Da Rehe die Knospen junger Bäume abfressen, könnten sie zu einem Problem bei dem Waldumbau hin zu Mischwäldern werden. Bildrechte: imago/blickwinkel

Rehe jagen gegen Waldsterben

Jagdverband und Sachsenforst streiten um Jagdquote

von Till Ganswindt, MDR AKTUELL

Stand: 20. September 2020, 15:30 Uhr

Die deutschen Wälder haben in den vergangenen Jahren unter Dürre, Stürmen und Borkenkäfern gelitten. Doch Wälder spielen eine wichtige Rolle für den Klimaschutz – als riesiger CO2-Speicher. Deswegen forciert die Bundesregierung den Waldumbau hin zu robusteren Mischwäldern. Das ist aber gar nicht so einfach, denn insbesondere Rehe und Hirsche haben eine Vorliebe für die Knospen heranwachsender Bäume. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will deswegen mehr Tiere abschießen lassen.

Der Staatsbetrieb Sachsenforst ist mit Julia Klöckner auf einer Linie. Die Landwirtschaftsministerin hatte Ende Juli ihren Entwurf zur Änderung des Bundesjagdgesetzes vorgelegt und darin auch die Ergebnisse des Waldgipfels 2019 einfließen lassen. Das Ergebnis: Es soll vermehrt Rehwild geschossen werden, damit sich die Wälder natürlich und ohne Schutzmaßnahmen verjüngen können.

Sachsens Landesforstpräsident Utz Hempfling erklärt: "Die Rehe und die Hirsche nutzen die jungen Waldbäume auch als Äsung. Sie nutzen insbesondere die Baumarten, die eben auch selten sind." Problematisch sei daran, dass ein hoher Wildtierbestand gerade Mischbaumarten während der Waldverjüngung herausfressen würde, sagt Hempfling. Damit würden seine Bemühungen, einen Waldumbau hin zu Mischwäldern zu betreiben, scheitern.

Nicht die "Ungezieferbekämpfer des Sachsenforsts"

Die Jäger sollen also ans Werk, sie sollen den Wildbestand verringern. Das wollen sie aber nicht. Jedenfalls nicht in dem Maße, wie es gefordert wird. Den Jagdunkundigen macht das erst einmal stutzig: Jäger sollen ein Problem damit haben, intensiver zu jagen? Dazu der Vizepräsident des sächsischen Landesjagverbandes, Wilhelm Bernstein:

Wir sind nicht der Erfüllungsgehilfe des Sachsenforsts, wir sind nicht die Ungezieferbekämpfer des Sachsenforsts. Wir haben uns verpflichtet, zu hegen und zu pflegen.

Wilhelm Bernstein | Vizepräsident des Sächsischen Landesjagdverbands

Der Jagdverband lege Wert darauf, dass die Wildbestände auch künftig erhalten würden, damit ein vernünftiger Genaustausch in der Population möglich sei. Dass das, was uns gegeben worden sei an Natur, auch weiterhin erhalten bleibe. Und da gehöre das Wild dazu, erklärt Bernstein.

Forstpräsident wirft Jägern Eigeninteresse vor

Die Sorge um die Natur, um das Wild im Wald, nimmt der Sachsenforst den Jägern nicht ab. Forstpräsident Hempfling wirft den Waidmännern vielmehr vor, ureigene Interessen zu verfolgen. Es gehe in erster Linie um den Jagderfolg, ist er überzeugt.

Wenn die Jäger starke Hirsche erlegen wollten, bräuchten sie einen Unterbau aus zahlreichen weiblichen Tieren, Kälbern und mittelalten Rehen, sagt Hempfling: "Das heißt, wenn ich eine Zielsetzung verfolge, dass ich starke Hirsche mit den entsprechenden Trophäen jagen möchte, dann brauche ich einen höheren Wildbestand, als wenn ich diese Zielsetzung nicht habe."

Von einem Knochenkult unter seinen Jägerkollegen will Wilhelm Bernstein dagegen nichts wissen. Sicher würden auch Trophäen begutachtet, aber nur um den Bestand zu überprüfen, sagt er.  

Verhärtete Fronten

Die Jäger sind nicht gegen die Verjüngung der Wälder, sie wollen sie aber auf anderem Wege erreichen und sehen dabei auch die Waldbesitzer in der Pflicht. Eine Option: Die Jungpflanzen könnten umzäunt werden. So könnten die Bäume wachsen, ohne dass mehr Tiere geschossen werden müssten.

Für Landesforstpräsident Hempfling ist das aber keine Option: "Wir haben durch Sturmereignisse immer wieder, dass Bäume auf die Zäune geworfen werden. Dann kann das Wild eindringen und kann dort in den Kulturen zu Schaden gehen. Der Zaun bietet keinen sicheren Schutz." Daher hält er es für keine realistische Lösung, den Rehbestand hoch zu halten und die Bäume mit Zäunen zu schützen. Außerdem sei diese Variante teuer, sagt Hempfling.

Der Sachsenforst und die Jäger, sie kommen bislang nicht auf einen grünen Zweig. Und so sagt auch Jagdverbands-Vize Bernstein: "Das Licht am Ende des Tunnels ist momentan nicht zu erkennen, die Fronten sind verhärtet. Wir müssen Wege finden, wie wir zueinander kommen."

Natürlich seien die Jäger bereit, beim Waldumbau zu helfen, versichert Bernstein. Man werde auch die Hotspots, an denen vermehrt Schäden auftreten, jagdlich begleiten. Man erwarte aber auch ein Entgegenkommen des Sachsenforsts – und das sei bislang nicht zu erkennen.

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Stirbt unser Wald? Wissenschaft zwischen Baum und Borke

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 20. September 2020 | 05:00 Uhr

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