Sabine Bergmann-Pohl Sechs Monate, die ein ganzes Leben prägen

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Bei MDR AKTUELL fragen wir in dieser Woche Menschen, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sich die Wende so nie ereignet hätte. Wir porträtieren Menschen, deren Leben komplett umgekrempelt wurde. Einer dieser Menschen ist Sabine Bergmann-Pohl. Sie war das letzte Staatsoberhaupt der DDR und verkündete den Beitritt zur Bundesrepublik. Ein Moment, der ihr ganzes Leben verändern sollte.

Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990.

Sabine Bergmann-Pohl, Präsidentin der DDR-Volkskamer 1990

In den frühen Morgenstunden des 23. August 1990 besiegelte eine Lungenärztin die deutsche Wiedervereinigung. Als Sabine Bergmann-Pohl den wohl bedeutsamsten Satz ihrer parlamentarischen Laufbahn sprach, war sie noch Polit-Neuling. Erst seit fünf Monaten bekleidete sie das Amt der Volkskammer-Präsidentin – und dann diese Nacht.

Bergmann-Pohl erinnert sich: "Die ganze Presse wartete. Die Besuchertribüne war voll, Diplomaten saßen im Volkskammersaal. Alle wussten, in dieser Nacht passiert irgendwas." Sie selbst sei in einem "Arbeitsmodus" gewesen und habe gar nicht wahrgenommen, "was das für eine historische Stunde ist".

Oberhaupt eines untergehenden Landes

30 Jahre später bestimmt dieser Augenblick nach wie vor Sabine Bergmann-Pohls Leben. Obwohl sie inzwischen Mitte 70 ist, Rentnerin mit zahlreichen Ehrenämtern und einer Karriere, die vielseitiger kaum sein könnte: Die gebürtige Thüringerin war Katalog-Model, ärztliche Direktorin, später auch Präsidentin des Berliner Roten Kreuzes. Trotzdem empfängt sie auf ihrem Seegrundstück südlich von Berlin seit Wochen Journalisten und erzählt vom Ende der DDR, dem Weg hin zur Einheit, ihrem halben Jahr als Oberhaupt eines untergehenden Landes – sehr sachlich, als wäre sie noch immer Staatschefin. Diese Zeit damals habe sie geprägt, erzählt sie.

Wenn Sie von heute auf morgen ohne parlamentarische Vorerfahrung in die zwei höchsten Staatsämter geworfen werden, dann ist das so eine Herausforderung.

Learning by doing

Sie habe damals gar nicht über die Verantwortung nachgedacht, sondern einfach gearbeitet nach dem Prinzip: learning by doing, erzählt die Christdemokratin, die eigentlich nie in die Politik wollte. Kaum ein Arbeitstag habe damals vor Mitternacht geendet. Und am 3. Oktober, "als ich endlich alles abgeben konnte, war ich der glücklichste Mensch".

Wollte nie ihren Arzt-Beruf aufgeben

Sie habe eigentlich nie ihren Beruf als Ärztin aufgeben wollen. Doch durch die politische Entwicklung kam alles anders: In der Regierung Helmut Kohls wurde Bergmann-Pohl zur Stimme des Ostens – erst als Bundesministerin für besondere Aufgaben, dann als Staatssekretärin im Gesundheitsministerium.

Zeit, das Leben zu genießen

Und auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 2002 ließ das Thema Wiedervereinigung sie nicht los. Sie hielt unzählige Vorträge, nahm an Diskussionen und anderen Veranstaltungen teil, beantwortete Briefe und Anfragen. In der Corona-Zeit habe sie das erste Mal ihr Rentnerdasein genießen können, so die 70-Jährige.

Nun, zum 30. Jahrestag der Einheit, sieht Bergmann-Pohl ihre Aufgabe als erfüllt an. Dann lächelt sie und sagt: Es sei an der Zeit, das Leben zu genießen.

"Meine Wende" – alle Teile dieser Serie

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Oktober 2020 | 05:00 Uhr