Angst vor dem Brexit Immer mehr Deutsche beantragen britischen Pass

Gut anderthalb Jahre nach dem Brexit-Referendum beantragen immer mehr Briten einen deutschen Pass. Gleichzeitig hat auch die Zahl der Anträge Deutscher auf eine britische Staatsbürgerschaft einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Misstrauen in Versprechen der Politik und die Furcht vor Schlechterstellung sind zwei davon.

Vor dem geplanten EU-Austritt Großbritanniens Ende März 2019 beantragen immer mehr Briten einen deutschen Pass. Gleichzeitig hat auch die Zahl der Anträge Deutscher auf eine britische Staatsbürgerschaft einen neuen Höhepunkt erreicht.

Wurden 2015 noch 622 Briten in Deutschland eingebürgert, so waren es laut Bundesinnenministerium ein Jahr nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien insgesamt 7.493. Diesen Trend spiegeln auch Zahlen aus Mitteldeutschland wider. Ließen sich in Sachsen 2015 insgesamt 5 Briten einbürgern, so waren es 45 im Jahr 2017. In Thüringen stieg die Zahl der Einbürgerungen von Briten von unter 3 im Jahr 2015 auf 27 im Jahr 2017 und in Sachsen-Anhalt nach einer Einbürgerung 2015 auf 12 im Jahr 2017. Das geht aus Angaben der Statistischen Landesämter hervor.

In Beratungsgesprächen führen Briten mit Interesse an einer Einbürgerung nach Angaben der Einbürgerungsbehörde Dresden vor allem die Unsicherheit über den Ausgang des EU-Austritts als Grund für das Interesse an einer Einbürgerung an. Aus Sicht der Behörde führten bislang fehlende Regelungen für EU-Bürger nach dem Brexit Ende März 2019 in hohem Maße zu Ängsten, das Aufenthaltsrecht in Deutschland zu verlieren, teilte ein Sprecher der Behörde dem MDR mit.

Fast 3.500 Anträge auf britischen Pass bis zum dritten Quartal

Doch nicht nur die Briten auf dem Festland sind verunsichert, was ihre Zukunft angeht. Umgekehrt ist laut britischem Innenministerium auch die Zahl der Deutschen, die die britische Staatsbürgerschaft annehmen, deutlich gestiegen. Wurden 2015 insgesamt 584 Deutsche in Großbritannien eingebürgert, so waren es 2017 bereits 2.636.

Noch viel deutlicher als bei den tatsächlich vollzogenen Einbürgerungen zeigt sich der Zuwachs bei den Anträgen auf britische Staatsbürgerschaft. Liefen 2015 insgesamt 757 Anträge auf Einbürgerung ein, so waren es 2016 bereits 1.222, wie aus Daten der britischen Regierung hervorgeht. Allein in den ersten drei Quartalen diesen Jahres wurden demnach 3.339 Anträge auf einen britischen Pass verzeichnet.

Misstrauen in Politiker-Versprechen

"Es herrscht eine große Unsicherheit bei allen EU-Bürgern und damit auch den Deutschen in Großbritannien, was ihren Status angeht", sagt Klaus Stolz, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Chemnitz. Zwar habe die britische Regierung versprochen, dass die Rechte von EU-Bürgern auch dann bestehen bleiben, sollte es zwischen Großbritannien und der EU keinen Austrittsvertrag geben. Die Menschen seien bei solchen existentiellen Fragen aber misstrauisch.

Einwanderer, die zum Teil schon Jahrzehnte in Großbritannien oder der EU lebten, sind sich Stolz zufolge nicht mehr sicher, ob sie in ihrem Job bleiben könnten oder überhaupt im Land bleiben dürften. "Zu Recht – denn bei Ablehnung der Vereinbarung durch das britische Parlament droht ein 'No-Deal Brexit' und damit wäre die Frage wieder vollkommen offen." Mit einem britischen Pass aber wären die Deutschen britische Staatsbürger und ihre Sorgen los. Ähnlich gehe es den Briten in Deutschland.

Furcht vor Schlechterstellung

Ende Dezember 2017 haben in Großbritannien insgesamt 146.931 Deutsche gelebt, mehrere Zehntausend davon allein in London. Der Betreiber der nach eigenen Angaben größten deutschen Online-Community in Großbritannien  "Deutsche in London",  Stefan Onken, unterteilt sie in zwei Typen: Solche, die kurz blieben und solche, die schon viele Jahre in Großbritannien lebten. Sie hätten als EU-Bürger nie erwartet, dass sich ihre rechtliche Situation verschlechtern werde. Zwar gebe es Absichtserklärungen der britischen Regierung zum Umgang mit den EU-Bürgern, darunter auch den Deutschen. Aber es gebe wenig Vertrauen in die rechtliche Lage nach dem Brexit, erläutert Onken, dessen Plattform mehr als 20.000 Benutzer zählt.  Die einfachste Lösung ihres Dilemmas sei es, den britischen Pass zu beantragen.

Zum mangelnden Vertrauen könnte Onken zufolge auch der "Windrush-Skandal" beigetragen haben. Dabei geht es um Einwanderer aus der Karibik, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den britischen Kolonien nach Großbritannien gerufen worden waren. Wie der "Guardian" enthüllt hatte, wurden diese Einwanderer fälschlicherweise durch eine Gesetzesänderung als illegal eingestuft. Einige von ihnen wurden daraufhin abgeschoben, andere verloren den Zugang zur Gesundheitsversorgung, Jobs und Wohnungen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 13. Januar 2019 | 19:30 Uhr

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24 Kommentare

15.01.2019 11:05 Fragender Rentner 24

Zitat von Oben: Angst vor dem Brexit
Immer mehr Deutsche beantragen britischen Pass

Warum nur das?

14.01.2019 16:25 Fragender Rentner 23

Und schon wieder viele mit einem Doppelpaß oder haben sie einen abgegeben?

14.01.2019 11:22 Bingo 22

Vielleicht fliehen die Menschen vor Merkels Europa und Asylpolitik, in die britische Staatsbürgerschaft. PS. Auch immer mehr Rentner, wandern aus aus Deutschland.

14.01.2019 09:57 Ralf Besecke 21

Zu @6 nachdenker.
Wenn dann schon "von Sachsen-Coburg-Gotha". Das war der Familienname der jetzigen Windsors bis zum 17. Juli 1917.
Was hat übrigens ein Familienname mit der Staatsbürgerschaft zu tun?

13.01.2019 18:27 Frido_Freimann 20

Oh dann wird wohl der damalige Spielfilm mit Hape Kerkeling "Willi und die Windzors" doch noch bittere Realität, nur in etwas anderer Besetzung.
Dann wäre es wohl auch möglich, dass viele unserer Obrigkeiten den Weg nach Großbritannien antreten, das soll mir recht sein ...

13.01.2019 16:07 Markus 19

@1 peschl - um ein Deutscher zu werden, sollte ein Ausländer mindestens 8 Jahre lang in Deutschland legal leben und genug Einkommen haben. Falls einen Deutschen geheiratet, reichen schon 3 Jahre aus. Kostet das ca. 250 € (viel billiger als in England).

13.01.2019 15:53 Phrasenhasser 18

11, sehe ich auch so. Wenn sich viele Briten dafür entscheiden, nach Deutschland umzusiedeln, ist dies begrüßenswert. Warum sich nun vermehrt Deutsche entscheiden, nach England zu wechseln, bleibt unerklärt. Die Tochter einer Bekannten lebte mit ihrem britischen Ehemann etliche Jahre in London. Doch mit mehreren Kindern war ihnen dort das Leben zu teuer geworden bei einer schleichenden Verringerung an Lebensqualität und sie beschlossen, trotz gutem Job des Ehemannes, dauerhaft nach Deutschland, in den Geburtsort der Frau, zurück zu kehren.

13.01.2019 15:23 Fragender Rentner 17

@Klaus zu 9

Da scheint wohl jemand zu wissen was die Menschen bekommen oder verdienen ? :-)

Warst du bei der Hellseherin die letztens bei extra3 war?

13.01.2019 15:22 ein schon länger in Deutschland lebender 16

@Klaus 4
"Das ist genau geregelt. Wenn man gewisse Bedingungen erfüllt, kann man die Staatsbürgerschaft wechseln, ablegen oder neu bekommen."

das ist es, da gebe ich ihnen recht,
man muss nur eine gewisser Zeit, ich weiß jetzt nicht genau den Zeitraum, in Deutschland gelebt haben.

Da spielt es auch keine Rolle ob man diese im Knast verbracht hat!

13.01.2019 14:36 Namcy 15

Im Übrigen muss man im Antrag auf die Staatsbürgerschaft auch einen Mindestverdienst nachweisen.