Wanderer laufen am ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen entlang.
Bildrechte: dpa

Wochenserie Grünes Band: Vom Todesstreifen zur Lebenslinie

Dort, wo einst eine Grenze das Land zerschnitt, konnte sich die Natur unberührt entfalten. Im ehemaligen Grenzgebiet in Thüringen treffen wir Menschen, die hier leben oder gelebt haben und erzählen ihre Geschichten.

Wanderer laufen am ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen entlang.
Bildrechte: dpa

Unterwegs im ehemaligen Grenzgebiet

Unterwegs an der ehemaligen innerdeutschen Grenze in Thüringen ist Reporterin Johanna Hoffmeier auf der Suche nach Geschichten. Dort, wo über Jahrzehnte Familien, Freunde und ganze Dörfer entzweit wurden, ist ein Rückzugsort für bedrohte Arten entstanden. Heute ist das "Grüne Band" der größte Biotop-Verbund Deutschlands und könnte sogar darüber hinaus der größte in Europa werden.

Johanna Hoffmeier, Thüringerin und Wendekind, trifft Menschen, die im Grenzgebiet leben, gelebt haben oder sich dort für den Naturschutz einsetzen, und lernt so ein Stück ihrer Heimat und Geschichte besser kennen.


Teil 1

Vom Todesstreifen zum Lebensraum

Die Entdeckungsreise beginnt am Grenzlandmuseum Eichsfeld bei Teistungen. Rentner Lothar Wandt gibt hier heute Führungen an der ehemaligen Grenze und engagiert sich für den Naturschutz. Früher aber war er selbst Grenzer in diesem Streckenabschnitt und musste den Grenzbereich kontrollieren.

Von dort geht es weiter zum west-östlichen Tor zwischen Teistungen und Duderstadt. Hier trifft Johanna Karin Kowol vom BUND Thüringen. Der BUND hat an dieser Stelle die ersten Flächen für das Grüne Band gekauft. Für Karin Kowol ist das Grüne Band mehr als der größte Biotopverbund Deutschlands, es ist Begegnungsstätte.

Danach wandert Johanna nach Böseckendorf. Der Ort erlangte Bekanntheit, weil von dort im Oktober 1961 die größte Massenflucht der DDR ausging. 53 Menschen kamen der geplanten Umsiedlungsaktion der SED-Führung zuvor und flüchteten über die Grenze in den Westen. Ein paar Wochen später folgte eine weitere Familie. Mit dabei: Bernward Klingebiel. Er war 19 Jahre alt.


Teil 2

Unterwegs entlang der Werra

Es geht nach Lindewerra. Der kleine Ort liegt – wie der Name schon sagt – direkt an der Werra im Westen Thüringens. Damit liegt er auch unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, im ehemaligen Sperrgebiet. Bekannt ist Lindewerra für sein Stockmacherhandwerk.

Johanna Hoffmeier trifft Michael Geyer, einen der letzten Stockmacher seiner Art, in seiner Werkstatt – und den Bürgermeister des Ortes, Gerhard Pfropf, auf der neu gebauten Werrabrücke. Im April 1945 wurde die alte Brücke des Ortes von der Wehrmacht gesprengt und erst 1999 wieder eröffnet. Zusammen mit Ortschronist Josef Keppler besteigt Johanna Hoffmeier die Teufelskanzel, von der man einen einmaligen Blick über die Grenzregion an der Werra hat.


Teil 3

Das Leben mit der Grenze

Johanna Hoffmeier ist zu Gast in Wahlhausen, einem Nachbarort Lindewerras. Der 72-Jährige Horst Zbierski, ehemaliger Bürgermeister des Ortes, erzählt, wie das Leben damals war – so nah an der Grenze. Außerdem zeigt er das Wohnhaus, auf das am 18. August 1989 geschossen wurde und das so über die Landesgrenzen hinaus Bekanntheit erlangte. Gerüchten zufolge drückte die Staatssicherheit selbst ab, um von den inneren Protesten abzulenken. Danach geht es weiter nach Sickenberg. Der kleine Ort liegt direkt an der hessischen Grenze. Kristina Bauer hat hier nach der Wende einen alten Bauernhof gekauft, ihn aufwändig renoviert und betreibt dort ein Hofcafé. Bei ihr kehren viele Menschen aus Ost und West ein.


Teil 4

DDR-Geschichte im Grenzmuseum Schifflersgrund

Direkt neben Sickenberg liegt das Grenzmuseum Schifflersgrund. Dorthin gelangt man über den Kolonnenweg. An vielen Stellen am Grünen Band ist dieser noch genau so erhalten wie früher, als schwere Militärmaschinen über die Platten an der Grenze entlang fuhren. Hier trifft Johanna Hoffmeier Stefan Sander. Früher war er Grenz-Pionier, heute ist er Ranger und Naturparkführer. Er zeigt die Stelle, wo der damals 34-Jährige Heinz-Josef Große bei seinem Fluchtversuch aus DDR im März 1982 erschossen wurde.  Ein Birkenkreuz erinnert an die Tat. "Wenige Meter haben über Leben und Tod entschieden", so Stefan Sander. Zu Fuß geht es über den Gebirgszug Gobert am Grünen Band entlang zum höchsten Punkt des Eichsfeldes. Der wurde erst nach der Wende bekannt, denn zu Ostzeiten konnte man von hier in den feindlichen Westen gucken – ein weißer Fleck auf der Landkarte. Ein Highlight ist der Blick vom Gobert-Massiv ins Land. Letztes Ziel der Reise ist der Hülfensberg – er war zu DDR-Zeiten ein Sehnsuchtsort für viele Eichsfelder. Der Berg mit seinem Franziskanerkloster hat eine wechselvolle Geschichte. Da er direkt im Sperrgebiet lag, blieb es vielen verwehrt, dort hinauf zu gehen und Wallfahrten und Gottesdienste zu besuchen.

Dieses Thema im Programm: MDR um 4 | 15.–18. April 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 16:33 Uhr