Ausbrüche bei Tönnies Mehr als 1.300 Infizierte – Laschet will weiter keinen regionalen Lockdown

Mehr als 1.300 Mitarbeiter des Schlachtereikonzerns Tönnies in Nordrhein-Westfalen haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Die Politik reagiert mit der Abriegelung ganzer Wohnkomplexe – will einen Lockdown aber vermeiden. Unterdessen rücken die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und der Fleischpreis wieder in den Fokus.

Polizisten sprechen mit Bewohnern, die hinter einem Bauzaun unter Quarantäne stehen
In Verl wurden Häuser mit Bauzäunen abgesperrt. Bildrechte: dpa

Die nordrhein-westfälische Landesregierung will trotz des Corona-Ausbruchs beim Konzern Tönnies vorerst einen regionalen Lockdown im Landkreis Gütersloh vermeiden. Es gelte nach wie vor, "dass wir einen flächendeckenden Lockdown im Moment nicht ausschließen können", sagte Ministerpräsident Armin Laschet am Sonntag in Gütersloh. Vorerst könnten aber "zielgerichtetere Maßnahmen" ergriffen werden.

Während in ganz Nordrhein-Westfalen die Infektionszahlen mit dem neuartigen Coronavirus sänken, gebe es im Kreis Gütersloh "gebündelt explodierende Zahlen", sagte Laschet. Diese seien "ganz eng mit der Fleischindustrie verbunden". Bisher gebe es "keinen signifikanten Übersprung" in die allgemeine Bevölkerung.

Mehr als 1.300 Infizierte bei Tönnies

Im Landkreis Gütersloh liegt die größte Schlachterei des Konzerns Tönnies. 7.000 Mitarbeiter hat das Unternehmen alleine dort. Wie die Kreisverwaltung am Sonntag mitteilte, sind inzwischen fast 6.000 von ihnen auf das Coronavirus getestet worden. Das Ergebnis: 1.331 Menschen waren mit dem Virus infiziert, also mehr als ein Fünftel. Die meisten der Infizierten arbeiteten im Zerlege-Betrieb.

In den vier Krankenhäusern im Landkreis würden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt, hieß es von der Kreisverwaltung. Davon lägen sechs Menschen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssten beatmet werden. Fünf der sechs sind nach Angaben des Kreises Tönnies-Beschäftigte.

Tausende Menschen unter Quarantäne

Der Landkreis hat angesichts des massiven Corona-Ausbruchs weitreichende Quarantäne-Maßnahmen verhängt. Für alle Tönnies-Mitarbeiter und deren Haushaltsangehörige wurde Quarantäne angeordnet. Der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer, sagte bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Laschet, bei knapp 7.000 Menschen an 1.300 Wohnanschriften sei es "verdammt schwer", die Einhaltung der Quarantäne zu überwachen. Das sei "fast sowas wie ein Flohzirkus".

In der Stadt Verl, in der viele Tönnies-Beschäftigte arbeiten, stellte die Stadt Bauzäune um Häuser auf, um eine "Quarantänezone" einzurichten. Helfer des Roten Kreuzes versorgten die Bewohner. Am Sonntag seien 32 mobile Teams in den Städten und Gemeinden des Kreises unterwegs gewesen, um Personen in ihren Unterkünften zu beraten und ihnen Unterstützung anzubieten, hieß es von der Kreisverwaltung.

Allerdings gibt es im Kreis Gütersloh Befürchtungen, dass Beschäftigte vor Verhängung der Quarantäne für sämtliche Tönnies-Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück abgereist sind. "Wir haben vermehrte Mobilität wahrgenommen", sagte eine Kreissprecherin. Das sei dem Landkreis von Bürgern zugetragen worden. "Eine Handhabe, das zu unterbinden, hatten wir zu der Zeit nicht." Viele der Beschäftigen bei Tönnies kommen aus Osteuropa. Die Kreisverwaltung hat nach eigenen Angaben bereits Kontakt mit den entsprechenden Botschaften aufgenommen.

Debatte um Billigfleisch

Unterdessen nahm angesichts des Corona-Ausbruchs die Debatte um Sozialstandards und Fleischpreise wieder Fahrt auf. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagte, mit der Fleischwirtschaft könne es "keine freiwilligen Vereinbarungen geben, sondern nur klare gesetzliche Vorgaben, egal, wer der Besitzer ist". Laumann forderte mehr Transparenz der Unternehmen vor allem bei Meldepflichten und der Arbeitszeit-Erfassung.

Frisch geschlachtete Schweine hängen in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies.
Tausende Menschen arbeiten bei Tönnies. Angesichts der Coronainfektionen rücken nun aber deren Arbeitsverhältnisse und das Tierwohl in den MIttelpunkt. Bildrechte: dpa

Bundesagrarministerin Julia Klöckner sagte: "Fleisch ist zu billig." Sie setzt sich daher nun auch für eine Tierwohlabgabe ein, die auf Fleisch, Wurst und anderes aufgeschlagen werden könnte. "Auch für die Verbraucher wird sich etwas ändern müssen", sagte Klöckner. "Dabei soll Fleisch kein Luxusprodukt für Reiche werden. Aber auch keine Alltagsramschware."

Eine Tierwohlabgabe hatte eine Expertenkommission ihres Ministeriums unter Leitung des früheren Ressortchefs Jochen Borchert im Februar empfohlen – und zwar zum Mitfinanzieren eines grundlegenden Umbaus der Tierhaltung hin zu mehr Tierschutz. Denn dafür bestehe "erheblicher Handlungsbedarf".

Grünen-Chef Robert Habeck sagte, der gesellschaftliche Druck auf die Bundesregierung müsse jetzt hoch bleiben. "Wir müssen hin zu einer Tierhaltung, die am Wohle der Tiere ausgerichtet ist und nicht einzig und alleine auf Dumping-Preise und Wettbewerbslogiken."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Juni 2020 | 16:00 Uhr

6 Kommentare

dejada vor 6 Wochen

Ich sehe das genauso wie Herr Johannes.
wir müssten jedoch "nur" noch dafür sorgen, dass dann Billigarbeit, Dreck und andere Unannehmlichkeiten nicht ins Ausland verlegt werden... und da wird's dank Globalisierung schwierig und kaum noch kontrollierbar. Unser Wohlsstands- und Fortschrittsdenken spielt dabei leider auch keine gute Rolle.

Leachim-21 vor 6 Wochen

nach meiner Meinung nach zeigt doch das handeln der Politiker genau wie der Bosse, das seit Jahrzehnten diese Verhältnisse geduldet wurde bzw. gefördert. jetzt regen sich die Politiker, auf was für eine Heuchelei. denn wer hat mit der Agenda 2010 die Türen für Werkverträge und Leiharbeit aufgemacht und dadurch sogar den Missbrauch gefördert ( SPD und Grüne sowie die anderen etablierten Parteien im Anschluss) .das jetzt einmal mehr ein Politiker einen Beschluss den die Ministerpräsidenten beschlossen hatten unterläuft zeugt nicht gerade von Rechtstreue sondern vom Gegenteil.

Paul Johannes vor 6 Wochen

Wenn der Fleischpreis verdreifacht werden würde...wäre die Gier der "modernenSklavenhalter" mindestens immer noch genau so groß...Ihr Ziel ist es die Grösste Rendidte bei geringstem Einsatz zu erziehlen...das wird immer so bleiben, egal wie teuer Fleisch ist. Man muss diesem SYSTEM der Modernen Sklaverei endlich mal auf die Finger hauen aber nicht mit der Feder sonderm mit dem Eisenhammer!.Leiharbeit und Werksvertragsarbeiter haben egal in welcher Branche...!!! Nichts zu suchen. Und wer sich Festangestellte Mitarbeiter Nicht leisten kann oder will, der sollte dringend sein Geschäftsmodell überdenken oder besser etwas anderes machen....Hier geht es weniger um den Fleischpreis sondern einfach um das System das ein Milliardär Menschen schlicht und einfach ausputzt...ohne wenn und Aber.Und solange die Politik immer wieder Sonntagsreden hält und den Ausputzern nicht ans Handwerk geht..so lange wird das Lied unendlich weitergehen.Zumindest in diesem Fall ist " Corona" ein Offenbarungseid!