Proteste vor dem LPT-Standort Mienenbüttel
Seit Wochen protestieren Tierschützer vor dem LPT-Firmengelände in Mienenbüttel für die Schließung des Standortes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tierschutzskandal in Niedersachsen Ex-Mitarbeiterin von LPT erklärt: "Ich habe Dokumente gefälscht"

Ehemalige Mitarbeiter vom Tierversuchslabor LPT berichten über mutmaßliche Fälschungen an Ergebnissen von Tierversuchsreihen an verschiedenen Standorten der Firma. Gegen LPT wird bereits wegen Betrugsvorwürfen gegen das Labor in Mienenbüttel bei Hamburg ermittelt.

Proteste vor dem LPT-Standort Mienenbüttel
Seit Wochen protestieren Tierschützer vor dem LPT-Firmengelände in Mienenbüttel für die Schließung des Standortes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"FAKT" hat in der Sendung vom 15. Oktober über die Missstände im Tierversuchslabor der Firma LPT im niedersächsischen Mienenbüttel bei Hamburg berichtet. Dabei ging es unter anderem auch um den Austausch eines Affen innerhalb eines Medikamentenversuchs. Ein totes Tier wurde offenbar ohne Vermerk in den Testdokumenten durch ein lebendes ersetzt. Tierschützer hatten den Vorgang heimlich durch Videoaufzeichnungen dokumentiert und "FAKT" das Material zur Verfügung gestellt.

"Es wurde gesagt, dass wir darüber nicht reden sollen"

Kurz nach der Ausstrahlung der Bilder meldeten sich mehrere ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens, die von Manipulationen bei Versuchsreihen berichten. So auch eine Frau, die in dem LPT-Labor in Wankendorf in Schleswig Holstein gearbeitet hat. Sie will anonym bleiben.

LPT-Standort Wankendorf
Der LPT-Standort Wankendorf liegt unscheinbar im Grünen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort soll es Unregelmäßigkeiten bei einem Versuch an Ratten gegeben haben. "Es gab drei unterschiedliche Dosierungsstärken. In der stärksten sind die Tiere der Reihe nach gleich zu Anfang innerhalb von wenigen Tagen  zum Großteil verstorben", erklärt die ehemalige Mitarbeiterin von LPT. Um dem Kunden eine entsprechende Nachricht nicht mitteilen zu müssen, sei die höchste Dosierung durch eine deutlich niedrigere ersetzt worden. Auch seien Tiere während der Testreihe ausgetauscht worden. "Es wurde dem Auftraggeber  nicht mitgeteilt, dass da gepfuscht worden ist", betont die Ex-Mitarbeiterin von LPT. Es habe die Anweisung gegeben, darüber nicht zu reden.  

Frühere Mitarbeiterin nach eigenen Aussagen zum Betrug angehalten

"Ich hab es nicht nur erlebt, ich habe es auch gemacht. Ich habe Dokumente gefälscht", erklärt eine andere ehemalige Angestellte von LPT, die mehr als zehn Jahre im Unternehmen am Hauptstandort gearbeitet hat. Auch sie will im Schutz der Anonymität bleiben. In ihrem Fall soll es um Rattenversuche für Hormonmedikamente gegangen sein. Ergebnisse, die nicht den Erwartungen entsprochen hätten, habe sie "verbessern" müssen. "Die Daten, die nicht reinpassten, sind markiert worden", erinnert sie sich.

Auf einem Blanko-Protokoll habe sie Werte eintragen müssen, die ihr vorgegeben worden seien. "Das neue Protokoll ist auch mit dem alten Datum und mit meiner Unterschrift versehen worden", beschreibt sie rückblickend den Betrugsvorgang. Jahrelang habe sie so an Fälschungen mitgewirkt. An das genaue Zeitfenster könne sie sich nicht mehr erinnern. Irgendwann hätte sie sich geweigert, weiter mitzumachen. Andere Mitarbeiter hätten es aber weiter getan, erklärt die ehemalige Mitarbeiterin von LPT gegenüber "FAKT".

Grünen-Politikerin Staudte: "Das ist skandalös"

Grünen-Politikerin Miriam Staudte und "FAKT"-Reporter Knud Vetten
Grünen-Politikerin Miriam Staudte und "FAKT"-Reporter Knud Vetten sehen sich gemeinsam das Interview der Ex-Mitarbeiterin von LPT an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"FAKT" zeigte das entsprechende Interview der Abgeordneten Miriam Staudte von den Grünen in Hamburg. Diese hielt die Schilderungen für glaubwürdig. Als "skandalös" bezeichnete sie das beschriebene Vorgehen, das offenbar auf Anweisungen von oben geschehen sei. "Auf wissenschaftlicher Ebene wird dort manipuliert. Das stellt eigentlich sämtliche Studien dieses Betreibers in Frage", so Staudte.

Das stellt eigentlich sämtliche Studien dieses Betreibers in Frage.

Miriam Staudte, Grünen-Politikerin FAKT

Im niedersächsischen Landtag gab es zu den Vorgängen bei LPT bereits mehrere Anhörungen. Miriam Staudte hat dort schon die Schließung des Tierversuchslabors in Mienenbüttel gefordert. Gegenüber "FAKT" betont sie, wenn das schon länger so gehe, müsse die ganze Firmengeschichte aufgearbeitet werden. "Die Staatsanwaltschaft muss die Mitarbeiter befragen", fordert sie.

LPT schließt Fälschungen in seinen Labors kategorisch aus

Auf schriftliche Anfrage von "FAKT" antwortet das LPT Presseteam: "In gesetzlich geforderten Toxizitätsstudien kann es in seltenen Fällen zu unerwarteten Todesfällen kommen. Die Dosierungen werden dann reduziert, die Vorkommnisse werden dokumentiert und berichtet. Informationen und/oder Hinweise zu Fälschungen sind uns nicht bekannt. Derartige Handlungen sind aufgrund des in unserem Hause vorgeschriebenen engmaschigen Kontrollsystems ausgeschlossen."

Informationen und/oder Hinweise zu Fälschungen sind uns nicht bekannt.

LPT Presseteam FAKT

Tierschützer fordern Schließung - Behörden ermitteln

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz
Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz fordert die Schließung des LPT-Tierversuchslabors in Mienenbüttel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz fordert drastische Maßnahmen. LPT müsse geschlossen werden. "Es geht ja nicht nur um Tiere, sondern auch um die Sicherheit von Menschen", sagt der Tierschützer. Hier reiche keine "Oberflächenkosmetik". "Das Problem liegt an der Wurzel. Die Wurzel ist das LPT, die Mitarbeiter, die Gesinnung des Chefs. Hier muss ein Exempel statuiert werden. Und da kann so ein Platz wie das LPT nicht mehr existieren", erklärt er.

Hier muss ein Exempel statuiert werden.

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz FAKT

Die Behörden haben bereits reagiert. Nach Kontrollen des Veterinäramts im LPT-Standort Mienenbüttel musste der Betreiber zu kleine Affen-Käfige entfernen. Begutachtungen des Unternehmens sollen nun in kürzeren Abständen, als gesetzlich vorgeschrieben, durchgeführt werden.

Der zuständige Landkreis Harburg prüft eine mögliche Entziehung der Betriebsgenehmigung. Die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt gegen das LPT wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Die SOKO Tierschutz hat zudem Strafanzeige gestellt wegen des Verdachts des mehrfachen gewerbsmäßigen Betrugs und die niedersächsischen Grünen wegen Körperverletzung durch gefährliche Medikamente.

Bilder von der Demo vom 19. Oktober Tierschützer demonstrieren seit Wochen für die Schließung von LPT

Seit Wochen protestieren Tierschützer für eine Schließung des LPT-Standortes Mienenbüttel. Am 19. Oktober war auch der Designer Guido Maria Kretschmer unter den Demonstranten.

Mit Schildern und Transparenten demonstrieren Menschen gegen Tierversuche
Nach Polizeiangaben waren 7.300 Menschen am 19. Oktober in Hamburg dem Aufruf der SOKO Tierschutz zur Demo gegen Tierversuche gefolgt. Bildrechte: dpa
Mit Schildern und Transparenten demonstrieren Menschen gegen Tierversuche
Nach Polizeiangaben waren 7.300 Menschen am 19. Oktober in Hamburg dem Aufruf der SOKO Tierschutz zur Demo gegen Tierversuche gefolgt. Bildrechte: dpa
Mit Schildern und Transparenten demonstrieren Menschen gegen Tierversuche
Unter den Teilnehmern befand sich auch der Designer Guido Maria Kretschmer. Bildrechte: imago images/Jannis Große
Niedersachsen, Mienenbüttel: Zahlreiche Kerzen stehen bei einer Mahnwache von mehreren hundert Teilnehmern vor dem Labor der Firma LPT am Rande von Mienenbüttel.
Vor dem Labor LPT wurde auch eine Mahnwache abgehalten. Bildrechte: dpa
Niedersachsen, Mienenbüttel: Auf einem langen Transparent steht bei einer Mahnwache von mehreren hundert Teilnehmern vor dem Labor der Firma LPT die Aufschrift "LPT schliessen sofort".
Unter anderem wurde die Schließung des Tierversuchslabors der Firma LPT gefordert. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, Tiere bei Versuchen gesetzeswidrig zu misshandeln. Bildrechte: dpa
Niedersachsen, Mienenbüttel: Vor dem Labor der Firma LPT werden bei einer Mahnwache von mehreren hundert Teilnehmern u.a. Schilder mit den Aufschriften "Alles was der Mensch den Tieren antut kommt auf den Mensch zurück" oder "Tierversuche: wenn Forschung zum Verbrechen wird" gehalten.
Das schlechte Wetter hatte die Demonstranten nicht abgehalten. Bildrechte: dpa
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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 05. November 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 11:55 Uhr