Kinderernährung Lob und Kritik für Zuckerverbot in Babytees

Künftig dürfen Baby- und Kleinkindertees nicht mehr gezuckert werden. Der Bundesrat stimmte vor einer Woche einer entsprechenden Verordnung von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner zu. Kräuter- und Früchtetees für Säuglinge oder Kleinkinder dürfen demnach nicht mehr mit Zucker und anderen süßenden Zutaten wie Honig, Malzextrakt, Sirup oder Dicksäften versetzt werden. Wie kommt das Verbot bei Ärzten und Verbraucherschützern an?

Würfelzucker
Zucker und andere süßende Zutaten sind zukünftig in Baby- und Kleinkindertees verboten. Bildrechte: colourbox

Melanie Ahaus ist Kinderärztin in Leipzig. Sie ist froh, dass nun zumindest ein Anfang gemacht wurde, auch wenn es erst einmal nur 37 derzeit erhältliche Produkte betrifft. Denn Zucker mache abhängig, sagt Ahaus, die auch Sprecherin des Bundesverbandes der Kinder-und Jugendärzte ist:

"Endlich ist es soweit, darauf haben wir Kinderärzte schon lange gewartet. Wir reden auch immer zu unseren Eltern über das Thema zuckerfreie Ernährung, vor allem in den ersten 1.000 Tagen. Zucker ist nun mal, ich sage immer gerne, der Schurke der Neuzeit, weil es wirklich für die Kinder sehr schädlich ist."

Foodwatch kritisiert Maßnahme als "Ablenkungsmanöver"

Denn in den ersten 1.000 Tagen entwickeln sich Essgewohnheiten, die ein Leben lang Einfluss haben können. Allein mit den zuckerfreien Babytees würde aber das Ziel, Fettleibigkeit und Fehlernährung zu bekämpfen, nicht erreicht, sagt Dario Sarmadi von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Foodwatch kritisiert die Maßnahme als Ablenkungsmanöver:

Wenn man sich anschaut, wie viele Produkte von dem Verbot betroffen sind, so sieht man, dass gesüßte Babytees ein absolutes Nischenprodukt sind, das im Einzelhandel ohnehin kaum mehr eine Rolle spielt.

Dario Sarmadi Foodwatch

So hätten die Hersteller schon in den letzten Jahren auf die Kritik reagiert, sagt Sarmadi weiter, und dafür gesorgt, "dass entweder die Rezepturen geändert wurden oder gesüßte Babytees ohnehin gar nicht mehr in den Handel kommen."

Das nun beschlossene Zuckerverbot betrifft also nur die Hersteller, die bislang nicht freiwillig umgesteuert haben. So erkläre sich auch die geringe Zahl von 37 betroffenen Tees, sagt Sarmadi.

Größere Sorge um andere Produkte

Viel wichtiger sei es, die vielen anderen viel zu süßen Produkte in den Regalen zu regulieren. Vor allem solche, die als besonders gesund beworben werden, wie Müsli zum Beispiel, meint Sarmadi: "Die WHO und die Ärzteschaft fordern seit Jahren wirkungsvolle Maßnahmen gegen Fehlernährung. Dazu gehört ein gesetzliches Verbot der Werbung an Kinder für unausgewogene Lebensmittel."

Außerdem brauche die EU für den Verbraucherschützer Sarmadi eine verpflichtenden Nutriscore-Ampel auf allen Produkten sowie eine Limo-Steuer nach britischem Vorbild, "das hat auch in Großbritannien schon sehr gut funktioniert."

Unklare Zuckerkennzeichnung auf Verpackungen

Auch für Kinderärztin Ahaus sind die irreführenden Verpackungen und die quietschbunte Werbung das größere Problem. Zwar gibt es in der neuen Verordnung eine Informationspflicht auf der Packung von 85 Produkten. Doch selbst, wenn die Inhaltsstoffe auf der Packung angegeben sind - viele Eltern könnten damit gar nichts anfangen, meint Ahaus: "Es kommt ja hinzu, dass nicht unbedingt auf der Verpackung drauf steht: Zucker. Sondern dann steht da Glucose oder Maltose oder Fructose – diese ganzen chemischen Bezeichnungen kennen manche Eltern ja auch gar nicht."

Zudem hat die Kinderärztin bei Eltern die Erfahrung gemacht, dass diese zwar angeben würden, ihren Kindern nur ungesüßte Tees zu geben, die sich aber bei einem genaueren Blick auf die Verpackung als gesüßte Krümeltees entpuppen würden.

Auch der Bundesverband der Kinder-und Jugendärzte hatte sich für eine Ampel stark gemacht, um eine bessere Orientierung für die Eltern zu erreichen. Kein Zucker ist natürlich auch keine Lösung, aber es komme auf die tägliche Menge an, sagt Ahaus.

Wenn Eltern Kontrolle darüber haben wollen, was ihr Kind trinkt oder isst, dann sei es am besten, die Tees oder das Essen einfach selbst zuzubereiten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Mai 2020 | 05:00 Uhr