Mythos Tuberkulose-Impfung Warum hat der Osten weniger Corona-Fälle?

Die ostdeutschen Bundesländer sind weniger von Corona betroffen als der Rest der Republik. Hat es mit Tuberkulose-Impfungen zu DDR-Zeiten zu tun, wie mancherorts behauptet?

Die Illustration zeigt stilisierte SARS-CoV-2-Viren, die die COVID-19-Grippe auslösen.
Mit dem Sars-CoV-2-Virus stecken sich Menschen in Mitteldeutschland offenbar seltener an, als im Rest der Republik. Bildrechte: dpa

Dass die Tuberkulose-Impfungen die DDR-Bevölkerung auch heute noch und vor dem Sars-CoV-2-Virus schützen, sei zwar eine schöne Idee, aber eigentlich nicht beweisbar, sagt Michael Borte. Er arbeitet am Leipziger Sankt-Georg-Klinikum und ist Mitglied der sächsischen Impfkommission.

Vom Ansatz her sei es nicht ganz falsch gedacht, so Borte: "Es gibt Hinweise dafür, dass lebende Impfungen einen günstigen Effekt haben, weil sie unser Immunsystem in bestimmte Richtung triggern."

Bei lebenden Impfungen - wie beispielsweise der Tuberkulose-Impfung BCG – wird ein abgeschwächter Erreger injiziert. Forschungsdaten aus einigen afrikanischen Ländern zeigen, dass dieser Impfstoff die Kinder auch vor anderen Infektionskrankheiten schützt, die durch Viren verursacht werden, erzählt Impfexperte Borte.

Aber "ob das jetzt auf die DDR-Population, die mit dem BCG-Impfstoff geimpft ist, zutrifft, das ist spekulativ", so Borte weiter.

Tuberkulose-Impfung BCG

Die BCG-Impfung gegen Tuberkulose wird von der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut seit 1998 nicht mehr empfohlen. Grund dafür ist ein geringes Ansteckungs-Risiko (unter 0,1 Prozent) in Deutschland. Außerdem wirkt der Impfstoff nur etwa bei jedem zweiten und hat viele Nebenwirkungen.

Gesellschaftsstruktur möglicher Faktor

Allerdings gibt es andere Gründe, warum Covid-19 den Osten weniger hart getroffen hat als den Westen. Der Soziologe Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz sieht etwa die geringere Bevölkerungsdichte als einen wesentlichen Faktor.

Wir haben einen höheren Anteil an ländlichen beziehungsweise ländlich geprägten Regionen und einen höheren Anteil der Bevölkerung, die in diesen Regionen wohnt. Und das heißt, dass der Raum nicht so sozial verdichtet ist, wie zum Beispiel in den Zentren im Rhein-Ruhr-Gebiet.

Prof. Raj Kollmorgen, Soziologe

Zudem sei die ostdeutsche Bevölkerung im Schnitt viel älter, erklärt Kollmorgen. So gebe es Landkreise in Sachsen, in denen das Durchschnittsalter 50 Jahre betreffe. "Auch da ist die Mobilität deutlich geringer und das bedeutet, dass die Übertragungswege eben nicht so genutzt werden oder anders beschaffen sind, als in urbanen, verdichteten Räumen."

Mitteldeutsche Unternehmen mit weniger Kontakt ins Ausland

Ein weiterer möglicher Grund sei die unterschiedliche Struktur der Wirtschaft in Ost und West, denkt Joachim Ragnitz vom Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut Dresden. So seien ostdeutsche Unternehmen meist kleiner und hätten weniger Kontakt zu anderen Unternehmen.

Gerade in der Anfangsphase hatten sie weniger Kontakt zu Geschäftspartnern im Ausland.

Joachim Ragnitz Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut Dresden

Das hat laut Ragnitz auch dazu beigetragen, "dass die Verbreitung hier nicht ganz so stark ist, wie in den stark Export-orientierten Ländern."

Zwar sei China insbesondere für Sachsen der wichtigste Handelspartner, doch dabei gehe es eher um die Herstellung und Weiterverarbeitung von Produkten wie Halbleiter, als um Geschäftsreisen, bei denen man in persönlichen Kontakt kommt, sagt Wirtschaftsexperte Ragnitz.

Dass die ostdeutschen Bundesländer weniger von der Corona-Pandemie betroffen sind, lässt sich also vor allem durch die strukturellen Unterschiede erklären. Nichtsdestotrotz kann das Virus sich auch hierzulande schnell verbreiten, wenn die Schutzmaßnahmen nicht eingehalten werden, warnen Experten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. April 2020 | 18:27 Uhr