Der Slogan 'Hard Border - Soft Border - No Border - #irishunitynow' steht auf einem Schild mit dem gegen eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland protestiert wird.
Beim Brexit geht es um mehr als nur Personen- und Warenverkehr, um einen alten Konflikt und um noch gar nicht so alte Wunden. Bildrechte: dpa

Hintergrund Der Brexit und der Nordirland-Konflikt

Mit dem Brexit droht der Nordirland-Konflikt wieder aufzuleben. Freier Personen- und Warenverkehr in der EU, wie der zwischen der britischen Provinz im Norden und der Republik Irland, hatte zur Befriedung eines alten Konflikts beigetragen. Mit dem EU-Austritt der Briten könnte sich das wieder ändern - selbst dann, wenn ausgehandelte Regelungen für den künftigen Grenzverkehr das Problem zunächst entschärfen sollten.

Der Slogan 'Hard Border - Soft Border - No Border - #irishunitynow' steht auf einem Schild mit dem gegen eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland protestiert wird.
Beim Brexit geht es um mehr als nur Personen- und Warenverkehr, um einen alten Konflikt und um noch gar nicht so alte Wunden. Bildrechte: dpa

Mit dem Austritt der Briten aus der EU droht der Nordirland-Konflikt wieder aufzuleben. Diese Erwartung resultiert daraus, dass die Grenze zwischen der britischen Provinz im Nordosten der Insel und dem übrigen Irland zu einer EU-Außengrenze würde. Der freie Personen- und Warenverkehr in der EU hatte nach 1998 zur Befriedung des alten Konflikts beigetragen, die staatliche Trennung in den Hintergrund treten und die Grenze fast unsichtbar werden lassen.

Das könnte sich ab 29. März 2019 wieder ändern - selbst wenn entschärfende Regelungen gefunden würden. Im Untergrund schwelt schließlich der schon alte Konflikt weiter. Denn viele Iren - friedliche und weniger friedliche - haben sich bis heute nicht von der Vorstellung verabschiedet, dass ihre Insel ein Land sei.

Vorgeschichte: Ein 850 Jahre alter Konflikt

Begonnen hatte alles im 12. Jahrhundert mit der Eroberung der irischen Insel durch "englische" Normannen. Ab dem Jahr 1169 nahmen sie vielen Iren ihr Land weg und vertrieben sie in den weniger fruchtbaren Westen der Insel.

Mit Beginn des 17. Jahrhunderts siedelte dann die britische Krone anglikanische und presbyterianische Siedler (Protestanten) aus England und Schottland im Nordosten an.

Diese "Plantation" gilt als der eigentliche Grund des andauernden Konflikts. Religiöse Aspekte traten dabei nach und nach hinter die der nationalen Identität zurück.

Zwei wichtige Ereignisse während der Sicherung der englisch-britischen Herrschaft in den folgenden Jahrhunderten prägten dann wohl am stärksten die historische Entwicklung anti-britischer Einstellungen in Irland:

  • diskriminierende Gesetze - um 1700

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts kamen Gesetze, mit denen die katholische irische Bevölkerung diskriminiert wurde. Den Iren wurden öffentliche Ämter verboten. Sie durften Grundbesitz nicht dauerhaft erwerben oder pachten, ihre Vermögensbildung wurde so wirksam begrenzt. Sie durften also nicht zu reich werden, nicht wählen und keine höheren Schulen besuchen.

  • die große Hungersnot (englisch: Great Famine) 1845–1849

Ausgelöst durch die Kartoffelfäule und verschärft durch die Interessen der britischen Großgrundbesitzer führte diese Versorgungskrise zum Hungertod von rund einer Million Menschen - etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung.

Zwei Millionen Iren wanderten damals aus, größtenteils in die USA. In Irland ist diese Zeit ein nationaler Mythos. Viele Geschichten gehen darauf zurück. So ist die "heimliche" irische Hymne von den "Fields of Athenry" nur eine davon.

Britischen Landbesitzern wurde vorgeworfen, die Hungersnot gefördert zu haben. Die Vorwürfe reichen von Untätigkeit bis hin zum geplanten Völkermord. Tatsächlich konnten die Agrarkapitalisten aus und in England einen Exportstopp verhindern, der die Lebensmittelpreise hätte drücken können. Irland exportierte während der Hungersnot weiterhin mehr Lebensmittel, als es einführte.


Die jüngere Geschichte: Irland ist unabhängig

Politische Unabhängigkeit erlangte der größte Teil der Insel nach dem Ersten Weltkrieg und dem irischen Unabhängigkeitskrieg, der 1919 begann. Er endete mit dem Anglo-Irischen Vertrag vom 6. Dezember 1921. Er brachte mehr politische Eigenständigkeit und die Gründung des Irischen Freistaats genau ein Jahr später. Dieser war einer der Vorgänger des heutigen irischen Staats in Irland.

Von Juni 1922 bis April 1923 folgte dann ein blutiger irischer Bürgerkrieg. Gegner vertraglicher Lösungen wollten neue bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Briten provozieren. Es kam dabei zu Gräueltaten, die noch lange die irische Politik belasteten. Von der Mehrheit wurde Gewalt aber schon damals abgelehnt. Auch die römisch-katholische Kirche wandte sich gegen militante Vertragsgegner.

Bis 1936 war dieser Freistaat eine Art konstitutionelle Monarchie mit dem britischen König als König von Irland und einem britischen Generalgouverneur. Die neue Verfassung von 1937 ersetzte dann das Amt des abgeschafften Generalgouverneurs durch einen direkt gewählten Präsidenten. Die heutige Republik datiert auf des Jahr 1949. Sechs von neun historischen Grafschaften der nordirischen Provinz Ulster blieben jedoch Teil des Vereinigten Königreichs.

Terror und "Troubles" im Norden - bis 1998

Seit den 1960er-Jahren bekämpften sich dann in Nordirland irisch-katholische Nationalisten und protestantische Unionisten. Tausende Menschen starben, und das britische Militär stand oft zwischen den Fronten.

Nordirland
Nordirland in den 1970er-Jahren Bildrechte: IMAGO

Diese "Troubles" endeten dann ab dem Jahr 1998 durch das sogenannte Karfreitagsabkommen. Es regelte die Aufteilung der Macht zwischen den Protestanten und den Katholiken in Nordirland und es ermöglichte einen reibungslosen Austausch zwischen Nordirland und Irland.

Das Abkommen basiert auch auf dem Verzicht der Republik Irland auf Forderungen nach ihrer Vereinigung mit Nordirland. Zwar gibt es diese Möglichkeit. Sie könnte aber nur durch einen Mehrheitsbeschluss der Bevölkerung von Nordirland erreicht werden.

Die aktuelle Problematik: London in der Klemme

Für die britische Regierung und die EU ist Nordirland das mit Abstand größte Problem in den Brexit-Verhandlungen. Beide wollen eine "harte" Grenze soweit möglich vermeiden, um das Karfreitagsabkommen nicht in Gefahr zu bringen.

Keltische Harfe von Irland auf einer Euromünzen.
Irland ist auch Mitglied der Euro-Zone: Keltische Harfe auf einer irischen Euro-Münze Bildrechte: Colourbox.de

War die Grenze bis an die 2000-er Jahre durch Wachtürme, Stacheldraht und schwer bewaffnete Soldaten gesichert, so ist sie heute kaum mehr sichtbar. Rund 30.000 Menschen pendeln täglich ohne Kontrollen über die Grenze zur Arbeit. Waren und Güter passieren sie zollfrei. Viele Unternehmen haben die Grenze überschreitende Lieferketten und Abhängigkeiten aufgebaut.

Nach dem Brexit wären wieder Grenzkontrollen nötig. Die EU will darum zumindest Nordirland im EU-Binnenmarkt und der Zollunion halten. Die konservative britische Premierministerin Theresa May lehnte das bisher ab, weil es so Kontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien geben könnte. Es geht um viele komplizierte Details, weshalb auch May für Kompromisse eintritt. Nur ein Beispiel etwa sind Warnungen der britischen Regierung vor Stromengpässen in Nordirland, würde der Brexit ohne Abkommen mit der EU vollzogen.

Doch die nordirische Democratic Unionist Party lehnt alles ab, was Nordirland anders behandeln würde als Großbritannien. Mays konservative Regierung ist im Parlament in London aber auf die zehn DUP-Abgeordneten angewiesen. May ist zudem noch mit dem Widerstand von Brexit-Hardlinern in ihrer eigenen Partei konfrontiert, neben dem innenpolitischen Druck aus der Opposition.

Brexit fördert Trennungsgerüchte

Die meisten Iren im Norden und in der Republik sind auch heute zwar nicht bereit, für eine Änderung des staatlichen Status quo im Norden zu kämpfen oder Gewalt zu befürworten. Sie wollen Frieden und diesen nicht riskieren. Gleichwohl sehen viele Iren die britische Provinz im Norden als auf historischem Unrecht gegründet an, als Rest der britisch-englischen Herrschaft über Irland.

Ein harter Brexit und eine wieder stärker trennende Grenze in Irland könnte daher neues Öl in die Feuer irischer Nationalisten gießen. Für sie ist ein Ende der britischen Staatlichkeit im Norden durchaus noch aktuell.

Um deren Erhalt aber geht es London und vor allem Briten in Nordirland. Im "Belfast Telegraph" etwa schrieb DUP-Chefin Arlene Foster, es werde über eine "dauerhafte Annexion Nordirlands weg vom Rest des Vereinigten Königreichs" verhandelt. So scheint es, als hole der Brexit die Trennung von Nordirland aus der Geschichte wieder hervor - entweder von Irland oder von Großbritannien.

"Sichtbare Grenze - neue Gewalt?" - Reportage aus Irland (tagesschau.de)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 17. Oktober 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2018, 08:18 Uhr

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1 Kommentar

19.10.2018 13:09 Tommy 1

Jetzt müsste mir mal jemand das Staatsgebilde Großbritannien erklären:

Ist Nordirland (unabhängig wie es dem vereinigten Königreich zugeschlagen wurde) jetzt, vergleichbar mit Deutschland, ein "Bundesland" oder ein Staat im Staate ?