Rehe jagen gegen Waldsterben Jagdverband und Sachsenforst streiten um Jagdquote

Die deutschen Wälder haben in den vergangenen Jahren unter Dürre, Stürmen und Borkenkäfern gelitten. Doch Wälder spielen eine wichtige Rolle für den Klimaschutz – als riesiger CO2-Speicher. Deswegen forciert die Bundesregierung den Waldumbau hin zu robusteren Mischwäldern. Das ist aber gar nicht so einfach, denn insbesondere Rehe und Hirsche haben eine Vorliebe für die Knospen heranwachsender Bäume. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will deswegen mehr Tiere abschießen lassen.

Reh frisst an einem dünnen Zweig mit Knospen an einem Busch oder Baum im kargen Wald. Ansicht von vorn.
Da Rehe die Knospen junger Bäume abfressen, könnten sie zu einem Problem bei dem Waldumbau hin zu Mischwäldern werden. Bildrechte: imago/blickwinkel

Der Staatsbetrieb Sachsenforst ist mit Julia Klöckner auf einer Linie. Die Landwirtschaftsministerin hatte Ende Juli ihren Entwurf zur Änderung des Bundesjagdgesetzes vorgelegt und darin auch die Ergebnisse des Waldgipfels 2019 einfließen lassen. Das Ergebnis: Es soll vermehrt Rehwild geschossen werden, damit sich die Wälder natürlich und ohne Schutzmaßnahmen verjüngen können.

Sachsens Landesforstpräsident Utz Hempfling erklärt: "Die Rehe und die Hirsche nutzen die jungen Waldbäume auch als Äsung. Sie nutzen insbesondere die Baumarten, die eben auch selten sind." Problematisch sei daran, dass ein hoher Wildtierbestand gerade Mischbaumarten während der Waldverjüngung herausfressen würde, sagt Hempfling. Damit würden seine Bemühungen, einen Waldumbau hin zu Mischwäldern zu betreiben, scheitern.

Nicht die "Ungezieferbekämpfer des Sachsenforsts"

Die Jäger sollen also ans Werk, sie sollen den Wildbestand verringern. Das wollen sie aber nicht. Jedenfalls nicht in dem Maße, wie es gefordert wird. Den Jagdunkundigen macht das erst einmal stutzig: Jäger sollen ein Problem damit haben, intensiver zu jagen? Dazu der Vizepräsident des sächsischen Landesjagverbandes, Wilhelm Bernstein:

Wir sind nicht der Erfüllungsgehilfe des Sachsenforsts, wir sind nicht die Ungezieferbekämpfer des Sachsenforsts. Wir haben uns verpflichtet, zu hegen und zu pflegen.

Wilhelm Bernstein Vizepräsident des Sächsischen Landesjagdverbands

Der Jagdverband lege Wert darauf, dass die Wildbestände auch künftig erhalten würden, damit ein vernünftiger Genaustausch in der Population möglich sei. Dass das, was uns gegeben worden sei an Natur, auch weiterhin erhalten bleibe. Und da gehöre das Wild dazu, erklärt Bernstein.

Forstpräsident wirft Jägern Eigeninteresse vor

Die Sorge um die Natur, um das Wild im Wald, nimmt der Sachsenforst den Jägern nicht ab. Forstpräsident Hempfling wirft den Waidmännern vielmehr vor, ureigene Interessen zu verfolgen. Es gehe in erster Linie um den Jagderfolg, ist er überzeugt.

Wenn die Jäger starke Hirsche erlegen wollten, bräuchten sie einen Unterbau aus zahlreichen weiblichen Tieren, Kälbern und mittelalten Rehen, sagt Hempfling: "Das heißt, wenn ich eine Zielsetzung verfolge, dass ich starke Hirsche mit den entsprechenden Trophäen jagen möchte, dann brauche ich einen höheren Wildbestand, als wenn ich diese Zielsetzung nicht habe."

Von einem Knochenkult unter seinen Jägerkollegen will Wilhelm Bernstein dagegen nichts wissen. Sicher würden auch Trophäen begutachtet, aber nur um den Bestand zu überprüfen, sagt er.  

Verhärtete Fronten

Die Jäger sind nicht gegen die Verjüngung der Wälder, sie wollen sie aber auf anderem Wege erreichen und sehen dabei auch die Waldbesitzer in der Pflicht. Eine Option: Die Jungpflanzen könnten umzäunt werden. So könnten die Bäume wachsen, ohne dass mehr Tiere geschossen werden müssten.

Für Landesforstpräsident Hempfling ist das aber keine Option: "Wir haben durch Sturmereignisse immer wieder, dass Bäume auf die Zäune geworfen werden. Dann kann das Wild eindringen und kann dort in den Kulturen zu Schaden gehen. Der Zaun bietet keinen sicheren Schutz." Daher hält er es für keine realistische Lösung, den Rehbestand hoch zu halten und die Bäume mit Zäunen zu schützen. Außerdem sei diese Variante teuer, sagt Hempfling.

Der Sachsenforst und die Jäger, sie kommen bislang nicht auf einen grünen Zweig. Und so sagt auch Jagdverbands-Vize Bernstein: "Das Licht am Ende des Tunnels ist momentan nicht zu erkennen, die Fronten sind verhärtet. Wir müssen Wege finden, wie wir zueinander kommen."

Natürlich seien die Jäger bereit, beim Waldumbau zu helfen, versichert Bernstein. Man werde auch die Hotspots, an denen vermehrt Schäden auftreten, jagdlich begleiten. Man erwarte aber auch ein Entgegenkommen des Sachsenforsts – und das sei bislang nicht zu erkennen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. September 2020 | 05:00 Uhr

7 Kommentare

Ulf vor 5 Wochen

Ich denke, dass Wissenschaftler Aussagen dazu treffen sollten, wieviel Wild in den Wäldern sein sollte, um einerseits den Waldumbau zu ermöglichen und andererseits eine gesunde Wildpopulation zu erhalten. Ein großflächiges Einzäunen von Wald kann keiner bezahlen und große Wildschäden sind nicht tolerierbar angesichts dessen, dass es dem Wald derzeit so schlecht geht.

richardrichy vor 5 Wochen

Es ist doch eigentlich eine ganz einfache Rechnung.
Wie viele Jahre braucht ein Rehwildbestand um sich zu erholen?
Und wieviele Jahre braucht ein Wald um sich zu erholen?
Ich denke die Antwort liegt auf der Hand.
Vielleicht noch etwas zum Nachdenken:
Kann es zuviel Wald bzw. Bäume geben?
Kann es zuviel Rehwild geben?
Wir Menschen sind für die Regulierung der Natur verantwortlich, zumindest so lange wir in dieser Gesellschaftsstruktur leben wie wir das eben jetzt tun.
Sollten wir irgendwann mal wieder in die Steinzeit zurück fallen reguliert sich die Natur auch wieder selbst.

Foerster vor 5 Wochen

@Jan
"Für mich ist beides - das Einzäunen und das Schiessen von Tiere nicht natürlich. Dann ist dass Einzäunen von Anzuchtflächen mir tausend mal lieber. Es ist nur günstiger die Tiere zu erschießen. Und da kommt wieder der bequeme Mensch zum vorschein. Traurig, dass im Endeffekt die Tiere auf der Strecke bleiben. Es sollte lieber dafür gesorgt werden, dass die natürlichen Feinde der Rehe, wieder eine Heimat in unseren Wäldern finden."

Prinzipiell stimme ich Ihnen in den meisten Punkten zu. Praktisch lässt sich das aber in den meisten Regionen Deutschlands leider nicht so umsetzen.

Die natürlichen Feinde der Rehe sind Luchse und Wölfe. Diese benötigen aber zig Quadratkilometer große Reviere, die in Deutschland nicht in ausreichender Größe und Anzahl verfügbar sind. Rehe und Wildschweine kommen mit angrenzender Zivilisation gut zurecht, deren natürliche Prädatoren leider nicht. Die Jagd als Ausgleich für fehlende Prädation ist daher die der Natur am nächsten liegende Ersatzmaßnahme.