Krawatte hat ausgedient Schlips auf dem Rückzug: Über das Verschwinden eines Kleidungsstücks

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

In deutschen Büros geht es heute weniger förmlich zu als noch vor einigen Jahren – zumindest in Sachen Mode. Krawatten sind in vielen Unternehmen längst keine Pflicht mehr. Selbst Banker und Konzernchefs zeigen sich häufiger ohne Binder und stattdessen mit luftigem Hemdkragen. Auch in der Oper oder im Theater ist der Schlips auf dem Rückzug. Für die Männer mag das gemütlicher sein, doch die Hersteller verzeichnen Umsatzeinbußen.

Ein Mann bindet sich die Krawatte
Ist die Krawatte am Aussterben? Bildrechte: imago images/Cavan Images

Wenn man sich zur klassischen Bürozeit, etwa am Montagnachmittag, in der Hallenser Innenstadt umsieht, fällt auf: Die Krawattendichte ist auffällig gering. Stattdessen: Polohemden, T-Shirts, offene Kragen.

Sylke Seelig-Hinsche findet das bedauerlich. Die gelernte Schneiderin betreibt seit elf Jahren ein Herrenmodengeschäft in Halle. In den Regalen stapeln sich die Hemden, auf den Bügeln hängen Sakkos und Blazer. Daneben verschiedenfarbige Krawatten. Eine Krawatte sei ein Statement, sagt Seelig-Hinsche: "Als Handwerker muss man nicht mehr mit einer Krawatte zum Kunden gehen. Aber irgendwo sage ich meinem Gegenüber in dem Moment, wenn ich eine Krawatte umtue: Ich bin wichtig. Wer sich schön anzieht, wer eine Krawatte oder eine Fliege ummacht, der verkauft sich und seine Ideen auch besser, weil das Gegenüber nimmt einen anders wahr."

Importe und Exporte sinken

Trotzdem merkt auch Sylke Seelig-Hinsche, dass sich der Schlips auf dem Rückzug befindet. Das untermauern Zahlen des Statistischen Bundesamts. Es sammelt Daten, wie viele Krawatten, Schleifen oder Fliegen pro Jahr importiert werden. 2010 waren es mehr als 21 Millionen Stück. 2019 nur noch gut 13 Millionen. Auch bei den Exporten gibt es einen Rückgang.

Ist Alexis Tsipras Schuld?

Alexis Tsipras
Bis heute trägt er keine Krawatte: Alexis Tsipras. Bildrechte: dpa

Woran liegt das? Natürlich geht es um Bequemlichkeit. Herrenausstatterin Seelig-Hinsche hat aber noch eine interessante Theorie, die mit dem früheren griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zusammenhängt: "Das war in der Griechenland-Krise und er hatte da gesagt: Ich trage erst wieder Krawatte, wenn meine Wünsche erfüllt sind. Und das hat Kreise gezogen. Er hat sie aus Protest abgelegt zu seinen Verhandlungen. Und viele haben es dann weggelassen, weil sie gesagt haben: Der macht’s ja auch nicht."

Gerd Müller-Thomkins ist der Geschäftsführer des Deutschen Modeinstituts. Er glaubt, dass das Verschwinden der Krawatte mit der gesellschaftlichen Liberalisierung zu tun hat: "Es geht also eigentlich immer darum, dass man sich dem Zeitgeist entsprechend orientiert. Die Emanzipation, das Befreien von vermeintlichen Zwängen. Und das findet nachgeholt auch bei Männern statt. Also auch Männer haben das Bedürfnis, sich zu befreien von dem Joch ihrer Männlichkeit. Und da leidet unter Umständen die Krawatte."

Es gibt noch Hoffnung für die Krawatte

Tot sei der Binder damit aber noch lange nicht, meint Müller-Thomkins. Deswegen kürt das Deutsche Modeinstitut auch jedes Jahr den Krawatten-Mann. Müller-Thomkins verweist auf manchen jungen Träger, der den Schlips wieder als Accessoire entdeckt und ihn nicht mehr – um bei seinen Worten zu bleiben – als Joch der Männlichkeit empfindet: "Die nachwachsenden Männergenerationen, die dieses Problem ihrer Väter vielleicht nicht mehr mit sich herumtragen, die greifen dann vielleicht wieder zu einem solchen Utensil, weil es für sie etwas Neues ist."

So gilt für die Krawatte, was in der Mode generell Regel ist: Was gestern out war, kann morgen schon wieder angesagt sein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. September 2020 | 06:54 Uhr