Ein Arbeiter mit einem Fahrrad vor der iranischen Atomanlage in Buschehr
Die Atomanlage im iranischen Buschehr markierte den Ursprung des Atomprogramms. Bildrechte: IMAGO

Hintergrund Die Chronik des Atomstreits mit dem Iran

Mit der Kündigung des Atomabkommens geht der Konflikt zwischen dem Iran und den USA in eine neue Runde. Die Geschichte des Konflikts reicht zurück bis in die 50er Jahre. Auch Deutschland spielte eine Rolle.

Ein Arbeiter mit einem Fahrrad vor der iranischen Atomanlage in Buschehr
Die Atomanlage im iranischen Buschehr markierte den Ursprung des Atomprogramms. Bildrechte: IMAGO

Übersicht

Für US-Präsident Donald Trump ist es der "schlechteste Deal aller Zeiten". Doch das Atomabkommen mit dem Iran beendete einen jahrelangen Streit zwischen dem Westen und dem Regime in Teheran, bei dem es fast zur Eskalation gekommen wäre. Nach Atomenergie strebt der Iran schon lange, auch Deutschland spielte dabei eine Rolle. Später stand das Land wohl kurz vor der Entwicklung einer Nuklearbombe.

1957: Der zweite Weltkrieg ist erst seit zwölf Jahren beendet. Stattdessen herrscht Kalter Krieg zwischen der Nato und der Sowjetunion. Der Iran wird seit einigen Jahren wieder vom Schah regiert. Sein Nationalliberaler Vorgänger Mohammad Mossadegh, der zuvor Ölfelder verstaatlicht hatte, wurde mit Hilfe der CIA aus dem Amt geputscht.

Die Verbindungen zwischen dem Iran und den USA sind damals noch eng. 1957 schließt der Schah ein ziviles Nuklear-Kooperationsabkommen mit den Amerikanern ab. Die neue Technologie soll dem asiatischen Land den Weg in die Moderne ebnen.

1967: In Teheran wird der erste Forschungsreaktor errichtet.

1968: Der Iran unterzeichnet den Atomwaffensperrvertrag. 1970 tritt er in Kraft. Das Land verpflichtet sich, Kernenergie nicht militärisch zu nutzen. Bei Verstößen drohen Sanktionen.

1975/76: Der Schah dringt weiter auf eine umfassende Nuklearisierung des Irans – mit Unterstützung der USA. Der damalige US-Präsident Henry Ford unterzeichnet eine Vereinbarung, die dem Iran den Aufbau mehrerer Atomkraftwerke zusichert. Später wird die Vereinbarung wieder zurückgenommen.

Mit dem Bau des ersten iranischen Kernkraftwerkes in Buschehr wird stattdessen die westdeutsche Kraftwerk-Union AG, ein Tochterunternehmen von Siemens, beauftragt. Das Projekt wird zwischendurch unterbrochen und später mit Hilfe Russlands fertiggestellt.

Anti-Schah-Demo in Teheran 1978
Banner von Ayatollah Chomeini auf einer Anti-Schah-Demonstration 1978 in Teheran. Nach der Revolution kehrt Chomeini aus seinem Exil in Paris zurück. Bildrechte: dpa

1979: Ende der 70er Jahre überschlagen sich die Ereignisse im Iran. Der von großen Teilen des eigenen Volkes verhasste Schah wird durch eine Revolution aus dem Amt getrieben. Doch anders als von vielen liberalen Kräften erhofft, formt der aus dem französischen Exil zurückkehrende Ajatollah Ruhollah Chomeini aus dem Land einen Gottesstaat. Das Atomprogramm lehnt er zunächst ab.

1980: Kurz nach der Revolution greift Iraks Diktator Saddam Hussein den Iran an. In dem acht Jahre tobenden Krieg sterben nicht nur rund eine halbe Millionen Menschen, auch der noch unfertige Atomreaktor Buschehr wird größtenteils zerstört.

1986: Es wird öffentlich bekannt, dass Israel inzwischen über Atombomben verfügt. Offiziell bestätigt hat das Land dies allerdings nie.

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Mitte/Ende der 80er: Im Iran beginnt ein Umdenken, Ajatollah Chomeini und die Revolutionsgarden beleben das Atomprogram wieder. Der Nachbarstaat Pakistan ist derweil auf dem Weg zu einer Atommacht – und liefert sich ein Wettrüsten mit Indien. Die entsprechende Technologie kommt vom sogenannten "Vater der pakistanischen Atombombe", Abdul Qadir Khan. Damals reist er wohl nicht nur des Öfteren nach Nordkorea, sondern auch nach Teheran. Im Gepäck hat er vermutlich Pläne für Atomanlagen und die Entwicklung einer nuklearen Bombe.

1991: Die amerikanischen Geheimdienste gehen in einem Bericht auf das iranische Atomprogramm ein, sehen allerdings noch keine ernsthafte Gefahr.

1992: Ein Jahr später läuft der iranische Atomchef zu den USA über und berichtet über die Kontakte seines Heimatlandes zu dem Pakistaner Khan. Doch die USA nehmen die Hinweise offenbar nicht ernst.

Mitte der 90er: Der Iran beginnt nur wenige Jahre später mit dem Bau von Zentrifugen. In Natans beginnt der Bau eines geheimen Atomkomplexes.

1998: Pakistan führt erfolgreich mehrere Atomtests durch. Khan hat weiter enge Verbindungen nach Teheran.

11. September 2001: Nach den Terroranschlägen in den USA greifen die Amerikaner das Talibanregime in Afghanistan an, das Osama bin Laden Zuflucht gewährt. Das Atomprogramm des Irans rückt dadurch zunächst in den Hintergrund.

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Die iranische Atomanlage Arak, in deren Schwerwasserreaktor Plutonium für das Atomprogramm entstehen soll.
Der Schwerwassereaktor in Arak war immer wieder Streitpunkt beim Atomabkommen. Bildrechte: dpa

2002: In den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt der Iran erst ein Jahr später. In den USA beschuldigen die Volksmudschahidin – iranische Widerstandskämpfer, die damals teilweise als terroristische Organisation gelten – die iranische Regierung, ein geheimes Atomprogramm zu betreiben. Demnach betreibt das Mullahregime einen Schwerwasserreaktor in Arak und eine Urananreicherungsanlage in Natans. Voraussetzungen zur Entwicklung und zum Bau einer Nuklearbombe. Was erst später bekannt wird: Ihre Informationen haben die Volksmudschahidin wohl vom israelischen Geheimdienst.

Zuvor hatte der damalige Präsident George W. Bush von einer "Achse des Bösen" gesprochen – und damit die Länder Irak, Iran und Nordkorea gemeint. In Washington gilt von nun an eine neue Rhetorik. Deren Bestandteil ist auch der "regime change", also die Veränderung einer Regierung notfalls durch eine bewaffnete Intervention.

2003: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) schaltet sich in den drohenden Konflikt ein. Deren Inspektoren überwachen nun die Anlagen im Iran. Grundlage dafür sind Verhandlungen mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Der Iran unterschreibt ein Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag. Der sieht unangekündigte Kontrollen der IAEA vor. Die Urananreicherung wird gestoppt. Doch immer wieder steht der Vorwurf von Täuschungen im Raum: Die Iraner sollen nicht alle Informationen offen gelegt und weiter geheime Anlagen betrieben haben.

Im Sommer des Jahres führen die Iraner vermutlich erste Tests mit Atomsprengsätzen durch. Die Pläne zum verwendeten Sprengsatz kommen angeblich von einem russischen Wissenschaftler, der bereits in der Sowjetunion an entsprechender Technologie geforscht hatte.

März 2003: Die USA greifen Irans Nachbarland Irak an. Als Begründung dienen angebliche Hinweise auf Massenvernichtungswaffen. Deren Existenz wird nie bewiesen.

2004: Der internationale Druck auf Teheran steigt. Unklar ist, welche Wirkung er erzielt. Doch es gibt bereits Berichte, dass das Regime sein Nuklearprogramm herunter fährt. Teheran weigert sich allerdings weiter, seine Pläne zum Atomprogramm offenzulegen.

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August 2005: Der Hardliner Mahmud Ahmadinedschad wird Präsident und startet erneut mit der Urananreicherung. Die internationalen Gespräche werden abgebrochen.

2006: Verhandlungen mit dem Iran im Sommer scheitern. Im Dezember verhängt der UN-Sicherheitsrat Wirtschaftssanktionen gegen das Land. Zusätzliche Sanktionen kommen von den USA und der EU.

Präsident Barack Obama (USA) bei der Antrittsrede nach seiner Vereidigung zum 44. US-Präsidenten in Washington D.C.
In der Amtszeit von US-Präsident Barack Obama fiel das Aushandeln des Atomabkommens mit dem Iran. Bildrechte: IMAGO

2007: Kurz vor der Amtsübernahme von Barack Obama kommt die CIA zu einem folgenschweren Schluss: Bereits seit einigen Jahren habe der Iran seine Atomwaffenambitionen heruntergefahren. Der Bericht hat auch Einfluss auf die Agenda von Barack Obama, der sich um eine Entschärfung des Konflikts bemühen wird.

Doch kurz darauf kommen erneut Details des Iranischen Programms ans Licht. In Natans wird mit der Anreicherung von Uran begonnen. Wegen des internationalen Drucks lässt das Regime Ermittler der IAEA in den Iran.

2008: EU-Chefdiplomat Javier Solana macht Teheran im Namen der 5+1-Gruppe ein neues Angebot zur Kooperation. Zur 5+1-Gruppe gehören die fünf Vetomächte im UN-Sicherheitsrat (USA, Großbritannien, Frankreich, Russland, China) sowie Deutschland. Der Iran lehnt einen Verzicht auf Urananreicherung aber weiterhin ab.

2009: Der Atomstreit geht in eine neue Runde. Laut USA, Frankreich und Großbritannien betreibt der Iran eine weitere Urananreicherungsanlage in Fordo. Tief eingegraben in ein Bergmassiv sind die technischen Geräte geschützt vor US-amerikanischen oder israelischen Raketen. Experten streiten darüber, ob ein Militärschlag das Nuklearprogramm überhaupt noch komplett stoppen könnte. Zudem verfügt der Iran inzwischen über ein weit verzweigtes Netz an Nuklearanlagen. Sie alle zu zerstören, würde vermutlich wochenlange Bomben- und Raketenangriffe voraussetzen.

Trotzdem gibt es einen ersten Verhandlungserfolg – zumindest kurzfristig. Bei neuen 5+1-Gesprächen stimmt der Iran grundsätzlich der Möglichkeit zu, Uran im Ausland anzureichern. Teheran spielt jedoch auf Zeit und lässt auch eine Frist der IAEA dafür verstreichen.

2010: Der Computervirus Stuxnet wütet auf Rechnern weltweit. Später wird vermutet, dass er von einer staatlichen Hackergruppe programmiert wurde, um das iranische Atomprogram zu sabotieren.

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2011/12: In Istanbul wird eine weitere Runde der Gespräche der 5+1-Gruppe mit dem Iran auf unbestimmte Zeit vertagt. Nach mehr als einem Jahr werden in Istanbul die Gespräche wieder aufgenommen. Weitere Treffen in Moskau und im kasachischen Almaty folgen. Erstmals seit Langem besteht Aussicht auf eine diplomatische Lösung des Konflikts.

Hassan Rohani zur Präsidentschaftswahl im Iran
2013 gewann Hassan Rohani die Wahl im Iran, er setzte sich für ein Atomabkommen mit dem Westen, Russland und China ein. Bildrechte: imago/UPI Photo

2013: Hassan Rohani wird neuer Präsident. Der Nachfolger von Mahmud Ahmadinedschad gilt als gemäßigt. Neue Gespräche in Genf münden in eine Übergangslösung. Der Iran muss sein Atomprogramm zunächst für sechs Monate auf Eis legen, dafür sollen erste Sanktionen gelockert werden.

Januar/Februar 2014: Teheran ergreift erstmals überprüfbare Maßnahmen, um sein Atomprogramm in wichtigen Teilen zurückzufahren. Im Gegenzug lockern die USA und die EU erste Sanktionen. In Wien treffen sich erneut die 5+1-Gruppe und der Iran. Ein Verhandlungsdurchbruch scheint möglich, Gespräche werden aber immer wieder vertagt.

Juli 2015: Seit Monaten stecken die Gespräche in der entscheidenden Phase, doch mehrmals wird die selbst gesteckte Frist verlängert. Doch am 14. Juli melden Diplomaten beider Seiten den Durchbruch. Die fünf UN-Vetomächte und Deutschland ermöglichen dem Iran die zivile Nutzung der Atomkraft beim gleichzeitigen Verbot von Atomwaffen. Im Gegenzug sollen die Sanktionen gegen Teheran schrittweise aufgehoben werden.

Januar 2016: Anfang des Jahres werden die Sanktionen aufgehoben. Fast überall ist die Euphorie groß. Die Menschen im Iran hoffen vor allem auf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Das ölreiche Land mit seiner jungen Bevölkerung steckt seit Jahren in der Krise. Nach dem Abkommen stehen die Wirtschaftsdelegationen in Teheran Schlange. Viele Unternehmen, auch aus Deutschland, hoffen auf Aufträge zur dringend benötigten Modernisierung der iranischen Infrastruktur.

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2017: Doch die Hoffnungen werden teilweise enttäuscht. Der große Wirtschaftsaufschwung bleibt aus. Grund dafür sind Sorgen um erneute Sanktionen gegen den Iran. Firmen haben Angst, bei Geschäften mit Teheran vom amerikanischen Markt ausgeschlossen zu werden.

Donald Trump, Präsident der USA, verkündet den Rückzug aus dem Atomdeal mit dem Iran im Diplomatische Empfangssalon des Weißen Hauses.
Schon im Wahlkampf hatte Donald Trump das Abkommen mit dem Iran kritisiert. Im Mai 2018 kündigte er es schließlich auf. Bildrechte: dpa

November 2017: Donald Trump gewinnt die US-Präsidentschaftswahl. Bereits im Wahlkampf hatte Trump versprochen, das Abkommen mit dem Iran aufzukündigen. Er bezeichnet es als "schlechtesten Deal aller Zeiten". Zunächst bleibt der Vertrag aber in Kraft.

8. Mai 2018: Donald Trump erklärt den Ausstieg aus dem Abkommen mit dem Iran. Laut dem US-Präsidenten funktioniere der Vertrag nicht und hindere den Iran nicht an einer Entwicklung von Atomwaffen. Zudem verweist er auf eine Erklärung Israels, nachdem Teheran ein geheimes Atomprogramm betreibe.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien wollen sich hingegen für einen Erhalt des Abkommens einsetzen. Auch Russland und China plädieren dafür.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 21. Mai 2018 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2018, 09:02 Uhr

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USA kündigen das Atomabkommen mit Iran