Polizei vor Restaurant Zizzi in Salisbury
Britische Polizei vor dem Restaurant, in dem Skripal und seine Tochter möglicherweise vergiftet wurden. Bildrechte: dpa

Britische Polizei Russischer Doppelagent soll Opfer von Nervengift geworden sein

Nach einem Essen in einem englischen Restaurant schweben der russische Doppelagent Skripal und seine Tochter in Lebensgefahr. Nach Erkenntnissen der britischen Polizei wurden sie Opfer eines "Nervenkampfstoffes". Bereits zuvor hatte London dem Kreml mit einer "robusten" Reaktion gedroht, sollte er dahinter stecken. Moskau sprach von einer russlandfeindlichen Kampagne.

Polizei vor Restaurant Zizzi in Salisbury
Britische Polizei vor dem Restaurant, in dem Skripal und seine Tochter möglicherweise vergiftet wurden. Bildrechte: dpa

Der in England lebende ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal wurde nach Ansicht der britischen Polizei mit einem Nervengift vergiftet. Der Chef der britischen Anti-Terror-Einheit, Mark Rowley, sagte am Mittwoch in London, Skripal und seine Tochter Yulia seien Opfer eines "Mordversuchs durch Anwendung eines Nervenkampfstoffs" geworden. Es werde wegen versuchten Mordes ermittelt. Beide Opfer seien "gezielt angegriffen" worden.

Bewusstlos nach Essen in englischem Restaurant

Ermittler arbeiten außerhalb eines Zeltes, das außerhalb des Mill Pubs in der Nähe des The Maltings Einkaufszentrums aufgebaut wurde.
Ermittler der britischen Polizei im Schutzanzug untersuchen Spuren nach dem mutmaßlichem Giftgasanschlag auf Ex-Doppelagent Skripal in Salisbury. Bildrechte: dpa

Skripal und seine Tochter waren am Sonntag mit Vergiftungserscheinungen in der südenglischen Kleinstadt Salisbury auf einer Parkbank bewusstlos aufgefunden worden. Sie hatten zuvor in einem örtlichen Lokal gemeinsam gegessen. Die beiden Russen kämpfen seitdem in einer Klinik um ihr Leben.

Auch ein Polizist, der am Sonntag vor Ort war, befindet sich laut Anti-Terror-Chef Rowley inzwischen in einem lebensbedrohlichem Zustand.

Angeblicher Verdacht gegen Russland

Sergej Skripal während seines Spionage-Prozesses 2006 in Moskau.
Skripal während seines Spionage-Prozesses 2006 in Moskau. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Während Rowley keine weiteren Angaben zu irgendwelchen Hintergründen der Tat machte, ließen US-Geheimdienstkreise verlauten, die Hauptannahme der britischen Ermittler sei, dass das Nervengift von russischer Seite gegen Skripal eingesetzt wurde, um den Ex-Offizier des russischen Militärgeheimdienstes für seinen Verrat zu bestrafen. Auch verschiedene Kreml-Kritiker trauen die Tat dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB zu.

Skripal hatte als Doppelagent dem britischen Geheimdienst die Identität Dutzender russischer Spione verraten, bevor er 2004 in Russland verhaftet und 2006 in einem Geheimprozess zu einer 13-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. 2010 kam er im Zuge eines Gefangenenaustauschs frei und lebt seitdem in Großbritannien.

London droht mit "robuster" Reaktion

Boris Johnson
Johnson: "Angemessene und robuste Reaktion." Bildrechte: dpa

Die neusten Erkenntnisse der britischen Polizei dürften die Spekulationen weiter anheizen, Russland könnte bei dem mutmaßlichen Giftanschlag seine Hände im Spiel haben. Der Fall sorgte bereits für einen Schlagabtausch zwischen London und Moskau. Der britische Außenminister Boris Johnson drohte dem Kreml am Dienstag mit einer "angemessenen und robusten" Reaktion, sollte sich der Verdacht erhärten.

Kreml spricht von russlandfeindlicher Kampagne

Russland wies die Vorwürfe zurück. Das Außenministerium in Moskau sprach von einer russlandfeindlichen Kampagne, um die russisch-britischen Beziehungen zu belasten. Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa kritisierte vor allem die Tatsache, dass Vorwürfe gegen ihr Land erhoben würden, bevor überhaupt die Fakten geklärt seien.

Auch Insider wie der ehemalige sowjetische Spion Michail Ljubimow tun derartige Vermutungen als unglaubwürdig ab. "Wer ist Skripal? Wen interessiert er?" Skripal sei an Großbritannien übergeben worden. "Wenn wir ihn hätten töten wollen, hätten wir ihn hier getötet, aber wir haben ihn freigelassen."

Der russische Militäranalyst Alexander Golz verweist auf Skripals "abenteuerlichen Charakter". Niemand wisse, "in welches Abenteuer er sich in Großbritannien begeben haben könnte".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. März 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2018, 22:39 Uhr

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6 Kommentare

09.03.2018 21:26 Manuel 6

Man muss kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass bis zu den russischen Präsidentschaftswahlen und darüberhinaus noch etliche derartige "Säue durchs Dorf getrieben werden".
Passend dazu ist rein zufällig wahrscheinlich die Veröffentlichung eines diplomatischen Besprechungsprotokolls in unseren Medien untergegangen, in dem es um die Aufteilung Syriens, die Sabotage der Friedensbemühungen und die dazugehörige Medienkampagne während des russischen Wahlkampfs geht. Der Text erschien in einer libanesischen Zeitung und war logischerweise(?) keinem größeren Medium eine Meldung wert.

08.03.2018 15:52 MuellerF 5

@4: In den Augen eines Geheimdienstes sind sicher auch Sie & ich entbehrlich..trotzdem unwahrscheinlich, deswegen von diesen umgebracht zu werden. Wahrscheinlicher ist, dass Skripal nach Ansicht der Hintermänner "zuviel weiß".

08.03.2018 13:11 kleinerfrontkaempfer 4

Im Dunstkreis der Geheimdienste wissen die "Experten" wieder Bescheid. Dabei gilt schon seit den alten Römern:
Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter!
Solche Leute sind irgendwann bei Freund und Feind entbehrlich.

08.03.2018 10:39 MuellerF 3

>>die Presse weiß nichts, haut aber immer Vermutungen raus.<<
Wenn diese Vermutungen, so wie hier, auch als solche kenntlich gemacht sind, habe ich kein Problem damit.
Wenn sich die Presse eines Themas allerdings zu spät annimmt, wird gern von "Verschweigen" fabuliert..manchen Menschen kann man es eben nie recht machen.

08.03.2018 08:14 colditzer 2

Es erstaunt eigentlich immer wieder, die Presse weiß nichts, haut aber immer Vermutungen raus.
Lag vielleicht eine Ampulle mit kyrillischen Buchstaben in der Gegend herum oder roch es extrem nach Moskau?
Um sich zu informieren nehme man mal ein Handbuch zu Kampfstoffen in die Hand.
Eigenartig ist auch, Friede und Ruhe mit Rußland ist nicht erwünscht.
Jeglicher Verdacht geht erst einmal gegen Rußland, egal worum es geht.
Nun gut, Präsidentenwahlen stehen an, und die Fußball -WM findet auch noch statt.
Boris!!! möchte sie gern sabottieren.
Aber , sind die Russen wirklich so dämlich?
Dann kann die NATO beruhigt alle Truppen aus dem Baltikum zurückziehen.

08.03.2018 06:57 Wo geht es hin? 1

Zitat aus dem Artikel: "Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa kritisierte vor allem die Tatsache, dass Vorwürfe gegen ihr Land erhoben würden, bevor überhaupt die Fakten geklärt seien." Zitat Ende. Dem ist nichts hinzuzufügen.