer Bildung seien sich der Konsequenzen bewusster, versucht Jenny das Ergebnis zu erklären, die hätten vielleicht auch schon mehr darüber nachgedacht. Bei den älteren Befragten wiederum, so Jenny weiter, könnte die Ablehnung größer sein, weil die Erinnerung an vergangene Überwachungssysteme noch präsenter ist.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. September 2019 | 08:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 05:00 Uhr

6 Kommentare

lausbub vor 23 Wochen

In welcher DDR haben Sie denn gelebt? Natürlich gab es etwas Ähnliches in der DDR! Von der Staatspartei SED gewolltes Verhalten wurde belohnt. Aber wehe, man fiel durch kritische Bemerkungen auf oder wagte es gar, einen Ausreiseantrag zu stellen: Dann kannten die Schikanen kein Ende. In Deutschland wäre so ein Sozialpunkte-System verfassungswidrig, weil es die grundgesetzlich geschützten Freiheitsrechte der Bürger massiv einschränken würde. Den Kindern das richtige Sozialverhalten beizubringen, ist Sache der Eltern. Und gerade auf diesem Gebiet versagen leider zu viele Erziehungsberechtigte.

Chemnitzer vor 23 Wochen

So etwas gab es nicht mal in der DDR. Der Staat will anscheinend, weil die B ürger nicht so konform" laufen", wie er es möchte, die Leute disziplinieren.
Das ist ein gefährlicher Weg, denn mir gruselt, wenn ich mir ausmale, wo das enden könnte. So eine Umfrage ...entspricht die überhaupt unseren Normen in Deutschland? Der Auftraggeber muss ja sehr abstrus denken.



Wachtmeister Dimpfelmoser vor 23 Wochen

Es kommt immer darauf an, wer dabei an den Machthebeln sitzt. Denn die alleroberste Grundbestrebung eines solchen Systems ist nicht die verkehrserzieherische Disziplinierung, die freiwillige regelmäßige Blutspende oder ein wohlgefälliges Recyclingsverhalten mit braver Mülltrennung, sondern das möglichst effiziente Überwachen, Kontrollieren und Manipulieren der breiten Masse im Sinne der jeweils herrschenden Staatsdoktrin und -räson. Und da sähe es bei mir heute ziemlich mau aus. Denn allein der Grundtenor meiner gesammelten Beiträge hier im Forum würde ausreichen, mich diesbezüglich straff unter Null zu katapultieren - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Anfang der 90er Jahre, als meine Kommilitonen und ich aus berechtigtem und guten Grund stets noch Schwarz-Gelb gewählt haben, hätte ich mich zwar genauso geäußert. Aber damals wäre das systemkonform gewesen, weil das System völlig anders ausgerichtet war. Und das hätte mir Pluspunkte ohne Ende eingebracht. Tempora mutantur...