Heimunterricht Schule in der Corona-Krise: Fördern, Fordern, Überfordern?

Ohropax, Schnapspralinen, ein Netflix-Abo und das Buch "Erziehung ohne Gewalt". Laut einem Witz, der im Internet kursiert, braucht man genau diese Dinge für die Situation, die viele Mütter und Väter derzeit gar nicht mehr lustig finden. Wie den Nachwuchs zu Hause fördern, ohne zu überfordern? Wie Job und Familie unter einen Hut kriegen? Und: Wie den Wust an Aufgaben bewältigen, der schon auf Grundschüler wartet?

Kind sitzt an Schulaufgaben
Schüler werden während der unterrichtsfreien Zeit von den Lehrern gut beschäftigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer Olga hört, ahnt schnell: Mit "Corona-Ferien" hat das, was Grundschüler derzeit zu Hause bewältigen müssen, nichts zu tun. Die Achtjährige zählt ein paar Beispiele dafür auf, was sie diese noch Woche erledigen muss:

"Ich habe auf Anton, das ist eine Lernapp, was gekriegt, von meiner Klassenlehrerin und meinem Mathelehrer: In meinem Arbeitsheft, da soll ich schriftliche Subtraktion und Addition machen." Dazu kämen Übungen zum Alphabet, Wiederholungsaufgaben in Mathe und Deutsch sowie Lerninhalte über Feuer im Sachkundeunterricht.

Eltern müssen keine Ersatzlehrer sein

Millionen Mütter und Väter sitzen also mit dem Nachwuchs am Schreib- oder Küchentisch, mal nach dem Job, mal parallel zum Homeoffice und fragen sich, wie sie neben der Arbeit auch noch Pädagogen sein sollen. Müssen sie gar nicht – laut Maresi Lassek, der Vorsitzenden des deutschen Grundschulverbandes. Sie rät allen Betroffenen, zu entspannen.

Sie sind nicht Ersatzlehrer oder Lehrerin, das sollen sie auch nicht sein.

Maresi Lassek Vorsitzende des deutschen Grundschullehrerverbandes

Eltern hätten eine ganz andere Beziehung zu ihren Kindern und die könne man nicht wechseln, indem man eine dozierende Rolle einnehme, erklärt Lassek weiter: "Das erwarten auch die Lehrerinnen und Lehrer und die Schulen überhaupt nicht."

Eltern von Grundschulkindern sollten nicht meinen, sie müssten zu Hause Schule simulieren, einen festen Stundenplan imitieren und den kompletten Unterrichtsausfall kompensieren, sagt Lassek weiter: "In dieser Zeit jetzt kann die Schule, können die Lehrkräfte und auch die Kultusministerien nicht erwarten, dass der Unterricht, der Lernstoff, zu Hause erfüllt wird." Das ginge schon aus Gründen der Gleichbehandlung nicht.

Schulen fordern hohes Pensum

Die Realität aber, das berichten viele Eltern, sieht anders aus. Da müssen neue Themen für den Sachkundeunterricht in Eigenregie erarbeitet, müssen Referate vorbereitet und Plakate gestaltet werden. So wie bei Bela, einem zehn Jahre alten Grundschüler: "Also bei uns ist es so, dass wir jeden Tag ein Diktat schreiben. Da wurde gesagt: 50 bis 80 Wörter und jeden Tag was vorlesen. Und dann kriegen wir noch Extraaufgaben von Montag bis Freitag – Arbeitsheft, Arbeitsblätter oder halt etwas aus dem Buch zum Abschreiben."

Besondere Situation mit Abstimmungsbedarf

Die ehemalige Schulleiterin Lassek vom Grundschulverband sucht kurz nach Worten, als sie von der langen Liste hört: "Ich finde das auch überfürsorglich von der Schule. Ich will das mal so benennen. So viele Aufgaben mitzugeben und quasi zu signalisieren, das ist das tägliche Pensum, das überfordert alle."

Lasseks Rat: Bei zu vielen Aufgaben das konstruktive Gespräch mit Lehrern und Schulleitung suchen. Sich nicht selbst unter Druck setzen. Bei den Kindern so wenig wie möglich – aber da, wo nötig – einwirken. Und dennoch soll man laut Lassek klarmachen: "Für das Kind oder die Kinder sollte deutlich sein: Wir haben jetzt nicht Ferien, wir haben eine ganz besondere Situation, die ist unterrichts- aber nicht lernfrei."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. März 2020 | 05:00 Uhr