Mohammed
Mohammed Maiosissé floh aus Sierra Leone nach Libyen und von dort über das Mittelmeer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"In Libyen mögen sie Schwarze nicht"

Mohammed ist gerettet worden. Die Crew der "Lifeline" hat den jungen Mann aus Sierra Leone vor dem Ertrinken im Mittelmeer und vor dem Zurückführen nach Libyen bewahrt. Damit endete eine jahrelange Flucht-Odyssee für den inzwischen 21-Jährigen. Seitdem wartet er auf einen Neuanfang.

Mohammed
Mohammed Maiosissé floh aus Sierra Leone nach Libyen und von dort über das Mittelmeer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Nun sitzen wir hier und warten", erklärt Mohammed Maiosissé auf Englisch. Seit dem 27. Juni 2018 ist er in Malta. Erst nach tagelangem Ausharren auf See durfte die "Lifeline" mit 234 geretteten Flüchtlingen im Hafen von Valetta anlegen. Der Traum des Sierra Leoners ist es, Fußballer zu werden. Doch das würde nicht leicht werden, gesteht er sich selbst ein – und erzählt MDR-exakt seine Geschichte.

Fußball hat er bereits in seinem Heimatland gespielt. Dort trug er den Spitznamen eines Fußballers aus Sierra Leone. Er selbst kommt seit der Flucht nur selten dazu und in der Premiere League von Sierra Leone wurde fast vier Jahre lang nicht gekickt. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt und ist in den vergangenen Jahren stark gebeutelt worden: Ebola, Bürgerkrieg und Korruption.

Karte Sierra Leone
Sierra Leone ist in den vergangenen Jahren schwer gebeutelt worden. Bildrechte: BING Maps

Mohammed spricht nicht von Armut oder Krankheit. Der junge Mann wollte nicht in die Fußstapfen seines Vaters und damit in einen Geheimbund eintreten. Gerade auf dem Land wird durch diese Geheimbünde das gesellschaftliche Zusammenleben organisiert – mit klaren Regeln und harten Strafen. Für Maiosissé ein mittelalterliches System. Aber weil sein Vater der Anführer in seinem Dorf war, wäre er sein Nachfolger geworden. Der Vater war damals bereits schwer krank

"Ich kann das nicht unterstützen, weil es da auch Menschenopfer gibt", sagt Mohammed. "Ich möchte jemand besseres sein in der Zukunft", begründet er seinen Weggang. Er wollte eine Ausbildung machen, für seine Familie sorgen und anderen Menschen helfen.

Das Ziel der Flucht: Eine bessere Zukunft

Als Mohammed 2017 floh, ist er über Guinea nach Mali gegangen. Wie er dort genau hinkam, dazu schweigt er. In Mali hat er wenige Monate verbracht, berichtet Mohammed. Geld hatte er nicht und somit keine Möglichkeiten fortzugehen. Sein Plan war, irgendwie Geld verdienen, um sich weiter bewegen zu können – zu seinem Ziel: einer besseren Zukunft.

Der junge Mann hat lange gebraucht, um aus Mali über Burkina Faso, in den Niger und schließlich nach Libyen zu gelangen. An den Grenzübergangen "wollen die eine Menge Geld von dir", berichtet Mohammed. Wenn das nicht vorhanden ist, werde gedroht, dass man zurückgebracht wird. "Sie schreien dich an und schließen dich in einen Raum ein und suchen überall nach Geld."

Sie schreien dich an und schließen dich in einen Raum ein und suchen überall nach Geld.

Mohammed Maiosissé Flüchtling aus Sierra Leone
Wüste
Im Niger musste Mohammed eine Wüste durchqueren. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Er musste Soldaten an vielen "Checkpoints" bestechen. Im Niger musste Mohammed eine Wüste durchqueren. Sieben Tage hat der Flüchtling mit etwa 25 Menschen auf einem Wagen eingesperrt verbringen müssen. Brennden Sonne, eng aneinander - nach vier Tagen gab es nichts mehr zu essen. "Es waren sehr schwierige Bedingungen, es ist sehr gefährlich in der Wüste." Mehrere Menschen starben dabei. Es seien vor allem Frauen gewesen.

Ende 2017 erreichte Mohammed schließlich Libyen. In Sabha, einem Ort etwa 640 Kilometer südlich von Tripolis, ist der junge Mann dann zweimal gekidnapped worden. Das habe jederzeit geschehen können. Mohammed erzählt: "Autos mit getönten Scheiben fahren vorbei, reißen die Menschen hinein und bringen sie weg – einfach weil sie schwarz seien. Sie sperren dich ein und sagen. Du sollst ihnen Geld geben und wenn du keins hast, schlagen sie dich und sagen: ´Du sollst deine Familie anrufen´". Er hatte keine Möglichkeit seine erkrankte Mutter anzurufen. Er hatte Glück und konnte schließlich fliehen. Als Mohammed zum zweiten Mal entführt wurde, hatte er gerade ein wenig Geld dabei, denn er hatte in Sabha einen Job gefunden. Damit konnte er sich frei kaufen.

Morgens lagen Leichen auf der Straße

Die Stadt im Süden von Tripolis ist ein gefährliches Pflaster. "In Sabha gibt es keine Polizei", sagt Mohammed. "Manchmal lagen dort morgens auf der Straße plötzlich die Leichen von mehreren Schwarzen." Er wollte dort nur noch weg und ging in den Norden nach Tripolis. "Ich habe wieder angefangen zu arbeiten und entschieden, Libyen zu verlassen, um in Europa meinen Weg zu finden."

Am 15.08.2015 wurde durch den Tender _Werra_ etwa 72 Kilometer nordöstlich der Stadt Tripoli ein in Seenot geratenes Schlauchboot gesichtet mit 103 Personen darunter vier Frauen und zwei Kinder.
Mit den kleinen Gummibooten gibt es Unfälle ohne Rettung. Bildrechte: dpa

Von dem Kontinent auf der anderen Seite des Mittelmeeres wusste der Flüchtling offenbar nicht viel. Er wusste nur, dass die Überquerung gefährlich ist. Dass Menschen im Meer sterben. Dass es Unfälle mit den kleinen Gummibooten gibt – ohne Rettung. "Aber alle wollten aus Libyen weg. Das ist kein guter Ort für Schwarze. Die mögen Schwarze nicht", erzählt Mohammed.

"Ich konnte mich in den Straßen nicht bewegen, ich hatte keine Freiheit. Und eines Tages, wenn sie mich wieder kidnappen sollten, verliere ich vielleicht am Ende mein Leben", berichtet der junge Mann. In Libyen würden Menschen einfach verhungern.

Der einzige Weg Libyen zu verlassen, sei der über das Meer. Ein Araber, mit dem Mohammed in Tripolis zusammen gearbeitet hatte, zeigte ihm den Weg zu den kleinen Booten. 2500 Dinar habe er bezahlt – umgerechnet etwa 1600 Euro. Eine Woche verbrachte der Sierra Leoner in einer Art Lager. Dann wurde das Boot ins Wasser geschoben. Die Schleuser haben zu ihm gesagt: "Wenn du Glück hast, siehst du nach einem Tag ein Rettungsteam. Wenn du kein Glück hast, dann gibt es ein Problem."

Menschen sitzen auf Decken am Boden.
"Alle wollen aus Libyen weg", sagt Mohammed. Offenbar nicht nur die Menschen in Auffanglagern. Bildrechte: IMAGO

Mohammed sagt: "Ich habe das erste Mal in meinem Leben so ein Boot gesehen und ich hatte Angst." Es gab keine Rettungswesten an Bord. Obwohl der Muslim sonst nur selten gebetet habe – in dieser Situation hat er sehr viel gebetet - so wie alle Menschen in diesem Gummiboot.

Sie hatten Glück. Die "Lifeline" kam an jenem 21. Juni 2018 vorbei. "In dem Moment waren alle im Boot glücklich", sagt Mohammed. Die Menschen konnten an Bord des Rettungsschiffes des Dresdner Vereins "Mission Lifeline" gehen und erhielten Rettungswesten.

Doch gerettet waren sie noch nicht. Zwei Stunden später kam die libysche Küstenwache und forderte die Übergabe der Flüchtlinge. "Alle waren sehr aufgebracht. Wir sagten, wenn sie uns übergeben, springen wir ins Wasser", berichtet Mohammed.

"Dort holt dich keiner raus"

"Alle wussten, Libyen ist lebensgefährlich", sagt der Flüchtling. "Du leidest an diesem Ort und es gibt keinen, der dich dort rausholt." Die Crew der "Lifeline" um Kapitän Claus-Peter Reisch behielten die Menschen an Bord und wollten sie in einen sicheren Hafen bringen. Doch das gelang erst nach einer knappen Woche. Zuvor stritten die europäischen Länder um die Aufnahme der Menschen.

An Bord mussten die 234 Menschen weiter bangen. Es war eng, die Vorräte wurden immer knapper. Viele waren seekrank. "Ich konnte nichts essen. Selbst Wasser kam mir wieder hoch", sagt Mohammed. Als die Nachricht verkündet wurde, dass der Hafen von Valletta angesteuert werden darf, herrschte Euphorie auf dem Deck.

Auf Malta wurden die Flüchtlinge erst einmal in ein geschlossenes Lager gebracht. Es habe einen Platz gegeben und Handtücher, Bürsten und Zahnpaste. Es herrschte Zufriedenheit. "Die Bedingungen waren besser als zuvor", beschreibt Mohammed die Situation. Er sollte in Malta bleiben.

Mohammed
Von dem Geld was Mohammed auf Malta verdient, schickt er jeden Monat etwas an seine kranke Mutter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der inzwischen 21-Jährige bemühte sich seitdem um eine Arbeit, hielt sich mit Tagesjobs über Wasser. Vor wenigen Monaten fand Mohammed endlich einen Job. Seitdem räumt er sieben Tage pro Woche in einem Supermarkt in Valletta Regale ein. Er verdient etwas mehr als den Mindestlohn: 5 Euro pro Stunde. Davon schickt der junge Mann jeden Monat seiner kranken Mutter Geld. Sein Vater ist kurz nach seiner Flucht verstorben.

Mohammed will auch etwas Geld sparen, um nicht länger im Lager leben zu müssen. Zwar kann er sich inzwischen frei bewegen. Doch der Sierra Leoner lebt mit fünf weiteren Menschen in einem Container - in der Nähe des Flughafens. Er würde gern in eine WG ziehen, nur die Mieten in Valletta sind hoch, sein Einkommen gering. Wie seine Zukunft genau aussehen wird, das weiß er noch nicht. Am liebsten würde Mohammed Fußball spielen – doch wichtiger ist ihm ein sorgenfreies Leben. "Wenn Fußball nicht mein Schicksal ist, und wenn es einen anderen Weg raus gibt, dann ist das kein Problem."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 15. Mai 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2019, 10:33 Uhr