Die Bombe liegt im Sand.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bombenfunde Weltkriegs-Blindgänger immer gefährlicher

Immer wieder stoßen Bauarbeiter auf Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Je älter sie werden, desto unberechenbarer wird ihre Entschärfung, betonen Kampfmittelexperten. Deswegen fordern sie zur Gefahrenabwehr "Kampfmittelbelastungskarten", die Auskunft über die Altlasten in einer Region geben.

Die Bombe liegt im Sand.
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Bislang unentdeckte Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg werden immer gefährlicher, je länger sie im Boden liegen. Das sagte Sprengmeister Holger Klemig vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen dem MDR-Magazin "Lebensretter". Konkret nimmt Klemig Bezug auf die vor einem Jahr in Dresden entschärfte britische Splitterbombe, bei der ein Baggerfahrer bei Bauarbeiten mit seiner Schaufel versehentlich den Zünder leicht eingedrückt hatte.

"Diese Bombe war so, dass ich nicht einschätzen konnte von außen, ob bei der geplanten händischen Entschärfung, also dem Ansetzen der Zange und Rausdrehen des Zünders, ob das gut gegangen wäre. Keiner kann sagen, wann so eine Bombe oder so ein Zünder die Auslösung einer Bombe initiiert", sagt Klemig. "Die Alterung der im Boden liegenden Munition ist ein Problem", bestätigt auch der renommierte Kampfmittel- und Sprengstoffexperte Wolfgang Spyra von der TU Cottbus. "Hier kommt es darauf an, dass die jeweiligen Fachkräfte bei einer Bergung mit der gestiegenen Gefahr umgehen können", betont Spyra.

2018 in Dresden: 9.000 Menschen nach Bombenfund evakuiert

Vor einem Jahr erlebte die Stadt Dresden eine ihrer größten Evakuierungsmaßnahmen. Nach dem Fund einer britischen Splitterbombe mussten 9.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden. Die Entschärfungsarbeiten dauerten zwei Tage und waren sehr kompliziert. Nach einer Teilzündung der Bombe während der Entschärfung musste erstmals auch ein ferngesteuerter Löschroboter eingesetzt werden. Die Evakuierung und weitere Hilfsmaßnahmen kosteten die Stadt Dresden laut Sprecherin Anke Hoffmann 146.600 Euro.

Zahl weiterer Bombenfunde in Dresden nicht abschätzbar

Die Anzahl der Bomben, die in Dresden noch gefunden werden, lässt sich nicht seriös abschätzen: Es gibt keine Unterlagen, die eine einigermaßen belastbare Prognose darüber zulassen.

Anke Hoffmann Sprecherin Stadt Dresden

Angesichts des erheblichen Baugeschehens im Rahmen der Innenstadtverdichtung könne das Brand- und Katastrophenschutzamt der Stadt, so Hoffmann, nicht ausschließen, dass es wegen Einsätzen zur Kampfmittelbeseitigung noch zu weiteren Großeinsätzen kommen wird. Eine Kostenplanung für Kampfmittelbeseitigungen gebe es auch deshalb nicht.

"Kampfmittelbelastungskarten" zur Gefahrenabwehr

Wolfgang Spyra fordert deshalb "ein geografisches Informationssystem für jeden Landkreis oder jede kreisfreie Stadt", in dem zur Gefahrenabwehr Altlasten verzeichnet werden. Eine solche Vorerkundung im Auftrag der Landesregierungen von Sachsen und Sachsen-Anhalt hat das Unternehmen "Luftbilddatenbank Dr. Carls" bereits durchgeführt. Daraus sind sogenannte "Kampfmittelbelastungskarten" hervorgegangen. Geograf Marco Eckstein, der für das Unternehmen im Bereich Luftbildauswertung und Kampfmittelvorerkundung arbeitet, bezeichnet diese selbst aber nur "als grobe Orientierung". Alles, was älter als fünf Jahre sei, bedürfe einer Überprüfung, da zwischenzeitlich neue Erkenntnisse durch weitere Luftbilder und Unterlagen vorliegen könnten.

Mehr Bombenfunde durch Bauboom vermutet

Marco Eckstein geht davon aus, dass durch den Bauboom in vielen Regionen nicht nur in den Städten vermehrt Blindgänger gefunden werden. "Auf dem Land sind noch viele Funde zu erwarten wegen fehlender Beräumung; und in der Stadt, weil dort einfach so viel abgeworfen wurde", so Eckstein.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensretter | 16. Mai 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 06:00 Uhr