Leipziger Buchmesse Wer kommt nach der Absage für Umsatzausfälle auf?

Beim Publikum der Buchmesse ist die Enttäuschung groß. Ärger macht die Absage natürlich denen, die viel Geld in die Vorbereitung gesteckt haben oder Gewinneinbußen haben. Bleiben sie auf den Kosten sitzen?

Menschen vor einem Bücherregal
Wenn die Buchmesse ausfällt, können die Händler keine Umsätze machen. Tritt jemand für die Schäden ein? Bildrechte: dpa

Auf dem großen Bildschirm im Café der Leipziger Moritzbastei wird sie noch beworben, die "Lange Leipziger Lesenacht". Am nächsten Mittwoch und Donnerstag sollten 80 Autoren auf vier Bühnen lesen.

Vielleicht kann die Veranstaltung ja doch noch stattfinden, wenn auch in abgespeckter Form – das hofft jedenfalls Thorsten Reitler, Pressesprecher der Moritzbastei. Was definitiv abgesagt worden sei, sei der Ausstellerabend der Leipziger Buchmesse: "Da reden wir über einen Abend mit etwa 1.000 Personen, das ist ein Umsatzausfall. Im März 2019 machte das, was wir an diesem einen Tag erwirtschaftet haben, zum Beispiel rund 20 Prozent des Monatsumsatzes aus. Das ist natürlich eine Hausnummer."

Kein Fall von höherer Gewalt

Die Moritzbastei ist eine von Tausenden Betroffenen. Welche Regressansprüche jeder Einzelne bei Absagen hat, ist eigentlich in den Verträgen oder Allgemeinen Geschäftsbedingungen geregelt. Doch es gibt Sonderfälle. Thomas Waetke betreibt die Internetseite "www.eventfaq.de". Er hat sich auf Veranstaltungsrecht spezialisiert und erklärt:

Man hört immer, es gehe um höhere Gewalt. Höhere Gewalt habe ich aber nur, wenn eine Behörde, wie das Gesundheitsamt, die Veranstaltung verbietet.

Thomas Waetke Betreiber der Internetseite Internetseite www.eventfaq.de

Das ist in Leipzig nicht geschehen. Die Stadt Leipzig und die Leipziger Messe haben die Absage beschlossen. Und zwar mit dem Hinweis darauf, dass es nicht sicherzustellen sei, dass jeder der rund 280.000 Besucher schriftlich belegen könne, nicht aus einem definierten Risikogebiet zu stammen oder Kontakt zu Personen aus Risikogebieten gehabt zu haben. Diese Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen soll derzeit bei Großveranstaltungen gewährleistet werden. Das führt dazu, dass Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis stehen. Hier könnte Paragraf 275 des Bürgerlichen Gesetzbuches greifen, so Rechtsanwalt Waetke: "Das heißt zum einen, ich muss rückabwickeln. Das hat den großen Vorteil, dass ich mich nicht schadenersatzpflichtig mache."

Ob es eine Ausfallversicherung für Aussteller gibt, ist noch unklar

2.500 Aussteller wurden zur Buchmesse erwartet. Die Rückabwicklung würde, so Rechtsanwalt Waetke, bedeuten, dass die Aussteller ihre schon gezahlten Standmieten zurückbekommen – vollständig oder zu einem großen Teil. "Insbesondere, wenn der Veranstalter versichert wäre, heißt das, man bekommt in der Regel alles zurückerstattet."

Ob die Leipziger Messe eine solche Ausfallversicherung abgeschlossen hat, war zunächst nicht zu erfahren. Auf Anfrage von MDR AKTUELL teilte die Messe nur schriftlich mit: "Die Verträge sind sehr unterschiedlich. Es gibt eine Task Force zum Thema Rückabwicklung, da das Buchmesse-Team das nicht alleine leisten kann." Wenn die Messe tatsächlich nicht schadenersatzpflichtig ist, werden Aussteller und andere Betroffene auf vielen Kosten sitzen bleiben, etwa für schon gebaute Messestände oder extra angefertigte Merchandise-Artikel.

Auch Hoteliers, Taxibranche und Handel betroffen

Erste Anfragen, wie mit Einnahmeausfällen und Regressansprüchen umzugehen ist, hätten die IHK Leipzig bereits erreicht, sagt Mario Bauer, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer: "Unternehmen können grundsätzlich mit uns und den Branchenberatern Kontakt aufnehmen. Da gibt es Möglichkeiten, wenn eine Krisensituation im Unternehmen ist, beispielsweise Finanzierungsinstrumente zu nutzen." Es gebe auch Programme der Sächsischen Aufbaubank, die man nutzen könne, um Forderungsausfälle zu kompensieren. "Das sind sogenannte Liquiditätshilfen, die als Darlehen zinsgünstig ausgereicht werden", erklärt Bauer.

Angesichts der vielen in Deutschland abgesagten Messen geht Holm Retsch, in Leipzig Geschäftsführer der Regionalstelle des Deutschen Hotel- und Gaststätten-Verbands, von Millionenverlusten aus. "Ich weiß auch, dass der Dehoga-Bundesverband mit dem Wirtschaftsministerium im Gespräch ist, um generell nach Lösungen zu suchen. Es sind ja nicht nur Hoteliers und Gaststättenbetreiber, da ist auch der Handel, das Taxigewerbe. Das muss sicherlich auf einer anderen Ebene besprochen und geklärt werden."

Auch in der Buchbranche, vor allem bei den kleinen Verlagen, ist die Sorge groß, dass die Verluste existenzbedrohend sein könnten. Die Moritzbastei will morgen entscheiden, ob sie den Autorinnen und Autoren, die trotz allem nach Leipzig kommen, eine Bühne bieten kann. Und mit der Messe, einem langjährigen Partner, werde man versuchen, sich gütlich zu einigen, statt auf die AGBs zu pochen, kündigt Pressesprecher Torsten Reitler an.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. März 2020 | 05:51 Uhr

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