Tierschutz Zucht im Zoo: Pro und Contra

Kann die Aufzucht in Zoos artgerecht sein? "Exakt" fragt zwei Experten mit ganz unterschiedlichen Ansichten: Jörg Junhold, Zoodirektor von Leipzig und James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund.

Tierschützer James Brückner und Zoodirektor Jörg Junhold im Gespräch 7 min
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Der Zoo Leipzig freut sich gerade über Nachwuchs im Elefantengehege. Elefantenkuh Rani hat am zweiten Januarwochenende einen Bullen geboren. Doch werden auch Erinnerungen wach an zuletzt traurige Meldungen über die Elefantenzucht in Leipzig: Elefantenbulle Bên Lòng musste im September 2019 im Alter von nur acht Monaten eingeschläfert werden. Das Muttertier hatte den Kleinen nicht angenommen. Im November starb Elefantenkuh Thura nach mehreren Fehlgeburten. Sie trug nach einer zuvor misslungenen und unterbrochenen Geburt seit Jahren zwei tote Kälber im Leib.

Sind Misserfolge bei einer Zucht im Zoo vorprogrammiert?

Sven Voss im Gespräch mit Gerd Nötzold zum Thema Tigerzuchtprogramm 4 min
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James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund fragt auch mit Blick auf derartige Schlagzeilen über verstorbene Jung- und Muttertiere nach der Sinnhaftigkeit so eines Arterhaltungsprogramms in einem Zoo. "Was auffällt ist, dass so ein moderner Zoo wie Leipzig trotz jahrzehntelanger Haltungserfahrungen noch Probleme hat bei Elefanten", erklärt der Tierschützer gegenüber mdr-exakt.  

Jörg Junhold, Direktor des Zoos Leipzig, verteidigt die Zucht der Tiere. Sicher sei, dass die Tiere im Zoo älter werden. "Das gilt auch für Elefanten übrigens. Weil die bei uns natürlich keine Feinde haben", führt Junhold weiter aus. Bei den Zuchtmisserfolgen müsse man jeden Fall gesondert betrachten - ob etwa Verletzungen vorgelegen hätten oder eine Unerfahrenheit des Muttertieres. Man könne als Ursache nicht die Zucht an sich sehen.

Arterhaltung durch den Zoo?

Volker Homes
Volker Homes ist der Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten e.V. Er hebt den Aspekt der Arterhaltung hervor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Zoobefürworter sehen einen Vorteil in der Arterhaltung bedrohter Tiere. 2017 wurden 350 Tiere aus den Zoos in die Wildnis entlassen. Doch für Giraffen, Eisbären und Elefanten etwa gibt es noch gar keine Auswilderungsprogramme. Volker Homes vom Verband der Zoologischen Gärten e.V. sieht darin noch keinen Widerspruch zur Zucht im Zoo. "Wir befürchten, dass gerade diese großen Tierarten drohen, von der Erde zu verschwinden", sagt er. So sei es wichtig, in den Zoos "eine Reservepopulation" zu haben, die zukünftig ausgewildert werden könne.

Ein Tiger in einem Gehege
Einblicke in das Tigergehege im Zoo Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit über 40 Jahren werden im Leipziger Zoo Amurtiger gezüchtet, mit gut 250 Nachkommen. Nur wenige hundert Tiere gibt es noch in freier Wildbahn. Die bisherigen wenigen Auswilderungsversuche seien gescheitert, erklärt Junhold. An weitere Vorhaben sei hier derzeit nicht zu denken. Die Tiere hätten immer wieder die Nähe des Menschen gesucht und seien dann als dessen natürlicher Feind bekämpft worden. Hier zeigt sich James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund kompromissbereit. "Wenn die Zoos sagen, wir züchten für die Zoos selber, okay. Aber, wenn die Tiere artgemäß gehalten werden können, ja. Bei Großkatzen ist das generell schwierig. Die Anlage hier ist ja relativ groß", schätzt der Tierschutzexperte die Lage im Zoo Leipzig ein.

Tiererlebnis und Bildungsauftrag

Vielen Menschen wird der Anblick von Elefanten in ihrem typischen Naturumfeld im Lauf ihres Lebens verwehrt bleiben. "Ich halte es auch für notwendig und wichtig, dass wir auch Menschen, die Elefanten nicht sehen können in freier Wildbahn, dass wir denen auch das Tiererlebnis hier im Zoo auch zukommen lassen", betont der Direktor des Leipziger Zoos, Jörg Junhold. Dafür tut der Zoo auch einiges. Die Elefantenanlage etwa wurde 2006 erneuert, die Außengehege erweitert, inklusive mehrerer Badebecken.

Auch Tierschützer James Brückner betont die pädagogischen Aspekte von Projekten, die Tierzucht zur späteren Auswilderung betreiben – allerdings die von heimischen Artenschutzprojekten. "Damit kann ich die Leute auch direkt auf die Wildnis vor der Haustür vorbereiten und bzw. auch, sage ich mal, Bildungsarbeit da machen", so Brückner. Nicht jeder Zoo müsse Elefanten oder Tiger haben. "Eine Spezialisierung wäre hier vielleicht schon ganz sinnvoll", gibt Brückner bei der Ausrichtung von Zoos zu bedenken.

Zwei Elefanten im Freigehege.
Die Elefantenanlage im Zoo Leipzig wurde 2006 erneuert. Im Zuge dessen wurden auch die Außengehege erweitert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 15. Januar 2020 | 20:15 Uhr