Meine Wende Frank Fritzsche: Von der NVA zur Bundeswehr

Bei MDR AKTUELL fragen wir in dieser Woche Menschen, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sich die Wende so nie ereignet hätte. Wir porträtieren Menschen, deren Leben komplett umgekrempelt wurde. Einer dieser Menschen ist der Roßlauer Frank Fritzsche. Vor der Wende war er NVA-Major. Danach machte er in der Bundeswehr Karriere.

Frank Fritzsche ist jemand, der gern zeigt und erklärt. Am Stadtrand von Dessau, wo heute ein Golfplatz ist, weist er mit dem Finger auf ein viergeschossiges Backsteingebäude. Hier war früher eine Kaserne der Nationalen Volksarmee der DDR. Und da, ganz oben links, hatte er sein Büro, erzählt Frank Fritzsche – und führt durch das Gebäude: "Als ich hierher kam, im September 1978 als junger Leutnant, da war eben diese Räumlichkeit die Bekleidung- und Ausrüstungskammer. Wir hatten in Dessau sieben Kompanien."

Frank Fritzsche
Frank Fritzsche erzählt von seinen Anfangsjahren. Bildrechte: Andre Seifert/MDR

Bis 1990. Dann übernahm die Bundeswehr die Kaserne. Frank Fritzsche, heute 64 Jahre alt, hat beide Armeen miterlebt. Beide größtenteils in der Dessauer Kaserne. Ab 1978 im Ponton-Regiment 3 der NVA, wo er es bis zum Bataillons-Kommandeur schaffte. Und ab 1990 als Offizier der Bundeswehr.

Wechsel der Ideologie

Der Übergang zum Klassenfeind sei damals reibungslos gelaufen, erinnert sich Frank Fritzsche. Ideologische Zweifel? Nein, die habe er nicht gehabt.

Obwohl das in allen Beurteilungen drinnen steht, ich war nicht der Kommunist. Der innere Glaube hat gefehlt, das durfte man nicht sagen und nicht zeigen.

Frank Fritzsche

Zu NVA-Zeiten habe er sich gefragt, warum er und seine Kameraden auf einen Menschen aus dem Westen schießen sollten. "Das könnte genauso gut ein Schulkamerad gewesen sein, meine Tante gewesen sein, das war meine einzige Westverwandtschaft."

11.000 NVA-Soldaten übernahm die Bundeswehr nach eigenen Angaben. Zum Vergleich: Ende der 1980er-Jahre hatte die NVA noch knapp 180.000 Soldaten. Nicht alle seien mit dem Übergang klargekommen, erinnert sich Frank Fritzsche. Einige seiner Offizierskollegen hätten ihn überreden wollen, die Uniformen nicht zu wechseln. Doch für den gebürtigen Leipziger stand die Entscheidung fest: Er bewarb sich 1990 für die Bundeswehr und wurde angenommen.

Karriere beim Klassenfeind

In der neuen Armee der Einheit war Fritzsche einer der ersten, der auch West-Soldaten ausbilden durfte. Er war in Ingolstadt und Koblenz zu Lehrgängen unterwegs. Dort überraschte ihn zunächst ein anderes Verständnis von Disziplin und Ordnung. "Mir ging es so, wenn man in einen Bereich kam im Westen, dass es da nicht gerade ordentlich aussah und dass die Soldaten ein bisschen Nonchalance ein Verhältnis hatten zum Vorgesetzten. Und da haben wir erstmal überlegt, ist das jetzt richtig, ist das normal?"

Auch mit der neuen Technik in der Bundeswehr haderte Fritzsche anfangs. Vertraut war er ja mit NVA-Technik, die größtenteils aus der Sowjetunion kam: "Es geht hier um den Bau von Fähren und Brücken. Und die russische Technik war einfach robust. Und die neue Technik war hoch mit Elektronik bestückt und dieses Elektronische ist oft ausgefallen."

Werdegang vorherbestimmt

Was wäre, wenn die Wende nicht gekommen wäre? Diese Frage hat er sich bislang nicht gestellt, erzählt Frank Fritzsche. Inzwischen hat der Vater von vier Kindern seine Stasi-Akte gelesen und dabei entdeckt, dass NVA, Armee und Partei seine Laufbahn längst festgelegt hatten. Und zwar schon vor seinem Studium in Moskau. "Major Fritzsche ist für eine Verwendung in einer höheren Position, zum Beispiel als Regiments-Kommandeur, nicht geeignet", stand in seiner Akte. Ohne Wende, so weiß Frank Fritzsche heute, wäre er wohl in einer Lehreinrichtung der NVA als Ausbilder gelandet. 

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2020 | 07:53 Uhr