Scheidung kurz vor goldener Hochzeit Großbritannien hat nach 47 Jahren die EU verlassen

Seit Mitternacht ist die EU-Mitgliedschaft der Briten Geschichte. Damit geht eine 47 Jahre lange Ära zu Ende. Wie auch immer der Brexit ausgehen wird – London und Brüssel sind zunächst erleichtert, dass das Tauziehen der vergangenen Monate immerhin formal zu Ende ist. Doch die Erleichterung könnte von kurzer Dauer sein, denn ein großes Stück Arbeit steht noch bevor: das Handelsabkommen mit der EU.

Ein Countdown wird auf die Fassade von Downing Street 10 in London projiziert
Großbritanniens Zeit in der EU lief am Freitagabend um 23 Uhr Ortszeit ab. Bildrechte: imago images/PA Images

Nach 47 Jahren ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der Europäischen Union. Punkt Mitternacht (23 Uhr Ortszeit in Großbritannien) ist der Brexit in Kraft getreten. Vor dem Parlament in London feierten Hunderte Brexit-Anhänger eine Austritts-Party. Sie verbrannten EU-Flaggen oder traten sie in den Schmutz.

EU-Anhänger versammelten sich derweil vor dem Londoner Europahaus zu einer Art Trauerkundgebung.

Galerie: Großbritannien verlässt die EU

Brexit-Befürworter feiern
Brexit-Befürworter feierten den EU-Austritt vor dem britischen Parlament in London. Bildrechte: imago images/PA Images
Brexit-Befürworter feiern
Brexit-Befürworter feierten den EU-Austritt vor dem britischen Parlament in London. Bildrechte: imago images/PA Images
Brexit-Gegner mit einer Kerze
Viele EU-Anhänger trauerten dagegen und hielten Mahnwachen mit Kerzen ab. Bildrechte: imago images/ZUMA Press
Pro-EU-Aktivisten versammeln sich im Rahmen einer Kundgebung gegen den Brexit vor dem Schottischen Parlament in Edinburgh
Besonders in Schottland waren die Menschen gegen den Austritt aus der EU – sie hatten 2016 mehrheitlich für den Verbleib gestimmt. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon sprach von einem Moment "der Trauer, gemischt mit Wut" und versprach, sich weiterhin für die Unabhängigkeit Schottlands einzusetzen. Bildrechte: dpa
Die Uhr des Big Ben zeigt elf Uhr
Um 23 Uhr Ortszeit trat Großbritannien aus der EU aus. Da der Big Ben derzeit aufwendig restauriert wird, ertönte sein Glockenschlag nur vom Band. Bildrechte: dpa
Brexit-Befürworter in London
Bei der Feier auf dem Parlamentsplatz waren auch rote Mützen mit der Aufschrift "Make Britain great again" zu sehen – eine Anlehnung an den Wahlkampfspruch von US-Präsident Donald Trump. Bildrechte: imago images/PA Images
Ein Brexit-Befürworter steht mit dem Fuß auf einem Stern einer EU-Flagge
Bei der Feier der Brexitanhänger traten einige Teilnehmer EU-Flaggen in den Schmutz oder zündeten diese an. Bildrechte: imago images/PA Images
Ein Countdown wird auf die Fassade von Downing Street 10 in London projiziert
Auf den Regierungssitz in der Downing Street 10 wurde der Countdown bis zum Brexit eingeblendet. Bildrechte: imago images/PA Images
Die britische Flagge wird vor dem Europäischen Parlament in Brüssel heruntergelassen
In Brüssel wurde der Union Jack, die britische Flagge, eingeholt. Bildrechte: imago images/Xinhua
Ein Mann trägt eine britische Flagge, nachdem sie vor dem Europäischen Parlament in Brüssel abgenommen wurde
Mitarbeiter trugen die gefaltete Flagge davon. Vor dem Europäischen Parlament wehen nun nur doch die Fahnen von 27 EU-Mitgliedsstaaten. Bildrechte: imago images/Xinhua
We still love EU wird auf eine Mauer projiziert
Ein Gruß der Versöhnung an der britischen Küste: "We still love EU" – "Wir lieben die EU noch immer", auch lesbar als "Wir lieben Euch noch immer". Bildrechte: imago images/ZUMA Press
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Dieses Thema im Programm: 01. Februar 2020 | 06:00 Uhr

In seiner Ansprache versprach Großbritanniens Premierminister Boris Johnson, das Königreich wieder zu einen. Der EU-Austritt Großbritanniens sei "kein Ende, sondern ein Anfang". Johnson kündigte eine "neue Ära der freundschaftlichen Zusammenarbeit" mit der EU an. Der Weg, der vor Großbritannien liege, sei vielleicht holprig, der Austritt biete jedoch die Chance auf "erstaunliche Erfolge".

Von der Leyen: Schnell ein Handelabkommen schließen

Nach dem Brexit sieht Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Zugzwang, rasch ein Handelsabkommen mit Brüssel zu schließen. Bis Ende des Jahres soll das Abkommen fertig sein, sonst drohe Großbritannien zunächst nur "wie irgendein Drittland" zu sein, sagte von der Leyen. Sie zeigte sich aber zuversichtlich dass sich auch solch eine "schwierige Phase", sollte es dazu kommen, überwinden lasse. Die Verhandlungen könnten dann weitergeführt werden, "das heißt nach einem halben oder dreiviertel Jahr tatsächlich auch zu einem Abschluss kommen".

Warnungen, den Briten den EU-Austritt nicht zu leicht zu machen, um andere Länder nicht zum Austritt zu bewegen, wies von der Leyen zurück. Die EU sei nicht nur ein gigantischer wirtschaftlicher Erfolg, sondern viel mehr. "Wir sind zusammen, weil wir Werte teilen", sagte sie.

Das ist doch unseren britischen Freunden nur zu wünschen, dass es ihnen gut geht, so wie ich der Europäischen Union wünsche, dass es ihr gut geht.

Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin

Europastaatsminister Michael Roth (SPD) stellt sich auf schwierige Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien über die künftigen Beziehungen ein. "Rosinenpickerei wird am Ende nicht funktionieren", warnte er. Das Ergebnis der Verhandlungen dürfe nicht zu Lasten von EU-Standards gehen, etwa in Verbraucherfragen, Steuer- und Sozialpolitik.

Jeder achte Einwohner der EU fehlt nun

Der letzte Akt des Brexit-Dramas der vergangenen Monate stellte die Ratifizierung des Brexit-Vertrages durch das EU-Parlament am Mittwochabend dar. Entgegen der Tumulte und der harschen Diskussionen innerhalb Großbritanniens sowie zwischen Großbritannien und der EU ging die Diskussion und Abstimmung in Brüssel ruhig über die Bühne.

Mit dem Austritt reduziert sich die Zahl der Sitze im EU-Parlament von 751 auf 705. Insgesamt hatte das Königreich 73 Sitze inne. 27 davon gehen an Staaten, die bisher unterrepräsentiert waren, 46 Sitze werden in Reserve gehalten für Staaten, die der EU in Zukunft beitreten könnten. Das Vereinigte Königreich ist das erste Mitgliedsland, das von seinem Austrittsrecht Gebrauch gemacht hat. Die EU verliert damit rund ein Siebtel ihrer Wirtschaftsleistung und etwa jeden achten Einwohner.

Verschiebung im EU-Parlament

Insgesamt verschiebt sich die politische Ausrichtung des Parlaments leicht nach rechts. Die EVP verliert keine Mandate, denn die britischen Abgeordneten hatten bereits 2009 die konservative Fraktion (der auch CDU und CSU angehören) verlassen.

Eine Flagge des Vereinigten Königreichs weht am Tag der Brexit-Abstimmung vor dem Europäischen Parlament
Eine einsame Fahne des Vereinigten Königreichs vor dem EU-Parlament in Brüssel. Bildrechte: dpa

Die sozialistische Fraktion verliert hingegen zehn Labour-Abgeordnete und gewinnt nur vier neue Mitglieder aus Frankreich, Spanien, Kroatien und Rumänien hinzu.

Zahlenmäßig größter Verlierer sind die Liberalen: sie schrumpfen von 16 Mandatsträgern auf sechs. Die Grünen verlieren den größten Anteil an Abgeordneten: sie sind statt 74 nur noch 67 in der Fraktion.

Schon immer schwieriges Verhältnis

Auch vor dem Brexit war das Verhältnis der Briten zu Europa nicht immer einfach. Als der britische Premierminister Harold Machmillan 1961 die Bewerbung Großbritanniens bei der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft einreichte, wurde zwei Jahre später die Aufnahme durch das Veto Frankreichs blockiert. 1967 wiederholte Frankreich sein Veto gegen Großbritannien.

Erst 1973 traten die Briten der EWG bei. Schon wenige Jahre später, 1979, verlangte die damalige Premierministerin Margret Thatcher einen Nachlass für Beitragszahlungen des Königreichs. 1984 konnte sie tatsächlich den "Britenrabatt" durchsetzen. Damit bekam Großbritannien Jahr für Jahr 66 Prozent seines Nettobeitrags wieder zurück.

Brexit - das neue Kapitel

Mit den Verhandlungen um ein Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien beginnt in der kommenden Woche das nächste Kapitel des "Scheidungsstreits". Ob alles geregelt werden kann, vermag derzeit niemand mit Sicherheit vorherzusagen. Viel Zeit bleibt nicht. Verhandlungen über Handelsabkommen haben sich in der Vergangenheit meist über Jahre hingezogen.

Touristen sitzen in einer Gondel des London Eye, während im Hintergrund das britische Parlament zu sehen ist
Und das Riesenrad "London Eye" wird sich weiter drehen. Bildrechte: dpa

Jetzt bleiben eigentlich nur noch acht Monate: denn von den elf Monaten bis Ende des Jahres müssen rund drei abgezogen werden, rechnet man die Zeit für Unterhändler und Ratifizierung des Textes ab. Die Zeit war immer knapper geworden, weil der Brexit mehrmals nach hinten verschoben worden war, das Ende der Übergangsfrist hingegen nicht.

Schwierige Verhandlungen

Ein EU-Diplomat geht davon aus, dass zum Ende des Jahres allenfalls ein "Gerippe eines Handelsabkommens plus etwas zur inneren und äußeren Sicherheit" verhandelt sein wird. Und sollte auch das nicht Fall sein, droht wieder der harte Brexit.

Erschwerend kommt hinzu, dass Premier Johnson mehr auf Konfrontation setzt als seine Vorgängerin Theresa May. Der britische EU-Abgeordnete der Labour-Partei, Richard Corbett, schätzt ein, dass Johnson Großbritannien von der EU eher wegführen will. Verbraucher,- Sozial- und Umweltschutzstandards seien den Hardlinern bei den Konservativen ein Dorn im Auge.

Gewinn für Deutschland

Derweil zählt Frankfurt am Main in Deutschland jetzt schon zu den Brexit-Gewinnern: Nach Angaben der Hessischen Landesbank (Helaba) hätten mehr als 30 Banken ihren Standort von London an den Main verlegt. Bis Ende 2021 würden so etwa 3.500 neue Arbeitsplätze entstehen. Kein andere Bankenstandort habe so profitiert wie Frankfurt am Main.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Februar 2020 | 00:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2020, 11:15 Uhr

15 Kommentare

Sachse vor 7 Wochen

"Die EU sei nicht nur ein gigantischer wirtschaftlicher Erfolg, sondern viel mehr. "Wir sind zusammen, weil wir Werte teilen", sagte sie." Ich habe mir das mal unter Pocket abgespeichert. Man ist ja manchmal so vergesslich.

part vor 7 Wochen

Ich kann eigentlich keinen großen Unterschied zu früher entdecken, die Landeswährung bleibt die gleiche, der Bankenfinanzsitz ebenfalls, die Mitgliedschaft und Rolle in der Nato auch. Lediglich die USA können nun ungenierter und ungestörter mit neuen Freihandelsgesetzen, den letzten Rest vom Sozialstaat schleifen und neue Absatzmärkte ergattern. Ein paar Gesetze aus Brüssel greifen aber dennoch bis zur gewährten Übergangsphase, die aber vorerst nicht die Briten bestimmen.

wo geht es hin vor 7 Wochen

VdL spricht von "Freunden". Dass das nur ein weiterer vergifteter Pfeil ist, haben die Briten zu ihrem Glück schon vor Jahren erkannt und die richtige Konsequenz daraus gezogen. Egal was jetzt noch nachkommt - die Briten haben erst mal alles richtig gemacht - Glückwunsch! Und ein neidischer Blick über den Kanal....