Valsartan-Skandal Lücke im Kontrollsystem

Im Sommer 2018 werden in einem Blutdrucksenker wahrscheinlich krebserregende Stoffe gefunden. Der Beginn des Valsartan-Skandals! Das Kontrollsystem hatte versagt. Tiefgreifende Veränderungen bleiben bislang aus.

von Inga Klees und Florian Farken

Wie gefährlich waren die Tabletten? Diese Frage quält Petra Siegemund sichtlich. Sie überlegt lange, richtet sich auf und sagt: "Darüber versuche ich nicht nachzudenken.“ Siegemund hatte im Sommer 2018 erfahren, dass sie jahrelang den Blutdrucksenker Valsartan eingenommen hatte, der mit wahrscheinlich krebserregenden Substanzen - sogenannten Nitrosaminen - versetzt war. Wie viele andere betroffene Patienten bekommt sie ein Ersatzmedikament verschrieben, das zu diesem Zeitpunkt als sauber gilt. Doch im November 2018 stellt sich heraus, dass auch diese Tabletten mit einem Nitrosamin belastet waren. Lange hat sich die Leipzigerin mit Ärzten und Apothekern gestritten, hat Verwandte in ganz Deutschland in Apotheken geschickt – nur um einen ganz bestimmten Blutdrucksenker zu bekommen, einen der als sicher gilt. Am Ende bekam sie ihn.

Eine Frau sitzt vor einem Fenster auf einem Sofa.
Petra Siegemund hat jahrelang den Blutdrucksenker Valsartan eingenommen. Bildrechte: MDR/FAKT

Die Frage, die Petra Siegemund mehr als anderthalb Jahre nach Beginn des Valsartan-Skandals quält, ist, ob ihr Medikament jetzt sicher und frei von Verunreinigungen ist. "Man hat überhaupt keine Sicherheit mehr. Man verlässt sich darauf, dass man gesund gemacht werden soll oder beziehungsweise die Gesundheit erhalten bleiben soll. Und eigentlich wird man krank gemacht. Man ist unsicher und eigentlich auch richtig sauer", sagt sie. "Da macht man sich Gedanken, was noch alles kommen könnte, was das Nächste ist", fährt sie fort.

Lücke im Kontrollsystem

Die Angst vor weiteren Verunreinigungen in Blutdrucksenkern oder anderen Medikamenten ist absolut berechtigt. Das zeigen aktuelle FAKT-Recherchen. Denn die Lücke im Kontrollsystem, die den Skandal um den Blutdrucksenker Valsartan erst möglich machte, ist bis heute nicht geschlossen.

In Deutschland sind rund 900.000 Menschen vom Valsartan-Skandal betroffen. Im Sommer 2018 kommt heraus, dass oft verschriebene valsartan-haltige Blutdrucksenker mit wahrscheinlich krebserregenden Nitrosaminen verunreinigt sind. Weil dieser Wirkstoff aus der Gruppe der sogenannten Sartane nicht in einem, sondern in mehreren blutdrucksenkenden Mitteln angewendet wird, beginnen danach Behörden auf der ganzen Welt die belasteten Medikamente vom Markt zu nehmen. Davon dürften Millionen Patienten betroffen gewesen sein. Fieberhaft beginnen in Europa die zuständigen Behörden, nach der Ursache und weiteren verunreinigten sartan-haltigen Medikamenten zu suchen. Wegen mutmaßlicher Verunreinigungen kommt es zu 15 weiteren Rückrufen sartan-haltiger Blutdrucksenker.

Valsartan-Skandal nur Spitze des Eisberg

Eine Frau in einem weißen Kittel steht in einem Labor.
Mona Tawab ist stellvertretende Leiterin des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker. Bildrechte: MDR/FAKT

FAKT hat seit Beginn des Skandals im Sommer 2018 mit vielen Wissenschaftlern, Behördenvertretern und Industriekennern gesprochen. Die Redaktion konnte bislang unveröffentlichte Dokumente zur Herstellung von Valsartan einsehen. Erstmals äußert sich auch ein mit der Aufklärung des Skandals betrauter, hochrangiger EU-Beamter gegenüber einem deutschen Medium zu diesem Thema. Aus diesen vielen Bruchstücken ergibt sich ein Gesamtbild, das zeigt, der Valsartan-Skandal ist nur die Spitze des Eisbergs.

Eschborn bei Frankfurt. Eingeklemmt zwischen einem großen Einkaufszentrum und schmucklosen Mietshäusern liegt das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker. Die stellvertretende wissenschaftliche Leiterin des Labors ist Professor Mona Tawab. Das Labor ist das erste in Deutschland, das Daten zum Skandal wirklich transparent veröffentlicht hat. Über Monate hinweg bleibt es die einzige Quelle, die Anhaltspunkte dafür gibt, wie stark die Tabletten mit Nitrosaminen verunreinigt sind.

Krebsrisiko wird als gering eingeschätzt

Im Februar 2019 veröffentlicht die Europäische Arzneimittelagentur Ergebnisse ihrer umfangreichen Untersuchungen. Den Bericht auf den Seiten zu der Behörde zu finden, ist nicht ganz einfach, außerdem sollten interessierte Patienten perfekt Englisch beherrschen. Wichtigstes Ergebnis zu den Verunreinigungen durch Nitrosamine: Die Krebsgefahr sei relativ gering. Trotzdem dürfen diese Stoffe natürlich nicht in Medikamenten enthalten sein, so die EU-Behörde. Ihre Schätzung: Wenn 100.000 Patienten sechs Jahre lang die am stärksten verunreinigten Valsartan-Tabletten in der höchsten Dosierung eingenommen hätten, würde es 22 zusätzliche Krebsfälle geben. 

Professor Mona Tawab hätte sich schon gewünscht, dass die Ergebnisse öffentlichkeitswirksamer präsentiert worden wären: "Weil der Patient natürlich ein Recht darauf hat, zu erfahren, wie hoch letztlich die Verunreinigungen mit den Nitrosaminen in seinen Tabletten war und welchem Risiko er ausgesetzt war. Und deshalb finde ich es sehr schade, dass die Europäische Arzneimittelagentur die wirklich sehr guten Erkenntnisse aus den zahlreichen Untersuchungen der Hersteller nur auf der Homepage veröffentlicht hat und keine große Presseaktion daraus gemacht hat", so die Wissenschaftlerin.

Frau Tawab hat den Valsartan-Skandal von Anfang an begleitet. Ihr Fazit nach anderthalb Jahren: "Das Wichtigste, was wir alle aus dem Valsartan-Skandal gelernt haben, ist, dass die Nitrosaminverunreinigung nicht nur Valsartan betrifft", sagt sie. "Sondern es kann viele, viele Wirkstoffe betreffen. Das hängt zum Beispiel von den Rohstoffen ab, die verwendet werden oder den Lösungsmitteln. Wir haben es hier mit einem viel größeren Problem zu tun, als ursprünglich vermutet."

Reichen die scharfen Konsequenzen der EU?

Die Wissenschaftlerin muss für diese Einschätzung nicht weit zurückschauen. Im September 2019, mehr als zwölf Monate nach Auffliegen des Skandals, taucht eines der gefährlichen Nitrosamine in dem Magensäureblocker Ranitidin auf. Er gehört zu einer völlig anderen Medikamentengruppe als die vorher betroffenen Blutdrucksenker. Zuletzt waren Spuren der wahrscheinlich krebserregenden Substanz in einem Mittel gegen Diabetes in Singapur und der Schweiz gefunden worden. Spätestens als in Ranitidin ein Nitrosamin gefunden wurden, zog die Europäische Arzneimittelbehörde die Notbremse.

Diese Behörde, kurz EMA genannt, sitzt in Amsterdam. Als FAKT Anfang Dezember 2019 zum Interview fährt, ist die Behörde gerade aus London in die Stadt gezogen und muss in einem Interimsgebäude arbeiten. Von hier aus steuert Fergus Sweeney, Abteilungsleiter für Inspektionen und Medizinsicherheit, die europäische Untersuchung zum Valsartan-Skandal. Herr Sweeney spricht leise, aber nachdrücklich. Mit Nachdruck hatte die Behörde im Herbst letzten Jahres dann auch den europäischen Pharmaunternehmen buchstäblich die Pistole auf die Brust gesetzt. "Mit der Valsartan-Untersuchung, der Suche nach den Ursachen, den weiteren Verunreinigungen und der Belastung von Ranitidin war klar, dass wir es mit ganz unterschiedlichen Ursachen für die Verunreinigung zu tun hatten. Deshalb haben wir entschieden, dass es das Beste für die Sicherheit der Öffentlichkeit wäre, systematisch alle synthetisch hergestellten Medikamente zu untersuchen", sagt er.

Die Anordnung kommt plötzlich und sie enthält eine sehr kurze Frist: Die Pharmaunternehmen müssen alle synthetisch hergestellten Medikamente auf Nitrosamine überprüfen. Innerhalb von sechs Monaten müssen sie einschätzen, ob in ihren Medikamenten diese Verunreinigungen potentiell enthalten sein können. Falls ja, müssen sie ihren Herstellungsweg so verändern, dass er frei von Nitrosaminen ist.

Neues Dokument belegt Fehleinschätzung im Valsartan-Skandal

Molekularmodell von Valsartan
Ein Molekularmodell von Valsartan Bildrechte: IMAGO

Bei den Blutdrucksenkern auf Basis von Valsartan waren nicht die Medikamente, die eigentlichen Tabletten das Problem, sondern der Wirkstoff. Ein Unternehmen in China hatte seine Produktionsprozesse 2012 verändert, danach waren die gefährlichen Nitrosamine in dem Wirkstoff entstanden. Entscheidend soll dabei ein Lösungsmittel gewesen sein. Was genau die Wissenschaftler der chinesischen Firma verändert hatten, haben sie in einem Änderungsantrag an die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA aufgeschrieben. Dieses bisher unveröffentlichte Dokument von Mitte 2011 zeigt nun: Das Unternehmen war sich sicher, eine bessere Variante für die Herstellung des Blutdrucksenkers gefunden zu haben. FAKT hat das Papier nach einer Anfrage mithilfe des Freedom of Information Act von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA bekommen. Das insgesamt 54-seitige Dokument ist in weiten Teilen geschwärzt, um das geistige Eigentum der chinesischen Firma zu schützen.

Mit dem heutigen Wissen liest sich das Dokument wie eine Farce. So schreiben die Wissenschaftler des Unternehmens stolz, das neue Verfahren habe eine ganze Reihe von bisher schwierigen Problemen gelöst. Unter anderem sei die Qualität des Produktes verbessert worden. Das Unternehmen könne bestätigen, "dass der neue Prozess fundamental sicher und verlässlich ist." Auf Anfrage schreibt der deutsche Ableger des Unternehmens heute, man werde sich zum Sachverhalt grundsätzlich nicht äußern. Weltweit erkennt bis zum Sommer 2018 keine  Zulassungs- oder Überwachungsbehörde, dass bei dieser neuen Produktionsart zwei höchstwahrscheinlich krebserregende Stoffe entstehen.

Wirkstoffherstellung ist in wichtigen Teilen oft geheim

Heilende Substanzen, die dem Körper helfen sollen, gesund zu bleiben oder gesund zu werden, kommen für Nachahmerprodukte meist aus Asien. In Indien und China werden viele der Wirkstoffe preiswert hergestellt, deren Patente ausgelaufen sind, die aber für die Gesundheit von Milliarden Menschen auf der Welt essentiell sind. Für Europa ist das seit knapp 15 Jahren gängige Praxis. Doch hier beginnt das eigentliche Problem.

Die Herstellung der Wirkstoffe soll billig und schnell sein, damit viele Tabletten zu extrem niedrigen Preisen angeboten werden können. Dafür verfeinern und verbessern die asiatischen Wirkstoffhersteller ihre Produktionsprozesse immer weiter. "So ein Herstellungsprozess basiert ja auf ganz, ganz viel Entwicklungsarbeit und beinhaltet sehr, sehr viel Know-How, das gibt keiner gerne preis", sagt Professor Mona Tawab vom Apothekerlabor in Eschborn. Auch deshalb dürfen die Firmen, die Wirkstoffe produzieren, ihren detaillierten Herstellungsprozess in wichtigen Teilen geheim halten. Um zum Beispiel die Zulassung für den europäischen Markt zu bekommen, müssen sie ihn nur einer Zertifizierungsbehörde gegenüber komplett offen legen.

Die Mann im blauen Hemd sitzt vor einer Bücherwand.
Markus Veit hat 30 Jahre lang als Berater für Pharmaunternehmen gearbeitet. Bildrechte: MDR/FAKT

Die Wirkstoffhersteller wollen ihr Wissen über günstige und schnelle Produktionsmethoden schützen. "Das ist letztendlich ein goodwill des Wirkstoffherstellers, wenn er seinem Kunden, dem pharmazeutischen Unternehmen hier in Europa, diese Information zur Verfügung stellt", sagt Professor Markus Veit. 30 Jahre lang hat er als Berater für Pharmafirmen gearbeitet. "Ich habe sehr viele Fälle erlebt, wo Informationen zum Herstellungsprozess von den Wirkstoffherstellern offensiv verweigert wurden."

Europas Pharmaunternehmen haften

Im Valsartan-Skandal entstanden die gefährlichen Substanzen vor allem während des Herstellungsprozesses. In den meisten Fällen kennen also nur der Wirkstoffhersteller und eine Zertifizierungsbehörde diesen Prozess bis ins letzte Detail. Vertrieben werden die Tabletten mit dem Wirkstoff dann aber von europäischen Pharmaunternehmen. Wer ist also dafür verantwortlich, wenn Patienten Tabletten mit gefährlichen Substanzen schlucken? "Wir haben insofern ein Problem, weil die pharmazeutischen Unternehmen auf der einen Seite die komplette Verantwortung für ihre Produkte und für alle in den Arzneimitteln eingesetzte Rohstoffe und Ausgangstoffe tragen", sagt Professorin Mona Tawab. "Meiner Meinung nach gibt es hier keinen Rechtsanspruch des pharmazeutischen Unternehmers den Wirkstoffhersteller dazu verpflichten, alle Herstellungsprozesse offen zu legen. Und hier haben wir eine Lücke."

Eine Frau sitzt vor einer Bücherwand.
Ulrike Holzgrabe eine anerkannte Pharmazeutin und Chemikerin von der Universität Würzburg. Bildrechte: MDR/FAKT

Nichts scheint so gut reguliert wie der Arzneimittelmarkt – doch wo Offenheit absolut notwendig wäre, da ist so gut wie nichts transparent. Für die weltweit anerkannte Pharmazeutin und Chemikerin Professor Ulrike Holzgrabe ein unhaltbarer Zustand. "Aus meiner Sicht sollte eigentlich jeder Hersteller sich offenlegen lassen, wie läuft die Produktion und sollte sich auch eine Risikoanalyse zeigen lassen oder sie selber durchführen“, so die Wissenschaftlerin der Universität Würzburg. Wie Ulrike Holzgrabe fordern auch Mona Tawab und Markus Veit: Die Herstellung solle komplett offen gelegt werden. So könnten auch alle anderen Verunreinigungen besser entdeckt und Medikamente insgesamt sicherer werden.

EU-Behörde: "Radikal anderer Ansatz"

Ein Mann mit Bart, Krawatte und Anzug
Fergus Sweeney ist an der Europäischen Arzneimittelbehörde Abteilungsleiter für Inspektionen und Medizinsicherheit. Bildrechte: MDR/FAKT

FAKT hat dazu Fergus Sweeney von der EMA befragt. Er sagt: "Das wäre ein radikal anderer Ansatz zu dem, wie bisher Informationen ausgetauscht werden. Aber natürlich überlegen wir, wie wir das System verbessern können, damit die Pharmaunternehmen hier in Europa wirklich ihren Pflichten nachkommen." Doch selbst wenn die komplette Offenlegung das Problem lösen würde, dass die Medikamente sicherer werden, haben die Wirkstoffhersteller immer noch ein Wörtchen mitzureden. Das bisherige Verfahren, so Berater Veit, verlöre für die asiatischen Wirkstoffhersteller sofort an Attraktivität. "Dieser Verlust kann natürlich dazu führen, dass sie sich entschließen, diese Wirkstoffe nach Europa nicht mehr zu liefern und damit ist unsere Versorgung mit Wirkstoffen nach Europa gefährdet. Das ist politisch nicht gewollt."

Für einen  Ausweg aus diesem Dilemma würde nur ein radikales Umdenken helfen, meint Ulrike Holzgrabe von der Uni Würzburg. "Die Welt müsste sich einig sein, dass sie alle die gleichen Regularien hat für das, was sie in Indien und China kaufen. Wenn das der Fall wäre, könnten wir Druck ausüben. Ich weiß nicht, ob Europa allein noch Druck ausüben kann."

Die Angst von Patienten, wie Petra Siegemund, dass Verunreinigungen in Medikamenten immer wieder vorkommen können, ist berechtigt. Anderthalb Jahre nach dem Valsartan-Skandal mit Millionen von betroffenen Patienten ist diese Schwachstelle im System offenbar geworden. Fragt sich, ob sie auch behoben wird.

Hier noch ein wichtiger Hinweis der Redaktion an betroffene Patienten: Bitte setzen sie keine Medikamente eigenmächtig ab, sondern gegebenenfalls nur in Rücksprache mit ihrem Arzt.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 21. Januar 2020 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2020, 05:00 Uhr