Eine Frau arbeitet in einem Wohnzimmer an einem Laptop im Homeoffice.
Arbeitnehmer werden wohl ihre Arbeitszeit auch zuhause dokumentieren müssen. Bildrechte: dpa

EuGH-Urteil Bertelsmann-Stiftung kritisiert Urteil zur Arbeitszeiterfassung

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat bei vielen für Kopfschütteln gesorgt: Es besagt, dass Arbeitgeber die Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten überprüfen sollen. Da haben viele das Bild von der Stempelkarte im Kopf. Und das in Zeiten von Home Office, "New Work" und Gleitzeit. Wie kann das zusammenpassen?

von Jessica Brautzsch, MDR AKTUELL

Eine Frau arbeitet in einem Wohnzimmer an einem Laptop im Homeoffice.
Arbeitnehmer werden wohl ihre Arbeitszeit auch zuhause dokumentieren müssen. Bildrechte: dpa

"Die Frischemanufaktur" produziert lang haltbare "Fresh-Cuts" – also Obstsalate. Die Gründerin und Geschäftsführerin des Start-Up-Unternehmens aus Halle kann einen Festangestellten, zwei Mitarbeiter in Teilzeit, fünf Werkstudenten und zwei Bürohunde zu ihrem Team zählen. Jeder arbeitet also ein bisschen anders: Manche arbeiten zwei bis fünf Tage die Woche, andere komplett flexibel.

Koordiniert wird das durch einen Onlinekalender, erklärt Jenny Müller. Zwei Wochen im Voraus trage jeder ein, wann er da ist. Und jeder dürfe auch im Home Office arbeiten, wann er will. Extra ankündigen müsse das niemand, erklärt Müller.

Bertelsmann-Stiftung sieht Rückschritt

Weit über die Hälfte der Arbeitnehmer würden in Deutschland in oder mit solchen flexiblen Arbeitsmodellen arbeiten, sagt Birgit Wintermann, Managerin des Projekts "Betriebliche Arbeitsorganisation in der Digitalisierung" bei der Bertelsmann-Stiftung. Das Urteil des EuGH zur Arbeitszeiterfassung sieht sie deshalb sehr kritisch. Die digitale Arbeitswelt sei einfach zu flexibel dafür, mahnt Wintermann.

Wenn in die Arbeitswelt, in der es Arbeitszeit und Urlaub nach Vertrauen gibt, weitere Reglementierungen eingeführt werden, dann ist das ein Rückschritt. Es erschwert diese neuen Arbeitsweisen ganz massiv.

Birgit Wintermann Bertelsmann-Stiftung

Europäisches Urteil bestätigt deutsches Recht

Eine Person steckt eine Karte in eine Stechuhr.
Manche wittern nach dem EuGH-Urteil schon die Rückkehr der Stechuhr. Bildrechte: dpa

Allerdings ist in manchen Branchen, wie dem produzierenden Gewerbe, die Zeiterfassung Normalität. Das grundlegende Datenschutzrecht dafür könnte sich vielleicht auch auf andere Bereiche anwenden lassen, erklärt Simone Rosenthal, Rechtsanwältin für Datenschutz und IT-Recht.

Eine Zeiterfassung sei in Deutschland zulässig, sofern sie für das Beschäftigungsverhältnis erforderlich sei, erklärt Rosenthal. Das Urteil des EuGH bestätige das deutsche Recht und schreibe außerdem vor, dass der Arbeitgeber für die Zeiterfassung zuständig ist.

Start-Up-Unternehmerin ist unbesorgt

Jenny Müller von der "Frischemanufaktur" macht sich wegen einer möglichen Arbeitszeiterfassung keine Sorgen. Denn das kennt sie schon von ihren Werkstudenten, die heute schon ihre Zeit im Homeoffice und im Büro dokumentieren.

Die anderen Mitarbeiter müssten das in Zukunft auch tun. Oder man achte einfach darauf, ob im Onlinekalender wirklich die richtigen Zahlen stehen, sagt Jenny Müller zuversichtlich. Ein bisschen mehr Absprache und Kontrolle – mehr fürchtet die Start-Up Unternehmerin zurzeit nicht, wenn es um die Arbeitszeiterfassung ihrer Mitarbeiter geht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Mai 2019 | 05:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

16.05.2019 13:42 Gerd Müller 4

Ausgerechnet die SPD nahe Bertelsmann Stiftung will das verhindern, man staunt immer wieder.
Nur so lassen sich lückenlos Überstunden nachweisen!
Da wird es schwerer für Ausbeuter, da muss ja die SPD dagegen sein.
Was für Heuchler

16.05.2019 13:31 Spottdrossel 3

Die Eurokraten stellen Anwesenheit über Resultate. Offenbar starrt der Eurokrat im Dienst auf seine Uhr und wartet auf den Feierabend.

16.05.2019 09:54 Ureinwohner 2

"Die Gründerin und Geschäftsführerin des Start-Up-Unternehmens aus Halle kann einen Festangestellten, zwei Mitarbeiter in Teilzeit, fünf Werkstudenten und zwei Bürohunde zu ihrem Team zählen. Jeder arbeitet also ein bisschen anders."Hoffentlich werden die Bürohunde nicht ausgebeutet und überschreiten die festgelegte Arbeitszeit.

16.05.2019 05:35 Auf zum letzten Gefecht! 1

"Bertelsmann-Stiftung kritisiert Urteil zur Arbeitszeiterfassung"

"Weit über die Hälfte der Arbeitnehmer würden in Deutschland in oder mit solchen flexiblen Arbeitsmodellen arbeiten, sagt Birgit Wintermann, "

weit über die Hälfte?

sollen das Fakten, oder belegbare Zahlen sein oder denken die sich das wieder aus?