Interview der Woche | Prof. Dr. Sebastian Maisel Hintergrund: So entwickelte sich der Iran-Konflikt

"Ein Schurkenstaat in der Achse des Bösen" – wenn die USA über den Iran sprechen, dann bleibt an der islamischen Republik kein gutes Haar. Der Konflikt zwischen Washington und Teheran ist erst kürzlich eskaliert, als die USA mit General Suleimani den zweitwichtigsten Mann in Iran mit einer bewaffneten Drohne töteten. Der Iran antwortete mit Angriffen auf Militärbasen in Irak, bei denen allerdings keine Soldaten starben. Im Moment herrscht angespannte Ruhe. Doch woher rührt der Konflikt?

Kornelia Kirchner war im Orientalischen Institut der Universität Leipzig und hat mit dem Islamwissenschaftler Prof. Dr. Sebastian Maisel über die Hintergründe des Irankonflikts gesprochen.

So kam es zur Feindschaft zwischen Iran und USA

Kornelia Kirchner (MDR AKTUELL): Wenn man mal weit zurückschaut, woher kommt eigentlich diese Feindschaft zwischen den USA und Iran?

Prof. Dr. Sebastian Maisel: Da müsste man wahrscheinlich einige Dekaden zurückgehen in die Zeit des Kalten Krieges, als sich die damaligen Großmächte auch im Raum des Nahen Ostens und des Mittleren Ostens versucht haben zu etablieren und dabei Partner gesucht haben, Feinde gemacht haben. Das fing kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an, als die Iraner und andere Länder, dann auch in dieser Bewegung der jungen Nationalstaaten, dass sie sich bestrebt haben, unabhängiger zu werden von dieser Einflussnahme dieser Supermächte. Ob das nun die Amerikaner oder die Sowjetunion waren, da hatten die Iraner Anfang der 50er-Jahre eine folgenschwere Entscheidung getroffen, die gut für sie war und nicht so gut für die Supermächte waren, nämlich die, das Öl zu verstaatlichen. Es gab Wahlen, die eine nationalistische Regierung ins Amt gewählt hatten, die sich dann eben diesen Beschluss der Verstaatlichung des Öls auf die Fahnen geschrieben haben.

Die Amerikaner und ihre Partner, in dem Falle die Briten, haben dann diesen ersten Schritt im Grunde genommen getan, um diese Feindschaft zu zementieren, diese frei gewählte Regierung, die nun das Öl dem Volk gegeben wollte, zu stürzen. Das wurde in einem Coup durchgeführt, der von den Geheimdiensten dieser beiden Länder unterstützt wurde. Eine neue Regierung wurde installiert und der Schah, das ist der absolute Herrscher, wurde dann wieder in das Amt gehoben. Das war dann aber im Grunde genommen ein Herrscher von Gnaden der ehemaligen Kolonialmächte. Es hat sich dann einer sehr starke Opposition gegen dieses Regime des Schahs gebildet, die nicht nur von religiösen Kräften unterstützt wurde, sondern eben auch von Intellektuellen, vom Bürgertum, von den Studenten,  selbst die kommunistische Partei hat dann mitgemacht. Es hat sich sozusagen ein breites Bündnis innerhalb des Irans gebildet, um diesen unbeliebten Herrscher und Autokraten dann wieder loszuwerden.

Als dann die Islamische Republik gegründet wurde, kam es zu dieser Besetzung der US-Botschaft. War das auch der Funke, wo es dann, wenn man sagen will, so richtig geknallt hat, zwischen den Regierungen der beiden Länder?

Der Schah und seine Regierung galten als wichtigste Verbündete der USA im Nahen Osten, außer Israel. Das kann man schon als so eine Art Highlight oder einen Fokus bezeichnen, dass die Revolutionäre - und ich sag jetzt nicht nur die islamischen Revolutionäre, sondern überhaupt die iranischen Revolutionäre - sich dann an den USA gerächt haben, indem sie die Botschaft besetzt und die Geiseln genommen haben. Und das hat das Verhältnis äußerst stark zerrüttet.

Die Rolle des Irans im Nahen und Mittleren Osten heute

Welche Rolle spielt der Iran heute in der Region Naher/Mittlerer Osten?

Ich würde den Iran jetzt als eine Regionalmacht bezeichnen - nicht die einzige, aber eine sehr starke. Diese Funktion einer Regionalmacht hatten sie schon seit Jahrhunderten ausgeübt. Jetzt ist es natürlich ungemein schwieriger, aus iranischer Sicht, diese Rolle auch weiterhin einzunehmen, da im Umfeld andere Staaten und Bewegungen jetzt an Einfluss gewonnen haben und von außerhalb auch riesige Interventionen durchgeführt wurden, die den Status als Regionalmacht wieder einschränken werden.

Worum geht es dem Iran, wenn er Einfluss ausübt auf andere Länder? Auf welche Länder übt er Einfluss aus und mit welchem Ziel?

Mein Verständnis der iranischen Außenpolitik geht dahin, dass sie sich zurzeit im Überlebensmodus befinden. Und so sollte halt die wichtigste Direktive sein, wie kann man dafür sorgen, dass das Land nicht angegriffen wird, dass das Land trotzdem weiter blüht und aufgebaut werden kann. Im Angesicht dessen, dass in Afghanistan die Koalitionstruppen stehen, dass im Irak ausländische Truppen stehen, dass auf der anderen Seite vom Golf feindliche Regime und Länder operieren. Das Land ist ja sozusagen umgeben von Feinden und dass der Iran natürlich auch Maßnahmen ergreift, die nicht als friedlich oder nicht als entsprechend der Menschenrechte oder entsprechende internationaler Vereinbarungen gelten, das muss man auch bestätigen. Aber ich sehe das so, dass der Kampf den Iranern aufgezwängt wird und dass sie sich wehren und sich demzufolge auch in einer Opferrolle sehen.

Und der Kampf wird ihnen aufgedrängt von den Akteuren in der Region oder von denen, die sich von außen dort einmischen?

Die, die sich von außen dort einmischen, benutzen Akteure in der Region, um ihre Ziele durchzusetzen. Wenn örtliche oder regionale Politiker dazu angestachelt werden, auf der anderen Seite der Grenze Maßnahmen zu ergreifen, zu kämpfen oder Einfluss zu gewinnen, meistens noch durch Einflüsse von ganz außen, dann vergiftet sich die Atmosphäre dort. Und es ist tragisch zu nennen, wie der Konflikt in der größeren Regionen um den Iran jetzt in anderen Ländern auf dem Rücken von anderen Bevölkerungen ausgetragen wird. Ich spreche jetzt hier die Situation im Irak an.

"Kein radikaler Kurswechsel in absehbarer Zeit"

Jetzt hat der Iran nicht nur Feinde, es gibt durchaus auch Verbündete. Russland ist so einer. Wie wichtig ist Russland für den Iran?

Im Überlebenskampf ist der überlebenswichtig. Wenn jetzt nicht das große Gewicht Russlands, Putins und dieses Blocks hinter dem Iran stehen würde, dann glaube ich, dass bestimmte Kräfte im Westen noch mehr getan hätten, um einen Regimewechsel im Iran zu provozieren.

Die USA streben einen Regimewechsel im Iran an und hoffen, dass die Islamische Republik zusammenbricht und etwas anderes nachkommt. Inwieweit könnte das kritisch sein für die politische Balance in der Region? Man hat es ja im Irak gesehen, nachdem Saddam Hussein weg war, hat es auch keine positiven Folgen gehabt. Wie wichtig ist der Iran, so wie er jetzt ist, als Stabilitätsfaktor in der Region?

Wenn es das große Ziel ist, einen stabilen Nahen Osten zu haben, dann ist eine Politik des Regimewechsels nicht sehr hilfreich. Wenn man aber andere Prioritäten setzen will, wenn man vielleicht mehr Demokratie oder mehr wirtschaftliche Beziehungen in der Region erzielen will, dann braucht man ebenfalls Partner. Um ein System auszuhebeln, das schon so lange an der Macht ist, das so viel durchgemacht hat, dass so viele Sanktionen, so viele Kriege durchgestanden hat, bedarf es eines enorm großen Aufwands. Ich glaube nicht, dass das nur militärisch sein kann.

Ich bin auch kein großer Freund von Spekulationen. Jedes Mal haben das die Experten falsch vorhergesagt. Was wird nun im Irak, wenn Saddam Hussein nicht mehr da ist? Das wusste auch keiner so richtig. Ich glaube deswegen nicht, dass es in absehbarer Zeit zu einem radikalen Kurswechsel kommen wird. Aber wenn man eben diese Frage dann doch mal weiter denkt, wo das hinführen kann: Der Iran hat eine lange politische Tradition als Staat, als Imperium über Jahrhunderte. Es wird immer eine starke politische Kraft geben, die sich von Teheran aus in der Region als wichtiger Partner in der Region etablieren wird. Ob das nun diese Regierung der Islamischen Republik ist oder eine säkulare, das kann ich nicht sagen.

"Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede mit Europa"

Schauen wir mit unseren Vorstellungen von Demokratie manchmal falsch auf solche Länder?

Ja, wenn wir wirklich denken, dass wir unsere mitteleuropäischen oder gesamteuropäischen Ideale und politischen Werte im Iran verwirklichen wollen, das ist aussichtslos. Das passt einfach nicht zusammen. Man kann da vielleicht über kleine Babyschritte versuchen, sich anzunähern und viele unserer kulturellen Werte sind ja auch ähnlich. Wir haben ja eh keine religiöse Tradition, religiöse Traditionen bauen auf ähnlichen Vorstellungen auf. Es gibt meiner Meinung nach mehr Gemeinsamkeiten als das, was uns trennt. Aber wenn wir jetzt eben unbedingt den Finger auf die Wunde legen und sagen, das politische System im Iran ist anders als das politische System in der europäischen Gemeinschaft - und es soll so werden wie in der EU - das ist meiner Meinung nach aussichtslos.

Mehr zum Thema Iran

Ajatollah Ali Chamenei
Bildrechte: Office of the Iranian Supreme Leader/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Januar 2020 | 08:17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 13:32 Uhr