Krisen-Situation Corona-Pandemie führt zu mehr psychischen Erkrankungen

Ayke Süthoff
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Die Corona-Krise ist für Menschen mit einer psychischen Krankheit eine doppelte Belastung: Nicht nur die Gefahr einer Covid-Erkrankung, auch die Maßnahmen zur Eindämmung machen ihnen zu schaffen. Doch es gibt immer mehr Hilfsangebote, die sich an die Betroffenen richten und ausgefallene Gruppentreffen und persönliche Begegnungen zumindest ein wenig ersetzen sollen.

Dass die Corona-Pandemie und die dagegen getroffenen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen führt, vermuten Experten schon lange. Schon die erste Welle im März und April dieses Jahres lieferte entsprechende Hinweise. Eine aktuelle Studie bestätigt nun den Zusammenhang zwischen Corona-Pandemie und psychischen Krisen. Demnach leiden Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen verstärkt unter der Corona-Krise.

Das liegt allerdings in erster Linie an Einschränkungen in der Behandlung. So berichteten 48 Prozent der befragten Betroffenen, dass Behandlungstermine beim Facharzt oder Psychotherapeuten ausgefallen seien, teilte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe in ihrem vierten "Deutschland-Barometer Depression" mit. Für einen Teil der Patienten seien allerdings Telefon- und Videosprechstunden eine gute Alternative.

Erhöhte Nachfrage nach Beratung

Maria Melzer vom Leipziger Bündnis gegen Depression e.V. hat tatsächlich eine erhöhte Nachfrage nach Beratungsangeboten festgestellt – allerdings schon vor Beginn der zweiten Welle.

"Im September haben wir festgestellt, dass sich mehr Menschen bei uns melden und sich für die Teilnahme an unseren Projekten interessieren als im Sommer", erzählt Melzer. Vielleicht habe das daran gelegen, dass die nahende dunkle Jahreszeit bevorstand, gleichzeitig aber das Infektionsgeschehen entspannter als im März wahrgenommen worden sei.

Als dann im Oktober die Infektionszahlen tatsächlich wieder stark stiegen, seien Betroffene in Bezug auf soziale Kontakte eher wieder vorsichtiger geworden. Das machte sich auch in der Nachfrage zu Beratung bemerkbar, vor allem bei Besuchen in der Beratungsstelle des Bündnisses gegen Depression.

Menschen mit Depression sind dem "Deutschland-Barometer Depression" zufolge deutlich stärker von den Folgen der Corona-Maßnahmen betroffen als die Allgemeinbevölkerung: Depressive hatten zwar nicht mehr Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken als die Allgemeinbevölkerung (43 versus 42 Prozent), die Einschränkungen wurden aber von ihnen als belastender erlebt (74 versus 59 Prozent). So leiden Betroffene fast doppelt so häufig unter der fehlenden Tagesstruktur wie die Allgemeinbevölkerung (75 versus 39 Prozent), wie aus der Erhebung hervorgeht.

Einsamkeit ist das größte Problem

"Schon vorher – ohne Corona – nehmen wir Einsamkeit und eine unsichere Perspektive als große Probleme wahr, die nun bei einigen Betroffenen verstärkend auf die Erkrankung wirken", sagt Melzer. Wenn zum Beispiel eine Frührentnerin normalerweise in der Woche mehrere Gruppenangebote wahrnimmt – Sport, Tanzen, Singen oder andere Angebote von Vereinen oder Kirchengemeinden –, fallen diese jetzt weg. Das führe zur Gefahr zu vereinsamen, sagt Melzer.

Soziale Kontakte stabilisieren Menschen, insbesondere in komplizierten Lebenssituationen, das sei bekannt, berichtet Melzer. Die Mitarbeitenden des Bündnisses gegen Depression haben auch abwägen müssen, welches Risiko schwerer wiegt – die möglichen Auswirkungen eines schweren Verlaufs einer Covid-19-Erkrankung oder die einer sich stark verschlechternden psychischen Erkrankung. Pauschal lasse sich das aber nicht sagen, viel zu individuell seien die persönlichen Auslöser einer psychischen Erkrankung, erklärt Melzer.

Hilfsangebote werden digitaler

Das Leipziger Bündnis hat auf diese Situation reagiert. Inzwischen gebe es viele Ersatzangebote für abgesagte Vor-Ort-Beratungen oder Gruppenangebote, sagt Melzer.

In der ersten Welle habe man viele Aktivitäten absagen müssen und es gab keine digitalen Alternativen für Gruppentreffen. Inzwischen will das Bündnis der Situation aber mit der Perspektive begegnen: "Was ist möglich, was können wir machen?"

Denn es sei trotz aller Schwierigkeiten sehr viel möglich – im digitalen Raum, in Zweiergesprächen oder einfach telefonisch. Am Anfang der Pandemie hätten viele Betroffene berichtet, nicht die notwendigen technischen Möglichkeiten zu haben. Doch inzwischen stellt das Bündnis fest, "es nutzen viel mehr Menschen die Angebote, als wir erwartet haben!"

Das bestätigt auch die Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Demnach gewannen digitale Angebote seit Beginn des Jahres an Bedeutung. 14 Prozent der depressiv erkrankten Menschen nutzten erstmals ein Behandlungsangebot via Telefon oder Video, fand die Untersuchung heraus. Über 80 Prozent bewerteten diese positiv. Für die Studie wurden im Sommer 5.178 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren online befragt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. November 2020 | 12:45 Uhr