"Glitzermarsch" Mehr als 300 Festnahmen bei Frauen-Protest in Belarus

Erst vor einer Woche waren Sicherheitskräfte in Belarus gewaltsam gegen Frauenproteste vorgegangen. Mit einem "Glitzermarsch" haben nun erneut zahlreiche Frauen gegen Präsident Lukaschenko protestiert. Die Zahl der Festnahmen stieg inzwischen auf mehr als 300.

Frauen mit alten belarussischen Nationalflaggen stehen bei einer Demonstration gegen die Wahlergebnisse in Belarus neben einem Polizeibeamten
Frauen mit alten belarussischen Nationalflaggen stehen bei einer Demonstration gegen die Wahlergebnisse in Belarus neben einem Polizeibeamten Bildrechte: dpa

Bei einem Frauenmarsch in Belarus sind 314 Teilnehmerinnen festgenommen worden. Zunächst war noch von mehr 200 Festnahmen die Rede. Ein Bürgerrechtsportal veröffentlichte die Namen der Frauen. Zuvor waren rund 2.000 Demonstrantinnen in der Hauptstadt Minsk durch die Straßen gezogen. Sie fordern Neuwahlen ohne Präsident Alexander Lukaschenko, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt. Viele Demonstrantinnen trugen die weiß-rot-weiße Fahne der Opposition. Sie skandierten unter anderem "Wir vergessen nicht! Wir vergeben nicht!" und "Lukaschenko, in den Gefangenentransporter". Wie die Nachrichtenagentur AFP meldete, stellten sich die Sicherheitskräfte den Frauen in den Weg und zerrten sie in Einsatzfahrzeuge.

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Tichanowskaja lobt Mut der Frauen

Auch die 73 Jahre alte Nina Baginskaja, eine Veteranin der Protestbewegung und seit ihrem Kampf gegen die Kommunisten zu Sowjetzeiten bekannte Dissidentin, wurde den Angaben zufolge in einen Transporter gezwungen. Der sechsjährige Sohn der Minsker Aktivistin Jelena Lasartschik wurde unterdessen aus einem Heim entlassen. Hunderte Menschen hatten vor der Einrichtung gefordert, den Eltern ihren Sohn zurückzugeben. Auch im Nachbarland Polen hatte der Vorfall für Entsetzen gesorgt. Der dortige Regierungschef Mateusz Morawiecki kritisierte, die belarussische Führung nutze Kinder als "politische Geiseln".

Die Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja lobte aus ihrem Exil in der EU den Mut der Frauen. "Sie gehen, obwohl ihnen ständig Angst gemacht und Druck auf sie ausgeübt wird", erklärte die 38-Jährige. Erst vor einer Woche hatte es bei einem Frauenprotest mehr als 100 Festnahmen gegeben. Dabei gab es auch Verletzte. Die Polizei warnte erneut wie bei anderen Protesten gegen Lukaschenko, dass die Straßenaktionen nicht genehmigt seien. Die Uniformierten drohten dabei auch offen mit Gewalt.

Seit der Wahl am 9. August protestieren teils Zehntausende gegen das offizielle Wahlergebnis. Präsident Lukaschenko hatte sich nach 26 Jahren im Amt erneut zum Wahlsieger erklären lassen. Die Opposition hält dagegen Tichanowskaja für die Siegerin. Auch international stießen die Vorgänge in Belarus auf scharfe Kritik, die EU erkannte das Wahlergebnis nicht an.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. September 2020 | 18:00 Uhr