Flüchtlingslager in Calais
Flüchtlingslager in Calais - untergetaucht leben viele Flüchtlinge in Frankreich in Zelten auf der Straße. Bildrechte: dpa

Aus Angst vor Abschiebung Afghanische Flüchtlinge ziehen nach Frankreich

Trotz schwieriger Sicherheitslage vor Ort schieben einige Bundesländer, darunter auch Sachsen, nach Afghanistan ab. Es gibt Hinweise darauf, dass Afghanen in andere EU-Länder gehen, die nicht abschieben – wie zum Beispiel Frankreich. Statistisch erfasst wird das Phänomen nicht. Aber Flüchtlingsinitiativen berichten davon, dass Menschen aus Angst vor Abschiebung in andere Länder ziehen.

von Linda Schildbach, MDR AKTUELL

Flüchtlingslager in Calais
Flüchtlingslager in Calais - untergetaucht leben viele Flüchtlinge in Frankreich in Zelten auf der Straße. Bildrechte: dpa

Im Gespräch mit Migrationsforschern und Flüchtlingsorganisationen zeigt sich: Das Thema ist kein unbekanntes. Doch empirische Zahlen, dass es sich um ein flächendeckendes Phänomen handelt, liegen nicht vor, sagt Thomas Hoffmann vom sächsischen Flüchtlingsrat. Es gebe aber Einzelberichte von lokalen Initiativen in Sachsen, wonach in den letzten Monaten verstärkt Geflüchtete, vor allem aus Afghanistan, von Deutschland nach Frankreich gingen - aus Angst vor Abschiebungen nach Afghanistan.

Afghanen in Sachsen haben Angst

Als Sachsen im Sommer entschieden habe, auch über die drei Kategorien "Straftäter, Gefährder und Identitätsverweigerer" hinaus abzuschieben, sei ein Ruck durch die afghanische Community gegangen, erzählt Hoffmann. Verunsicherung herrsche vor allem bei Afghanen, deren Asylantrag abgelehnt wurde und die geduldet sind.

Wichtige Informationen, dass der Freistaat laut Innenministerium derzeit keine afghanischen Frauen oder Familien abschiebt, kennen die Betroffenen meist gar nicht.

Hohe Anerkennungsquote in Frankreich

Aus Angst gehen einige dann zum Beispiel nach Frankreich und hoffen, dort Asyl zu bekommen, denn die Anerkennungsquote sei – ganz anders als in Deutschland – bei über 80 Prozent, weiß Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. "Das heißt, wer in Frankreich als Afghane einen Asylantrag stellt, der hat auch sehr gute Chancen dann einen Schutzstatus zu bekommen."

Er geht davon aus, dass im vergangenen Jahr 500 Afghanen Bayern verlassen haben, um nach Frankreich zu gehen: Nicht zuletzt auch durch die rigorose Abschiebepolitik der CSU.

Frankreich muss Geflüchtete nach Deutschland zurückschicken

Doch wie ist das überhaupt möglich? Immerhin sind die Geflüchteten hier in Deutschland registriert. In Sachsen gibt es zudem die Wohnsitzauflage. Von der Landesdirektion des Innenministeriums heißt es dazu auf Anfrage von MDR Aktuell: "Selbst wenn für einen geduldeten Ausländer eine solche räumliche Beschränkung besteht, kann diese ein tatsächliches "Verschwinden" des Ausländers nicht verhindern. Die räumliche Beschränkung ermöglicht insofern auch keine Anwesenheitskontrolle."

Im Rahmen des Dublinsystems, müsste spätestens Frankreich die Geflüchteten zurückschicken. Aber es gebe Überstellungsfristen, die bis zu 18 Monaten gehen können, sagt der Migrationsforscher Marcus Engler. "Das versuchen sie zu umgehen, indem sie zum Beispiel untertauchen. Irgendwie bei Angehörigen oder in Zelten auf der Straße, wie man das häufig sieht in Frankreich."

Insgesamt 202 Afghanen wurden laut dem Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge im vergangenen Jahr nach Deutschland zurückgeführt. Das sei nur ein Bruchteil derer, die nach Frankreich gehen, meinen Experten.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Dezember 2018 | 06:38 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2018, 07:33 Uhr

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75 Kommentare

11.12.2018 12:50 Montana 75

Wie heisst es doch: Reisende soll man nicht aufhalten.

11.12.2018 10:17 Wolfgang Nawalny 74

@ 70 Jacob - "Flüchtlinge sind willkommen ... "

Meinen Sie Flüchtlinge die politisch verfolgt wurden oder Kriegsflüchtlinge oder meinen Sie auch Migranten - Wirtschaftsmigranten im Besonderen oder etwa Asylanten allgemein?

Ihnen sollte dann aber eines Tages klar werden, dass hier nicht jeder leben kann der das für sich aus momentanen Erwägungen in Betracht zieht.
Was meinen Sie?

11.12.2018 10:10 Hossa 73

@Jacob(70)
Flucht ist Leid.Da wird ihnen niemand wiedersprechen.
Aber wenn man in Sicherheit ist,gibt es keinen Grund die Flucht fortzusetzen.
Aber genau das geschieht Tag für Tag.
Es zieht die Flüchtenden zu den größten „Futtertöpfen“

11.12.2018 09:33 Mir 72

Sie wollen nur leben

11.12.2018 09:32 HOPF L. 71

@Thomas Sa- Anh,10.12.2018,22:58 Uhr.Ich möchte Sie darauf hinweisen,daß Frau Merkel im Jahre 2015
,genau das Gegenteil gemacht hatte,was Sie auf dem CDU Parteitag im Dezember 2003,in Leipzig zu diesem Thema ausführte.Zitat von Herr Seehofer auf dem Partei 2003 in Leipzig:"Wir sind nicht das Sozialamt der Welt".Da hatte Er einmal wie bei Sebastian Kurz Österreich üblich,die Wahrheit aus- gesprochen.

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11.12.2018 09:19 Jakob 70

@Bingo (37) - Mir dagegen kommen die Tränen angesichts der Fülle an Kommentaren wie Ihrem. Ich schäme mich für Mitbürger wie Sie. Flucht ist Leid. Deswegen sind Flüchtende in Deutschland willkommen. Auch wenn die Hetze auf Internetforen wie diesem ein anderes Bild, ein Zerrbild zeichnet.

11.12.2018 09:13 HOPF L. 69

@3 Nachdenker,10.12.2018,08:01 Uhr.Ergänzend zu Ihrem Beitrag möchte ich einmal einige unbequehme Wahrheiten anführen:"Ein gläubiger Muslim kann sich nicht integrieren"Koran Vers 5:51 warnt nach Öztürks Auslegung die zukünftige islamische Gemeinschaft davor Freundschaften mit Juden und Christen einzugehen.Somit wird dem Vers eine allgemeingültige Grundhaltung in Bezug auf Juden und Christen von Öztürk beigemessen. Ferner verweise ich auf die Sure 9 Vers 111:"Der Koran verbietet jegliche Integration seiner"Gläu- bigen" in eine nicht islamsiche Gesellschaft,nur deshalb hat die Integration nicht funktioniert.Zitat von Recep Tayyip Erdogan aus dem Jahre 1994:"Die EU ist eine Vereinigung von Christen,die Türkei hat dort nicht s zu suchen".

11.12.2018 07:20 Mediator 68

@Arbeitende Rentnerin(59): Mit ihrem Beitrag 59 geben sie ja wenigstens zu, dass sie über ihre WUNSCHTRÄUME und nicht über die aktuelle, durch das Verfassungsgericht bestätigte Rechtslage diskutieren. Dass sich nach höchstrichterlichen Urteil kein allzugroßer Unterschied zwischen dem menschenwürdigen existenzminimum für Deutsche und Flüchtlinge machen lässt ignorieren sie ebenfalls. Ich frage gar nicht, nach ihren "Lösungsvorschlägen".

@fischotter (61): Klar bewirkt ein Euro in Afrika meh als 100 € in Europa. Dumm nur, wenn sich der eine Euro für Afrika nicht durchsetzen lässt, weil nationale Egoisten in ihrer Kurzsichtigkeit dagegen Stimmung machen. In 2013 hätten sich schlicht und ergreifend keine 10 Mrd € aus dem deutschen Haushalt für die Flüchtlingslager im Nahen Osten gegen die üblichen nationalistischen Stimmungsmacher durchsetzen lassen, um Hunger und Kälte dort zu lindern. Komisch, dass sich kein Rechtspopulist daran erinnern mag.

11.12.2018 04:13 Skywalker 67

Die Chance auf eine restriktive CDU Migrationspolitik inklusive Fehlerkorrektur wurde mit der Nichtwahl von Friedrich Merz vertan - das könnte sich allerdings nach den kommenden Wahlen im Osten ändern...

11.12.2018 00:03 Nezar 66

Jedes Jahr tötet des europäische Grenzregime tausende Menschen, die ersaufen, wenn sie es überhaupt rausgeschafft haben aus den Foltercamps in Lybien.
Hier schiebt man die Leute inzwischen sogar in Kriegsgebiete wie Afghanistan ab-teilweise sogar junge Geflüchtete mit einem Ausbildungsplatz. Was Abschiebung für die Betroffenen bedeutet, spiegelt sich in den Suizidraten derer wider, die viele hier als Feinde sehen, weil sie hier um Zuflucht suchen.
Das ewige vorgeschobene Gerede, von dem was die Flüchtlinge "uns" denn kosten würden, überspielt nur den Fremdenhass der Patri(di)oten.
"Uns" kosten Steuerflüchtlinge übrigens auch weit mehr...