Haustier-Boom Coronakrise wird für Heimtiere zum Glücksfall

Die Tierheime vielerorts sind wie leergefegt. Denn ob Homeoffice oder Kurzarbeit: In der freien Zeit daheim sind viele auf das Haustier gekommen. Doch bleibt das auch in der "Zeit danach" so?

Er fand ein neues Zuhause, weil sein neues Frauchen als Frisörin in ihrer Corona-Zwangspause (auch) durch die nun für sie freigewordene Zeit den Wunsch nach einem Haustier verspürte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir hatten noch nie in der Geschichte des Tierheims – und wir haben die Trägerschaft seit 1992 – so wenig Tiere im Tierheim!", sagt Michael Sperlich "MDR exakt". Er ist der Leiter des Tierheims Leipzig. Wer einen kleinen Familienhund suche, komme zu spät.

Michael Sperlich Leiter des Tierheims Leipzig
Michael Sperlich, Leiter des Tierheims Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Hunde, die jetzt noch da sind, seien entweder gerade nicht vermittelbar, weil noch behördliche Verfahren gegen die Besitzer laufen oder sie sind schlicht zu gefährlich, um sie in private Haushalte abzugeben. Selbst ältere Tiere mit überschaubaren Leiden hätten wegen der großen Nachfrage viel leichter ein neues Zuhause gefunden als normalerweise.

Tierheim von Nachfrage überrascht

Im Tierheim Leipzig hatte man befürchtet, dass in der Coronakrise eher viele Tiere abgegeben würden. Um für diesen Fall gewappnet zu sein, hatte Tierheimleiter, Michael Sperlich, Ines Neuhof, stellvertretende Tierheimchefin bereits nach Ausweichquartieren und Notplätzen Ausschau gehalten, sagt sie „MDR exakt“.

ein schwarzer Hund schaut in die Kamera
Auch Ole hat es in der Zeit der Coronakrise aus dem Tierheim herausgeschafft. Sein neues Frauchen nimmt nun mit ihm an einem Hundetrainer-Kurs teil. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir haben uns voll drauf vorbereitet, dass alle ihre Tiere abgeben müssen, weil sie in Quarantäne gehen. Und genau das Gegenteil ist passiert. Es ist manchmal kurios, aber wir können halt nur reagieren", so Ines Neuhof.

Der Ansturm auf viele Tierheime wie das in Leipzig war umso größer, weil sich die Länder in der Coronakrise nach außen abgeschottet hatten. "Die Leute sind wieder verstärkt in die klassischen Tierheime gegangen, weil natürlich die Alternative von Auslandshunden gefehlt hat, denn die Grenzen waren dicht", erklärt Michael Sperlich.

ein Hund 7 min
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Exakt Mi 24.06.2020 20:15Uhr 07:29 min

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Viele Haustiere sind derzeit Mangelware

Ein gelber Wellensittich in einem Vogelbauer
Der einzige Vogel, der während unser Dreharbeiten im Tierheim Weimar versorgt wurde. Und auch er war noch nicht lange da. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die verstärkte Nachfrage nach Haustieren bekamen auch viele Züchter zu spüren. Welpen sind oft vorbestellt  - schon bevor sie überhaupt auf der Welt sind.

Der Deutsche Tierschutzbund registrierte in seinen Heimen sogar Anfragen nach Tieren zum Ausleihen. Und im Internet findet man jetzt hauptsächlich Such-Anzeigen, wo normalerweise Tausende Hunde angeboten werden. Gerade bei den beliebten Rassen ist der Markt leergefegt.

Viel zu tun für Hundetrainer

Hundetrainer Frank Behnke
Hundetrainer Frank Behnke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der wochenlangen Zwangs-Schließung wegen Corona erleben auch Hundetrainer einen wahren Ansturm. Der Terminkalender von Frank Behnke aus dem sächsischen Bennewitz ist prall gefüllt.

Er muss sogar Interessenten vertrösten, weil er keine Kapazitäten mehr hat. „Es ist wirklich so viel, dass ich momentan leider sagen muss: Tut mir leid, rufen Sie mal in einer Woche, in 14 Tagen wieder an. Im Moment ist alles voll“.

Und nach Corona?

Matthias Zauche Leiter Tierheim Weimar
Matthias Zauche, Leiter des Tierheims Weimar Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch das Tierheim in Weimar ist wie leergefegt. "Das ist mir in 40 Jahren auch das erste Mal passiert, dass wir um diese Zeit noch keine Jungkatze haben", sagt er "MDR exakt". Das freue ihn natürlich auch. Aber die Tierhalter sollten sich auch bewusst sein über den Zeitfaktor und die Kosten, die die Versorgung eines Haustieres mit sich bringe.

"Nicht dass wir dann, wenn wir alle wieder im Normalbetrieb sind, uns im Tierheim nicht retten können vor Tieren, die dann einfach aus Zeitgründen hier abgegeben werden." Das ist eine Sorge, die viele Tierschützer teilen - aber noch hat sich der Trend nicht umgekehrt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 24. Juni 2020 | 20:15 Uhr