Eine Frau und zwei Kinder basteln.
Etwa 70 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher in Ostdeutschland arbeiten in Teilzeit. Bildrechte: imago images / epd

Kindertagesstätten Unternehmen und Erzieher bevorzugen Teilzeitstellen

Immer wieder wird über Engpässe bei Erziehern in Krippen und Kindergärten berichtet. MDR-AKTUELL-Hörerin Annerose Rost aus Halle ist aufgefallen, dass in den Kindertagesstätten der Saalestadt viele Erzieherinnen nur in Teilzeit arbeiten. Sie fragt: "Wäre das Betreuungsproblem kleiner, wenn man diesen Erzieherinnen und Erziehern eine volle Stelle anbieten würde?"

von Susanne Lembke, MDR AKTUELL

Eine Frau und zwei Kinder basteln.
Etwa 70 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher in Ostdeutschland arbeiten in Teilzeit. Bildrechte: imago images / epd

Fällt in einer Kita eine Erzieherin aus, springt eine Kollegin ein. Sie hat dann plötzlich deutlich mehr Kinder zu betreuen. Eltern sehen das nicht so gern. Das wissen die Betreiber der Einrichtungen, nur ändern könnten sie das nicht, denn sie hielten sich, so heißt es einstimmig, an den Mindestpersonalschlüssel, den der Gesetzgeber festgelegt hat.

Ausfall von Teilzeitkräften leichter zu kompensieren

Bei chronischen Krankheiten müssen auch die Erzieher im Kindergarten manchmal Medikamente geben. Auf dem Bild gibt eine Frau einem Kind Medikamente, das Kind verweigert sich. Im Hintergrund sind zwei weitere Kinder zu sehen.
In der Grippe-Saison fallen oft Erziehungskräfte aus. Bildrechte: imago images / BE&W

Hendrik Kluge ist Geschäftsführer des Zweckverbandes familienunterstützender Einrichtungen im evangelischen Kirchenkreis Halle-Saalkreis. Er erklärt, dass der Mindestpersonalschlüssel nicht die Zahl der Erzieherinnen regle, sondern die Arbeitsstunden, die er vergeben könne.

"Das heißt, und das ist vielleicht Teil des Problems, dass es für Träger günstiger ist, 40 Stunden oder 80 Stunden auf mehr Köpfe zu verteilen. Wenn eine 30-Stunden-Kraft ausfällt, dann ist es für den Träger natürlich leichter zu kompensieren, als wenn es eine 40-Stunden-Kraft ist", so Kluge.

Teilzeitbeschäftigung überträgt Betriebsrisiko auf Beschäftigte

Die Zahl der Arbeitsstunden pro Einrichtung richtet sich nach der Zahl der Kinder und ihre Betreuungszeit - ist also gedeckelt. Dabei gilt: Je mehr Teilzeitkräfte, umso mehr Hände, die mit anpacken können. Das ist besonders dann relevant, wenn eine Erzieherin wegen Urlaub, Fortbildung oder längerer Krankheit ausfällt. Denn dafür sieht der Personalschlüssel keinen Puffer vor.

Frank Wolters von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht Teilzeitarbeit dennoch skeptisch: "Es ist in der Tat aber auch eine Verlagerung des betrieblichen Risikos, was der Träger und die Unternehmen in diesem Fall haben, auf die Beschäftigten."

Die meisten Erzieher arbeiten freiwillig verkürzt

Allerdings wollen viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gar nicht voll arbeiten. Dirk Jürgens ist Geschäftsführer des Volkssolidarität Saale-Kyffhäuser e.V. und erzählt: "Wir hatten vor einigen Jahren in Merseburg mal eine Umfrage gemacht, dort beschäftigen wir 100 Erzieher, und wer mehr arbeiten möchte, also statt 30 bis 35 Stunden künftig 35 bis 40 Stunden. Exakt zwei waren bereit, mehr zu arbeiten."

Auch der Träger der Stadt Halle, der Eigenbetrieb, bestätigt, dass schon Neueinsteiger lieber verkürzt arbeiten, um sich beispielsweise besser um die Familie kümmern zu können. Außerdem ist der Beruf anstrengend: Heben, Tragen, der Lärmpegel, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und die große Verantwortung.

Wunsch nach Vollzeitbeschäftigung wird oft erfüllt

Sollte eine Erzieherin ihre Stunden dennoch aufstocken wollen, habe sie aber gute Chancen, erklärt Ellen Bornschein von der Gewerkschaft Verdi: "Wir haben mittlerweile Urteile, die sagen, wenn jemand aus meinem Betrieb einen Antrag stellt auf Stundenerhöhung, dann ist dieser Wunsch vor Neueinstellung zu befriedigen."

Das heißt, wenn in meinem Betrieb gerade eine Stelle ausgeschrieben wird, habe ich das Anrecht, dass erst meine Stunden erhöht werden, bevor die Neueinstellung erfolgt. Auch der Fachkräftemangel dürfte die Verhandlungsposition der Bewerber verbessern.

Übrigens ist die niedrige Zahl an Vollzeit-Verträgen in der Kinderbetreuung ein bundesweites Phänomen. 2017 lag die Quote im Osten im Schnitt bei nur 30 Prozent, im Westen bei 43 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Juli 2019 | 07:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 05:00 Uhr

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3 Kommentare

23.07.2019 15:29 Gabriela 3

Ich kenne viele Erzieherinnen und sozialpäd. Assistentinnen, die es überhaupt nicht gut heißen, dass im Zuge des Fachkräftemangels viele Stellen als Vollzeit-Stellen ausgeschrieben werden. Auch wenn ihnen klar ist. dass die Teilzeitkräfte immer als erstes die durch Krankheit und Urlaub etc. die ausfallenden Kräfte ersetzen sollen. Aber dieser Beruf ist so anstrengend, dass er in ständiger Vollzeit extrem an die Substanz geht. Das öffentliche Bild, dass man bzw. frau ja nur den Kindern beim Spielen zuguckt, macht die Belastung nur noch größer. Der Geräuschpegel ist nur einer von vielen Faktoren, die ergonomisch ungünstige Arbeitshaltung (besonders in der Krippe) geht so sehr auf den Rücken und Gelenke, dass ich keine Erzieherin kenne, die schmerzfrei durchs Leben geht.
Es wird so oft von überbelasteten Lehrern geschrieben, aber die können von Teilzeit-Arbeit wenigstens anständig leben.
Die Gehälter im Erziehungsdienst müssen DRINGEND DEUTLICH erhöht werden.

22.07.2019 07:57 Sylvia Lukarsch 2

Ich kann jede Erzieherin / Erzieher verstehen, der nicht vollzeitlich arbeiten möchte. Unser Arbeitsleben ist ein Marathon und kein Sprint. Da muss man mit seinen Kräften haushalten, wenn man bis zum Erreichen des Rentenalters durchhalten soll. Mit 30 ist es vielleicht noch möglich 8 Std diese schwere Arbeit durchzuhalten - aber mit 66? Besonders der Geräuschpegel ist nicht zu unterschätzen. Wer ws anderes behauptet, sollte es mal ausprobieren - ich hab Hochachtung vor Kitapersonal!!! Nach 6 Std bei extremer Aufmerksamkeit für bis zu 20 Kinder ist man ja auch geschafft und den Kids nützt es nichts, wenn man sich die letzten Stundes des Tages nur noch durchschleppt. Die Bezahlung für diese wichtige Arbeit sollte allerdings so verbessert werden, dass man auch von einem Gehalt für 30 Std leben kann.

22.07.2019 06:17 Info 1

Sehr geehrtes MDR-Team,

das ist also ein Phänomen? An was wird das wohl bloß liegen?

Viele Grüße
Info

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