Nach US-Kritik Deutschland: Brauchen WHO für Corona-Impfprogramm

Die Weltgesundheitsorganisation steht wegen ihres Managements der Corona-Pandemie in der Kritik – vor allem seitens der USA. Im Netz kursieren Verschwörungstheorien. Die  Bundesregierung räumt Probleme ein, doch die WHO dürfe jetzt nicht geschwächt werden.

Tedros Ghebreyesus und Wang Yi
WHO-Chef Tedros Ghebreyesus (l) informierte sich Ende Januar in China über die Coronavirus-Epidemie. Hier beim Treffen in Peking mit dem chinesischen Außenminister Wang Yi. Bildrechte: dpa

Die deutsche Forschungsministerin Anja Karlizcek gibt der WHO im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie gute Noten:

Die WHO hat in den letzten Wochen und Monaten einen richtig guten Job gemacht und wir sind froh, dass die WHO eine wichtige Aufgabe erfüllt.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU)

Aber erfüllt sie die Aufgabe wirklich? Gerade erst hat US-Präsident Donald Trump alle US-Beitragsgelder an die WHO gestoppt, der Organisation öffentlich Unfähigkeit und Chinahörigkeit vorgeworfen. Aus Trumps Sicht hat die WHO in der Corona-Krise versagt. Er ätzte:

Sie lagen falsch. Sie lagen so falsch. Wenn sie immer wieder danebenliegen, ist es nicht gut.

US-Präsident Donald Trump zur Corona-Strategie der WHO

Bundeskanzlerin Angela Merkel kommentierte extra nüchtern, die Einschätzung über die Leistungsfähigkeit der WHO unterscheide sich.

Ulrich Lechte (FDP), Mitglied des Deutschen Bundestags
FDP-Bundestagsabgeordneter Ulrich Lechte Bildrechte: dpa

Ulrich Lechte, FDP-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender im Unterausschuss Vereinte Nationen, sieht die US-Pöbeleien und den Zeitpunkt der Trump-Kritik an der WHO vor allem innenpolitisch motiviert.

Zu diesem Zeitpunkt sei Trump klar geworden, dass er es in Amerika vergeigt habe. Er habe einen Sündenbock gebraucht.

Sündenbock WHO

Seit Jahren ist die Weltgesundheitsorganisation chronisch unterfinanziert. Ihr operatives Budget beträgt knapp zwei Milliarden Dollar pro Jahr, das ist weniger, als manchem Universitätsklinikum zur Verfügung steht. Bei der WHO aber muss es für die ganze Welt reichen.

Obendrein ist die WHO zwar wichtig, aber zahnlos. Sie kann nichts gegen den Willen einer Regierung durchsetzen. Sie ist weder die Nato noch der UN-Sicherheitsrat. Lechte erklärt:

Die WHO kann nur so gut sein wie ihre Mitgliedstaaten. Sie hat kein Recht auf Informationen aus einzelnen Ländern, sondern ist darauf angewiesen, dass die Informationen freiwillig kommen.

Ulrich Lechte, UN-Beauftragter im Bundestag

China gab Lechte zufolge anfangs in der Corona-Krise freiwillig keine Informationen heraus. Ende Januar sei dann WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus nach Peking gereist, habe die Führung umschmeichelt.

Was Trump dann als "chinahörig" kritisierte, nennt Lechte "Diplomatie". Tedros habe die Leistungen Chinas in der Corona-Bekämpfung gelobt. Hätte er das nicht getan, hätte China wohl keine WHO-Experten ins Land gelassen.

WHO hat ihre Schwächen

Deutschland jedenfalls steht an der Seite der WHO, gibt Geld und Rückendeckung – jetzt, da die Organisation, die unter anderem für die weltweiten Impfprogramme zuständig ist, von Trump unter Beschuss steht. Deutschlands Chefdiplomat Heiko Maas sagt undiplomatisch deutlich: "In so einer Phase die WHO in Frage zu stellen oder ihre Finanzierung zu kappen ist so, als würde man aus einem fliegenden Flugzeug den Piloten rauswerfen. Das ist alles andere als nachvollziehbar."

Dass der Pilot der WHO, der Äthiopier Tedros, Schwächen hat, und  die Organisation – ob bei Ebola oder Corona – oft zu spät, zu zögerlich war, das leugnet auch in Deutschland niemand. Nicht einmal die Kanzlerin:

Dass man natürlich dort, wo es Schwächen gibt, sie analysiert. Aber ich habe ein klares Bekenntnis zur WHO abgegeben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Kritik an der WHO

Reformen ja – aber später

Mehr Geld, mehr Rechte und mehr Durchschlagskraft – auch der FDP-Abgeordnete Lechte spricht sich für eine umfassende Reform der WHO aus, jedoch nicht mitten in der Corona-Krise. Der WHO in einer laufenden Pandemiebekämpfung eine Reform aufzustülpen, wäre Irrsinn.

Lechte verweist dabei auch auf den zweitwichtigsten Aspekt der WHO-Arbeit: ihre Zuständigkeit für unsere Impfprogramme. Die WHO nämlich würde den Corona-Impfstoff, wenn es ihn dann gebe,  weltweit verteilen. Vorbild dabei sei die Pockenimpfung, der wohl größte WHO-Erfolg ihrer 72-jährigen Geschichte.

   

 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Mai 2020 | 06:00 Uhr