Europäisches Parlament EU-Streit um den "Veggie-Burger"

Jessica Brautzsch
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Produzenten von veganen und vegetarischen Fleischalternativen deklarieren diese gerne als "Veggie-Burger" oder "vegetarische Wurst". Ein EU-Gesetzentwurf sieht vor, das zukünftig zu verbieten. Die Begründung: Die Bezeichnung sei für den Verbraucher irreführend. Im Europäischen Parlament wird in dieser Woche über den Gesetzentwurf abgestimmt.

Vegetarische Lebensmittel in einem deutschen Discounter
"Erbsenbratling" statt "Veggie-Burger" - Ein EU-Gesetzentwurf will verbieten, dass Fleischersatzprodukte nach üblicherweise tierischen Produkten benannt werden. Bildrechte: imago/Geisser

Pflanzliche Alternativen für tierische Produkte sind mittlerweile auch im regulären Angebot der führenden Supermarkt-Ketten zu finden. Und auch der traditionelle Wursthersteller Rügenwalder Mühle war 2014 in die Produktion von fleischfreien Wurstalternativen eingestiegen. Etwa mit veganer Teewurst oder veganer Salami.  

Vier Jahre später, 2020, hat das Familienunternehmen erstmals mehr Umsatz mit Fleischersatz als mit klassischer Wurst erzielt. Die Nachfrage nach Fleischalternativen habe deutlich zugenommen, erklärt die Unternehmenssprecherin Claudia Hauschild schriftlich. Und auch der Markt dafür sei parallel zur Nachfrage gewachsen: "Immer mehr Verbraucher möchten bewusst weniger Fleisch und Wurst konsumieren und suchen beim Einkauf gezielt nach Alternativen."

Bezeichnungen "Missbrauch" und "irreführend"?

Doch möglicherweise dürfen Hersteller diese Produkte in Zukunft nicht mehr nach traditionellen Fleischprodukten benennen. Ein EU-Gesetzentwurf (im Link siehe Änderungsanträge 165 und 171) sieht vor, dass Bezeichnungen, die ursprünglich für "Fleisch" und "Produkte tierischen Ursprungs" verwendet werden, nicht für die Vermarktung von Produkten mit hauptsächlich pflanzlichen Proteinen erlaubt sein sollen. Noch strengere Regeln sieht der Entwurf für pflanzliche Milchalternativen vor. Bislang sind bereits Begriffe wie "Mandelmilch" und "veganer Käse" in der EU verboten. Der Gesetzentwurf will nun die Verwendung beschreibender Begriffe wie "Joghurt-Art" und "Käsealternative" einschränken.

Begründet wird das Gesetz damit, dass die derzeitigen Bezeichnungen von Fleischersatz irreführend seien. In Bezug auf pflanzlichen Milchersatz ist im Entwurf sogar die Rede vom "Missbrauch" des Begriffs "Milch". Milchprodukte müssten effizient geschützt werden. Am Dienstag soll im Europäischen Parlament über den Entwurf abgestimmt werden.

Wurstware als "kulturelle Errungenschaft"

In Inhalt und Wortwahl spricht der Gesetzentwurf europäischen Agrarverbänden aus der Seele. Diese hatten europaweit Hersteller vegetarischer und veganer Produkte aufgefordert, auf die Verwendung von traditionell tierischen Produktnamen zu verzichten. In scharfen Worten kritisierte etwa der Deutsche Bauernverband die Hersteller als "Imitate-Branche". Der europäische Viehzuchtsektor hatte zudem Anfang Oktober eine Kampagne unter dem Motto "Ceci n’est pas un steak" (Das hier ist kein Steak) gestartet.

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe "Rindfleisch", Jean-Pierre Fleury, nannte die Bezeichnung von Fleischersatzprodukten mit "Steak" oder "Wurst" einen "Fall des Kaperns kultureller Errungenschaften". In einer Pressemitteilung warnte er zudem davor, dass ohne die Gesetzesänderung in Zukunft "Marketing von der wahren Natur der Produkte entkoppelt" sein könnte.

EU wollte pflanzliche Ernährung fördern

Heftigen Widerstand gibt es derweil von Herstellern und vegetarischen Vereinen aus ganz Europa. Sie argumentieren, dass der Entwurf den politischen Ansätzen der EU zur Förderung pflanzlicher Ernährung zuwiderlaufen würde, wie sie im Europäischen Grünen Deal (European Green Deal) und der Farm-to-Fork-Strategie festgelegt seien. Zudem widersprechen sie dem Vorwurf, Bezeichnungen wie "Veggie-Burger" seien für den Verbraucher irreführend. Das sei Unsinn, erklärte Nico Nettelmann von der internationalen Ernährungsorganisation ProVeg in einer Pressemitteilung. "So, wie wir alle wissen, dass in Kokosmilch keine Milch enthalten ist, wissen Verbraucher genau, was sie beim Kauf von Veggie-Burgern oder Veggie-Wurst bekommen."

Nach Sicht von ProVeg dürfte eine Gesetzesänderung Hersteller, Einzelhändler und Gastronomen finanziell schwer treffen. Produkte müssten neu gestaltet werden, verstärkte Werbe- und Marketingmaßnahmen könnten erforderlich sein, um sicherzustellen, dass die neuen Produktbeschreibungen die Verbraucher ebenso anziehen wie die bisherige Kennzeichnung und Terminologie.

Verbot würde Markt für fleischfreie Produkte schwächen

Dieses Problem sieht auch das Unternehmen Rügenwalder Mühle. Darüber hinaus fürchtet es, dass eine Umbenennung der etablierten pflanzlichen Fleisch-Alternativen zu mehr Orientierungslosigkeit beim Verbraucher führen könnte. Denn die Entlehnung der Produktnamen aus der Fleischindustrie helfe den Kunden bei der Auswahl von Fleischersatzprodukten, meint Unternehmenssprecherin Claudia Hauschild. "Bei den bisherigen Namen wie "veganes Schnitzel" haben alle Verbraucher eine bestimmte Vorstellung im Kopf, sowohl bei klassischen Produkten aus Fleisch als auch bei pflanzlichen Alternativen. Es kann sich jeder Konsument vorstellen, um was es sich handelt, wie das Produkt zubereitet werden muss und wie es schmeckt."

"Phantasiebezeichnungen" wie "veganes Bratstück" würden dazu führen, dass der Kunde keine Vorstellungen über Konsistenz, Geschmack und Zubereitung habe. Verschärfte Regelungen würden bei den Konsumenten eher für mehr Verwirrung sorgen und weniger zur transparenten Kennzeichnung beitragen – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf den Konsum und die Marktentwicklung fleischfreier Produkte.

Deutsche Verbraucher durch Veggie-Angebot nicht verwirrt

2017 hatte der Verbraucherzentrale Bundesverband untersucht, wie deutsche Verbraucher vegane und vegetarische Fleischalternativen wahrnehmen und was sie von ihnen erwarten. In einer repräsentativen Befragung hatten 38 Prozent angegeben, es sei sinnvoll, vegetarische oder vegane Lebensmittel mit ganz neuen Namen zu kennzeichnen, die keinen Bezug zum Produkt mit tierischen Bestandteilen haben. Gleichzeitig gaben lediglich vier Prozent an, schon einmal versehentlich statt eines tierischen oder fleischhaltigen Lebensmittels ein vegetarisches oder veganes gekauft zu haben oder umgekehrt.

Diese Zahl deckt sich mit den Erfahrungen des Wurstherstellers Rügenwalder Mühle. Seit der Einführung der fleischlosen Produkte im Jahr 2014 könne man die bekannten Verwechslungsfälle, bei denen sich Verbraucher zurückgemeldet haben, an einer Hand abzählen, teilte das Unternehmen mit. Um das Verbot aufzuhalten hat ProVeg eine Petition gestartet. Bis zum Wochenende waren bereits über 190.000 Unterschriften gesammelt worden. Die Petition soll den Abgeordneten am Dienstag vor der Abstimmung vorgelegt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 20. Oktober 2020 | 10:55 Uhr

71 Kommentare

Kiel_oben vor 5 Wochen

Quelle Wikipedia:
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Wurst ist ein Nahrungsmittel, das aus zerkleinertem Muskelfleisch, Speck, Salz und Gewürzen, bei bestimmten Sorten auch unter Verwendung von Blut und Innereien zubereitet wird.

Schnitzel sind dünn geschnittene Fleischstücke ohne Knochen ...

Hackbraten ... ist ein Braten aus Hackfleisch.

FantasieKreationenaus Sägemehl, Soja, Meis-Gemüse zur Täuschung wurden grenzwertig liberal erlaubt

Steffen1978 vor 5 Wochen

RICHTIG @Sachse 👍 statt ehrlich salami aus fischmehl soja oder was auch immer werden Verbraucher vorsätzlich getäuscht; was eigentlich Straftat darstellt aber vor Jahren durch FDP grenzwertig ausgehebelt wurde.

Saxe vor 5 Wochen

Das wirklich irre ist, dass die "Vegetarier Industrie" ja eigentlich zB ein Schnitzel, unter dem sich fast jeder Fleisch vorstellt, verteufeln müsste. Aber gerade dieser Begriff wird dann in der Produktbezeichnung genannt.