Kindesmissbrauch Gibt es genug Therapieplätze für Menschen mit Pädophilie?

Schätzungsweise 250.000 Menschen in Deutschland haben pädophile Neigungen, deutlich mehr Männer als Frauen. Wie lebt man mit dieser Neigung? Und gibt es genügend Therapieplätze für die, die sich helfen lassen wollen?

Georg hat vor etwa 30 Jahren seine pädophile Neigung wahrgenommen. Bis dahin hatte er ein – wie er sagt – "normales Leben". Doch nach der Scheidung änderte sich alles. Georg arbeitete als Hausmeister an einer Grundschule und merkte: Seine Aufmerksamkeit gegenüber Kindern stieg. Zunächst dachte er sich nichts dabei: "Das ist eine Phase, das geht irgendwann wieder vorbei. Wenn du eine neue Freundin hast, geht das vorbei und dein Leben wird wieder normal."

Doch sein Leben wurde nicht normal. Er erzählt: "Ich hatte angefangen, mir Kinderbilder zu nehmen und die auf Folie abzupausen und bei dem Abpausen Kleidung wegzulassen und fand das schön. Es sprach mich einfach an, es berührte mich. Die Altersgruppe für mich ist bei so 8 bis 12, bis zum Beginn der Pubertät, bis zum Beginn des Schamhaarwuchses."

Selbstmordgedanken nach der Verurteilung

Georg konsumierte immer mehr Fotos und Videos im Internet, auch illegales Material. Bis er entdeckt und verurteilt wurde wegen Besitzes von kinderpornografischem Material: 9 Monate auf Bewährung. Diese Verurteilung und das Gefühl, sich nicht wohlzufühlen mit seiner Neigung, trieben Georg fast in den Selbstmord: "Mit dem Menschen wollte ich nicht mehr leben. Auf der Suche nach einem Weg aus dem Leben raus bin ich dann an die KTW-Therapie gekommen."

"KTW" ist die Abkürzung für "Kein Täter werden", dem Präventionsnetzwerk der Charité Berlin. 2005 in Berlin gestartet, gibt es inzwischen bundesweit Standorte, an denen Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, Hilfe bekommen. Vorrangiges Ziel der Therapie sei die Akzeptanz der eigenen sexuellen Präferenz, heißt es auf der Homepage des Projekts. Doch reichen die Therapieplätze?

Schätzungen zufolge leben 250.000 Menschen in Deutschland mit einer Form von Pädophilie. Seit dem Start des Projekts hätten sich nach Angaben der Charité rund 11.000 Menschen an das Hilfsangebot gewandt. Aber wie viele Therapieplätze gibt es in Mitteldeutschland?

Zu wenig Therapeuten in Sachsen

In Leipzig sind es etwa 30 solcher Plätze in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin. Wie viele es darüber hinaus gibt, ist nicht bekannt. Das Sozialministerium Sachsen teilt MDR AKTUELL schriftlich mit: "Da es keine Vernetzung von Behandlern in Sachsen gibt, kann keine Aussage zu der Anzahl der Therapeuten getroffen werden."

Es ist aber davon auszugehen, dass es deutlich zu wenige Angebote gibt für Diagnosestellung und letztlich die Therapie.

Sozialministerium Sachsen

Das Thüringer Gesundheitsministerium kennt gar keine Zahlen zu Therapieplätzen. Einen Standort des "Kein Täter werden" Netzwerkes gibt es nicht. Gleiches gilt für Sachsen-Anhalt: Therapieplätze werden nicht erfasst.

Deutsche Kinderschutzstiftung fordert mehr Geld für Therapien

Allerdings gibt es seit Kurzem ein Fernbehandlungsprojekt von "Kein Täter werden". Hier finden Menschen mit pädophiler Neigung anonym übers Internet Hilfe. Man rechne mit jährlich 50 Kontaktaufnahmen. Es sei also schon viel passiert, sagt Jerome Braun, Geschäftsführer der Deutschen Kinderschutzstiftung, Hänsel und Gretel, allerdings noch zu wenig: "Und von daher ist es ganz entscheidend, hier nicht müde zu werden und natürlich auch mehr Gelder zu investieren und eine flächendeckende Versorgung auch mit Fachkräften zu ermöglichen."

Auch Georg fordert als Betroffener mehr Therapieplätze. Wer Probleme mit seiner pädophilen Neigung habe, finde in der Therapie Hilfe.

Wie die Therapie bei Georg selbst lief, und wie er mit diesem Stigma lebt, pädophil zu sein, hören Sie in der neuen Folge des MDR AKTUELL Podcasts "Tabubruch". Sie finden den Podcast auf MDR AKTUELL, in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Juli 2020 | 07:11 Uhr