Der Slogan 'Hard Border - Soft Border - No Border - #irishunitynow' steht auf einem Schild mit dem gegen eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland protestiert wird.
Beim Brexit geht es um mehr als nur den Personen- und Warenverkehr. Es geht um einen alten Konflikt und um noch gar nicht so alte Wunden. Und eine "irische Lösung" könnte zunehmend in das Blickfeld rücken - auch eine friedliche per Referendum - laut Karfreitagsankommen von 1998. Bildrechte: dpa

Hintergrund Brexit und Nordirland-Konflikt

Mit dem Brexit droht der Nordirland-Konflikt wieder aufzuleben. Freier Personen- und Warenverkehr in der EU, wie zwischen der britischen Provinz im Norden und der Republik Irland, hatten zur Befriedung des alten Konflikts beigetragen. Mit dem EU-Austritt der Briten könnte sich das wieder ändern - selbst wenn Regelungen für den künftigen Grenzverkehr das Problem noch entschärfen sollten.

Der Slogan 'Hard Border - Soft Border - No Border - #irishunitynow' steht auf einem Schild mit dem gegen eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland protestiert wird.
Beim Brexit geht es um mehr als nur den Personen- und Warenverkehr. Es geht um einen alten Konflikt und um noch gar nicht so alte Wunden. Und eine "irische Lösung" könnte zunehmend in das Blickfeld rücken - auch eine friedliche per Referendum - laut Karfreitagsankommen von 1998. Bildrechte: dpa

Nach einem britischen EU-Austritt könnte der Nordirland-Konflikt wieder aufleben. Diese Erwartung resultiert daraus, dass die Grenze zwischen der britischen Provinz im Nordosten und dem übrigen Irland zur EU-Außengrenze würde. Der freie Personen- und Warenverkehr in der EU hatte nach 1998 zur Befriedung beigetragen, die staatliche Trennung in den Hintergrund treten und die Grenze weniger sichtbar werden lassen.

Das könnte sich wieder ändern, selbst wenn entschärfende Regelungen gefunden würden. Im Untergrund schwelt schließlich der alte Konflikt immer weiter. Viele Iren, friedliche und weniger friedliche, haben sich nie von der Vorstellung verabschiedet, dass ihre Insel ein Land sei. Und die mehr oder weniger protestantischen, vor allem aber britisch gestimmten Unionisten im Norden der Insel wissen das sehr genau.

Vorgeschichte: Ein 850 Jahre alter Konflikt

Begonnen hatte alles im 12. Jahrhundert mit der Eroberung der irischen Insel durch "englische" Normannen. Ab dem Jahr 1169 nahmen sie vielen Iren ihr Land weg und vertrieben sie in den weniger fruchtbaren Westen der Insel.

Karte von Irland
Irland und Nordirland heute Bildrechte: Colourbox.de

Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts siedelte dann die britische Krone anglikanische und presbyterianische Siedler (Protestanten) aus England und Schottland im Nordosten an.

Diese "Plantation" gilt als der tiefere Grund des Konflikts. Religiöse Aspekte traten dabei nach und nach hinter den Aspekt nationaler Identität zurück.

Zwei wichtige Ereignisse in der Zeit der Sicherung der englisch-britischen Herrschaft in den folgenden Jahrhunderten prägten wohl am stärksten die Entwicklung anti-britischer Einstellungen in Irland - weit mehr als unterschiedliche religiöse Bekenntnisse:

  • diskriminierende Gesetze - um 1700

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts kamen Gesetze, mit denen die katholische irische Bevölkerung diskriminiert wurde. Den Iren wurden öffentliche Ämter verboten. Sie durften Grundbesitz nicht dauerhaft erwerben oder pachten, ihre Vermögensbildung wurde so wirksam und nachhaltig begrenzt. Sie durften nicht zu reich werden, nicht wählen und keine höheren Schulen besuchen. Eine irische Elite wurde verhindert.

  • die große Hungersnot (englisch: Great Famine) 1845–1849

Ausgelöst durch die Kartoffelfäule und verschärft durch die Interessen britischer Großgrundbesitzer führte diese Versorgungskrise in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Hungertod von rund einer Million Menschen - damals etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Zwei Millionen Iren wanderten damals aus, größtenteils in die USA. In Irland ist die Great Famine ein nationaler Mythos. Die "heimliche" irische Hymne von den "Fields of Athenry" ist nur eine der davon erzählten Geschichten.

Britischen Landbesitzern wurde vorgeworfen, die Hungersnot gefördert zu haben. Vorwürfe reichen von Untätigkeit bis zum planvollen Völkermord. Tatsächlich konnten die Agrarkapitalisten aus und in England einen Export-Stopp aus Irland verhindern, der die zu hohen Lebensmittelpreise wieder hätte drücken können. So wurden aus Irland während der Hungersnot weiterhin mehr Lebensmittel exportiert als eingeführt.


Die jüngere Geschichte: Irland ist unabhängig

Die Fahne Irlands
Die Flagge der heutigen Republik Irland, gegründet im Jahr 1949 Bildrechte: Colourbox.de

Die politische Unabhängigkeit erlangte der größere Teil der Insel nach dem Ersten Weltkrieg und dem irischen Unabhängigkeitskrieg, der 1919 begann. Er endete mit dem Anglo-Irischen Vertrag vom 6. Dezember 1921. Er brachte politische Eigenständigkeit und die Gründung des Irischen Freistaats genau ein Jahr später. Dieser war einer der Vorgänger der heutigen Republik Irland. Unterstützung für die irische Seite, auch mit heimlichen Waffenlieferungen, kam damals übrigens auch aus Deutschland.

Von Juni 1922 bis April 1923 folgte dann ein blutiger irischer Bürgerkrieg. Gegner vertraglicher Lösungen wollten neue bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Briten provozieren. Es kam dabei zu Gräueltaten, die noch lange die irische Politik belasteten. Von der Mehrheit der Iren wurde Gewalt jedoch schon damals abgelehnt. Auch die katholische Kirche wandte sich gegen die militanten Vertragsgegner.

Bis 1936 war der Freistaat eine konstitutionelle Monarchie - mit dem britischen König als König von Irland und einem britischen Generalgouverneur. Die neue Verfassung von 1937 ersetzte dann das Amt des abgeschafften Generalgouverneurs durch einen direkt gewählten Präsidenten. Die heutige Republik datiert auf des Jahr 1949. Sechs von neun historischen Grafschaften (in der Sprache irischer Nationalisten: "The Six Counties") in der nordirischen Provinz Ulster blieben jedoch Teil des Vereinigten Königreichs.

Terror und "Troubles" im Norden - bis 1998

Seit den 1960er-Jahren bekämpften sich dann in Nordirland extremistische irische Republikaner und britisch orientierte Loyalisten: Tausende Menschen starben, und das britische Militär stand oft zwischen den Fronten.

Bombenanschlag in Omagh (Nordirland)
Der blutige Bombenanschlag im nordirischen Omagh am 15. August 1998 zielte auch auf das Karfreitagsabkommen vom April 1998. Damals starben 29 Menschen, mehr als 300 wurden verletzt. Dazu bekannte sich eine "wahre IRA", die sich von der eigentlichen Irish Republican Army nach dem Abkommen über eine politische Lösung losgesagt hatte. Das Abkommen allerdings hielt. Bildrechte: dpa

Höhepunkte der Gewalt lagen in den 1970er-Jahren, etwa der 30. Januar 1972, der als "Blutsonntag" (Bloody Sunday) in die Geschichte einging: In Derry (off.: Londonderry) wurden bei Protesten gegen willkürliche Internierungen von angeblich gefährlichen Republikanern 13 unbewaffnete Demonstranten von britischen Soldaten erschossen. Die Ereignisse sind bis heute nicht aufgeklärt. Erst 2010 bat der britische Premier David Cameron im Namen der Regierung um Verzeihung. Erst im März 2019 wurde erstmals ein britischer Soldat angeklagt. Ob aber die juristische Aufarbeitung überhaupt gelingt und zur Versöhnung führt, wird in der Region auch bezweifelt.

Es gibt die Befürchtung, dass Gerichtsverfahren eher den Friedensprozess gefährden (...). Zynisch gesagt, wartet man einfach darauf, dass die betroffene Generation wegstirbt.

Katy Hayward, Politologin und Soziologin an der Queen's University in Belfast "Neue Zürcher Zeitung" | 19. Februar 2017
Nordirland
Nordirland in den 1970er-Jahren Bildrechte: IMAGO

Ein weiterer Höhepunkt der Gewalt war der Bloody Friday in Belfast im Sommer 1972, eine Serie von Bombenanschlägen der IRA in der nordirischen Hauptstadt: Elf Tote und etwa 130 Verletzte.

Die "Troubles" flauten ab 1998 durch das sogenannte Karfreitagsabkommen vom 10. April aber immer stärker ab.

Das Abkommen regelte die Macht-Aufteilung, Polizei und Verwaltung in Nordirland und ermöglichte einen reibungsloseren Verkehr und Austausch mit der Republik Irland. Es basiert auch auf deren Verzicht, ihre Vereinigung mit Nordirland zu fordern. Das Abkommen sieht diese Möglichkeit jedoch durchaus vor - per Mehrheitsbeschluss der Bevölkerung von Nordirland. Und hier hatte eine Mehrheit beim Brexit-Referendum 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt.

Die aktuelle Problematik: London in der Klemme

Für London und die EU ist Nordirland eines der größten Brexit-Probleme. Beide wollen eine "harte" Grenze soweit wie möglich vermeiden, auch um das Karfreitagsabkommen nicht in Gefahr zu bringen.

Keltische Harfe von Irland auf einer Euromünzen.
Irland ist auch Mitglied der Euro-Zone: Keltische Harfe auf einer irischen Euro-Münze Bildrechte: Colourbox.de

War die Grenze bis an die 2000-er Jahre durch Wachtürme, mit Stacheldraht und schwer bewaffneten Soldaten gesichert, so ist sie heute kaum mehr sichtbar. Rund 30.000 Menschen pendeln ohne Kontrollen täglich über die Grenze zur Arbeit. Waren und Güter passieren sie zollfrei. Viele Unternehmen haben die Grenze überschreitende Lieferketten und Abhängigkeiten gebildet.

Doch nach einem Brexit wären wieder Grenzkontrollen nötig. Die EU will darum Nordirland im EU-Binnenmarkt und der Zollunion halten. Die konservative britische Premierministerin Theresa May lehnte das bisher ab, weil es Kontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien geben könnte - und sie die Unterstützung der nordirischen DUP-Abgeordneten verlieren. Es geht um viele komplizierte Details, weshalb auch May für Kompromisse eintritt.

Nur ein Beispiel sind da Warnungen vor Stromliefer-Engpässen in Nordirland, würde der Brexit ohne Abkommen mit der EU vollzogen. Denn das Strometz hängt mit dem im übrigen Irland zusammen.

Doch die nordirische Democratic Unionist Party lehnt alles ab, was Nordirland anders behandeln würde als Großbritannien. Mays konservative Regierung ist im Parlament in London aber auf die zehn DUP-Abgeordneten angewiesen. May ist zudem noch mit Brexit-Hardlinern in ihrer Partei konfrontiert, neben dem Druck aus der Opposition.

Der Brexit und die mögliche "irische Lösung"

Die meisten Iren im Norden und in der Republik sind zwar nicht bereit, für eine Änderung des staatlichen Status quo im Norden auch Gewalt zu befürworten. Sie wollen Frieden und diesen nicht riskieren. Gleichwohl sehen viele Iren die britische Provinz im Norden als auf historischem Unrecht gegründet an, als einen bis heute verbliebenen Rest der britisch-englischen Herrschaft über die irische Insel.

Soldaten stehen hinter einem Auto und im Hintergrund Passanten.
"Troubles" in Derry/Londonderry : Im Januar 1972 flutete London nach Anschlägen auf britische Soldaten, Polizisten und Protestanten in Dörfern und Städten wie Belfast die nordirische Provinz mit Soldaten, vor allem mit schottischen. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Ein harter Brexit und eine wieder stärker trennende Grenze in Irland könnte daher neues Öl in die Feuer irischer Nationalisten gießen. Für sie ist ein Ende der britischen Staatlichkeit im Norden durchaus aktuell. Um deren Erhalt aber geht es London und Briten in Nordirland. Im "Belfast Telegraph" warnte DUP-Chefin Arlene Foster vor einer "dauerhaften Annexion Nordirlands weg vom Rest des Vereinigten Königreichs".

So scheint es, als hole der Brexit die Trennung von Nordirland aus der Geschichte wieder hervor - entweder von Irland oder von Großbritannien. Ein Brexit mit oder ohne "Deal" lässt die Stimmen für ein Einheitsreferendum im Norden lauter werden.

Fragiler Frieden - innere Mauern

Ob so etwas allerdings nur friedlich ablaufen würde, ist fraglich. Der Frieden in Nordirland gilt als fragil. Erst im April 2019 starb eine Journalistin zwischen den Fronten. Schon ein Autobombenanschlag Anfang des Jahres ohne Opfer konnte als ungutes Zeichen gedeutet werden. Die Zeit hat Wunden nicht geheilt. "Es gibt noch immer Morde, Schießereien, Explosionen", wenn auch nicht so viele wie früher.

Noch 2016 - um das Jahr des Brexit-Referendums herauszugreifen - wurden in Nordirland "nur" 26 Bomben gelegt, "nur" 84 Menschen verletzt und "nur" sechs getötet, wie die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete. Das Abkommen von 1989 hat aber nicht dazu geführt, dass normale Nordiren heute normal miteinander umgehen.

Es mag sich zwar seit 1989 eine - momentan noch - recht gut situierte und darum friedliebende Mittelschicht entwickelt haben, wie hier zu Recht auch angemerkt wird. Auch für diese jedoch könnte ein Brexit noch unangenehm werden. Und es gibt auf beiden Seiten auch andere Schichten - und noch immer militante Extremisten.

Ein entführtes Auto steht während sozialer Unruhen in Flammen.
Derry/Londonderry im April 2019: Hier starb die junge Journalistin Lyra McKee. Bildrechte: dpa

Zwar sind die Mauern an der Grenze heute weg. In den Städten sind sie aber noch immer sechs bis neun Meter hoch, trennen Hinterhöfe und Nachbarn. Jeweils dahinter wohnen "die anderen". Viele der, mit bitterer Ironie, auch "Peace Walls" genannten und heute meist mit politischen Motiven bemalten Mauern sind touristische Higlights, wie auch "Sandy Row" in Belfast und wie die Reste der Berliner Mauer. In Nordirland denkt aber kaum jemand, sie würden bis auf letzte Stücke bald abgetragen - so wie in Berlin.

In Nordirland fürchten nicht wenige wohl, sie könnten noch gebraucht werden.

"Sichtbare Grenze - neue Gewalt?" - Reportage (tagesschau.de)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 20. April 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2019, 17:53 Uhr