Schüler während einer Unterrichtsstunde
Ein erteilter Tadel wird in der Schülerakte vermerkt. Bildrechte: imago images / photothek

Erziehungsmittel in der Schule Wann können Lehrer einen schriftlichen Tadel geben?

Der 10-jährige Sohn eines MDR-AKTUELL-Hörers aus Sachsen-Anhalt hat während der Unterrichtszeit kurzzeitig das Schulgelände verlassen, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. Dennoch: ein klarer Verstoß gegen die Schulordnung. Dafür kassierte er einen mündlichen Tadel, dem ein schriftlicher Vermerk folgte. Der Vater möchte nun wissen, ob sich Lehrer oder Schule beim Einsatz von Erziehungsmitteln an gesetzliche Vorgaben halten müssen oder nicht.

von Regine Förster, MDR AKTUELL

Schüler während einer Unterrichtsstunde
Ein erteilter Tadel wird in der Schülerakte vermerkt. Bildrechte: imago images / photothek

Ein Tadel – das kommt im Schulalltag nicht allzu oft vor. Und klar: Es gibt Regeln, wann und wie ein so herausragendes Erziehungsmittel eingesetzt werden darf. Im Beamtendeutsch formuliert heißt es zum "mündlichen Tadel mit schriftlichem Vermerk" im Erlass des Kultusministeriums von Sachsen-Anhalt: "Diese Maßnahme sollte im Allgemeinen nur nach erfolgloser Ermahnung angewandt werden. Der Anlass zu dem Tadel ist zu vermerken und der schriftliche Vermerk zu den Schülerakten zu nehmen."

Schüler erhält Tadel ohne vorangegangene Ermahnung

Eine Ermahnung gab es vorher nicht, erklärt der betroffene Vater. Doch die Formulierung "sollte im Allgemeinen nur nach erfolgloser Ermahnung angewandt werden", lasse Spielraum für die pädagogische Entscheidung der Lehrer, erklärt Udo Zeidler, Schulrechtsexperte des Landesschulamts Halle.

Lehrer "müssen situativ darauf einwirken können", erläutert Zeidler. "Sie müssen sagen können: Okay, der Schüler ist schon mehrfach aufgefallen, dann darf ich ein schärferes Erziehungsmittel anwenden als gegenüber einem Schüler, der erstmalig aufgefallen ist." Dass sein Sohn nicht pflegeleicht sei, wisse er, sagt der Vater. Dennoch hielt er weder den Anlass für einen Tadel angemessen noch die Standpauke vor versammelter Klasse.

Vertrauensvorschuss an Schulen und Lehrer sinnvoll

Eine rechtliche Handhabe gebe es allerdings nicht, sagt Schulrechtsexperte Udo Zeidler, da es sich dabei nicht um sogenannte Verwaltungsakte handle. Doch Zeidler meint auch: "Die Eltern sind natürlich nicht rechtlos, nur weil sie keine förmlichen Rechtsbehelfe haben. Sie könnten zum Beispiel eine formlose Beschwerde an den Schulleiter richten." Außerdem könnten sie sich auch weiter an das Landesschulamt wenden.

Allerdings sagt Erziehungswissenschaftler Rolf Torsten Kramer von der Uni Halle, wenn Eltern wollen würden, dass die Schule erzieherisch tätig werde – eine Aufgabe, die naturgemäß vor allem den Eltern obliege – dann heiße das auch: "In gewisser Weise müssen Eltern einen Vertrauensvorschuss in die Schule und in die Lehrer geben." Und zwar insofern, "dass sie ihnen zutrauen, diese Aufgabe der Vermittlung von Normen und Werten angemessen und in ihrem Sinne zu erfüllen."

Tadel nach Schulformwechsel nicht mehr in Schülerakte

Erziehung funktioniere am besten, wenn die pädagogische Beziehung zwischen Lehrer und Schüler auf Vertrauen und Anerkennung basiere, meint Erziehungswissenschaftler Kramer. Notwendig seien Erziehungsmaßnahmen trotzdem, um "die Nichtanerkennung zum Ausdruck zu bringen", wenn die Schüler "bestimmte Erwartungen in Bezug auf soziales Verhalten" nicht erfüllen.

Hier müsse immer wieder neu nachgedacht werden in Kooperation und im Gespräch mit den Eltern – am besten, wenn sich die erste Aufregung gelegt habe, erklärt Kramer weiter. Das heiße aber auch für die Lehrer das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen. Denn im Schulalltag "ist ja alles hektisch und schnell. Und dann agiert man mal so, wie es gerade passiert ist und es rutschen einem Sachen raus, die vielleicht nicht so einfach begründbar sind. Aber dem muss man sich stellen und auch den Mut haben, das gegenüber Eltern zuzugeben."

Im gemeinten Fall gelang das nicht. Inzwischen hat der Sohn unseres Hörers in eine weiterführende Schule gewechselt. Der Tadel sei dort nicht bekannt, versichert Udo Zeidler vom Landesschulamt: "Die Schülerakte geht bei einem Schulformwechsel in Sachsen-Anhalt derzeit nicht weiter." Gelegenheit also für einen Neuanfang – für alle Beteiligten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. November 2019 | 07:24 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2019, 05:00 Uhr

8 Kommentare

winfried vor 1 Wochen

Simone, früher waren Lehrer beachtet, geachtet, mitunter gefürchtet. Auf jeden Fall wären sie ein geschteter Beruf und vor Ort eine Autorität.
Heute vergleiche ich Schule mit einer Irrenanstalt, in der das Personal als solches nicht zu erkennen ist, nur "dass es den Schlüssel hat".

Chemnitzer vor 1 Wochen

Ob der Schulwechsel bei Aussprache eines Tadels angemessen ist, bezweifle ich stark. Der Schüler wird auch im späteren Leben nicht immer gleich von Dannen ziehen können...Als Eltern würde ich das ablehnen.Wer etwas ausgefressen hat, muss auch dazu stehen und es ggf. wieder gutmachen. Muss man denn den Eltern von heute alles vorkauen? Wenn die Eltern die Versetzung beantragt haben, dann liegen sie einfach falsch.

Simone vor 1 Wochen

Kann es sein, dass sie in bisschen primitiv unterwegs sind, was das Thema Kindererziehung angeht?

Wenn man ihnen zuhört, dann fragt man sich, ob alle Probleme in der Schule durch ausreichend Prügel zu lösen sind. Ein Lehrer hat ein Kind nicht körperlich zu bestrafen. Das sollte inzwischen auch dem letzten Deppen klar sein.

Als Pädagoge hat man doch durchaus andere Möglichkeiten als die der Körperverletzung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen um seine Ziele umzusetzen.

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