Die kanadische Flagge
Die kanadische Flagge mit dem Symbol des Landes: das Ahornblatt Bildrechte: Colourbox.de

Punkte-Modell So funktioniert Kanadas Einwanderungssystem

Angesichts von Flüchtlingszustrom und Fachkräftemangel werden immer wieder Forderungen nach gezielter Einwanderung in Deutschland laut. Zuletzt plädierte die SPD ausdrücklich für ein Einwanderungssystem nach Punkten wie in Kanada. Auch Grüne, FDP und AfD orientieren sich an Kanada, wenn es um gesetzlich geregelte Zuwanderung geht. Doch wie funktioniert dieses kanadische Punktesystem überhaupt? Hier ein Einblick.

Die kanadische Flagge
Die kanadische Flagge mit dem Symbol des Landes: das Ahornblatt Bildrechte: Colourbox.de

Kanada ist seit Jahrzehnten eines der weltweit beliebtesten Einwanderungsländer. Jedes Jahr verlassen rund eine Viertelmillion Menschen ihre Heimat, um in Toronto, Vancouver oder Montreal ihr Glück zu finden. 2017 werden es nach einer Prognose des kanadischen Einwanderungsministeriums erneut mehr als 256.000 sein, dazu kommen noch mehrere zehntausend Flüchtlinge.

Punktesystem entstand bereits 1967

Von Anfang an bekennt sich Kanada dazu, die Einwanderung steuern zu wollen nach den wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen des Landes. Es soll kommen dürfen, wer auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird und dem Land nutzt. Entsprechend gezielt wurde und wird gesucht mit Hilfe des in Deutschland vielzitierten Punktesystems, das bereits seit 1967 existiert und seitdem mehrfach neuen Gegebenheiten angepasst wurde.

Einwanderung gehört zu Kanada

Seit Jahrzehnten wird Einwanderung in Kanada allerdings auch vom gesellschaftlichen Konsens getragen. Umfragen zufolge sagen weit über 80 Prozent aller Kanadier: Einwanderung ist wichtig und richtig. Mittlerweile ist mehr als jeder zweite Einwohner in den Großstädten kein gebürtiger Kanadier.

Kanada ist mit und durch seine Einwanderer gewachsen und rechnet nach Angaben der Regierung auch künftig fest mit ihnen. "Spiegel online" zufolge empfahl der Wirtschaftsrat der Regierung sogar, die jährliche Zuwanderung auf 450.000 anzuheben.

Fehler im System

Die letzte größere Reform des Punktesystem liegt etwa anderthalb Jahre zurück. Bis dahin galt ein Verfahren, nach dem pro Jahr eine feste Anzahl von Fachkräften ins Land gelassen wurde. Das hatte den Nachteil, dass Immigranten das Nachsehen hatten, wenn das Kontingent schon erschöpft war. So bekamen nicht die am besten geeigneten Kandidaten eine Aufenthaltsgenehmigung, sondern die schnellsten.

Außerdem fanden viele der hochgebildeten Ausländer dann doch keinen Job, weil das System den tatsächlichen Bedarf nicht berücksichtigte. So war 2015 mehr als jeder zehnte Einwanderer mit Uni-Abschluss ohne Arbeit bzw. jobbte zum Beispiel als Taxifahrer. Die Regierung sah Fehler im System und änderte es.

"Express Entry" seit 2015

Seit Anfang 2015 müssen sich Bewerber für die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung auf der Webseite des Einwanderungsministeriums registrieren und ein eigenes Profil erstellen. Neben persönlichen Daten, familiären Verhältnissen und Verbindungen nach Kanada werden auch Sprachkenntnisse detailliert abgefragt (Lesen, Hören, Verstehen etc.).

Dazu kommen Ausbildung, Berufserfahrungen im Land und außerhalb sowie der persönliche "Netto-Wert". Dabei handelt es sich um aktuelle Werte des Privatvermögens minus der Verbindlichkeiten.

Stellenangebot ist "halbe Miete"

Auf diese Profile haben die kanadischen Arbeitgeber Zugriff. Sie können darüber einem Kandidaten ein Arbeitsangebot machen, wenn sie keinen geeigneten Einheimischen finden. Auch Provinzregierungen können Kandidaten aus dem Pool nominieren, um Arbeitskräftemangel in abgelegenen Gebieten zu begrenzen. Eine solche Offerte bringt fast die Hälfte der maximal zu erreichenden Punktzahl von 1.200. Die andere Hälfte der Punkte gibt es für Alter, Sprachkompetenz und Qualifikationen.

In regelmäßigen Abständen wählt die Einwanderungsbehörde die Bewerber mit der höchsten Punktzahl aus dem System, die dann innerhalb von sechs Monaten ein Visum erhalten (Express Entry).

Kanada wirbt mit mehr als 60 Programmen

Neben diesem Schnellverfahren gibt es derzeit laut Einwanderungsbehörde noch etwa 60 weitere Programme, die sich speziell zum Beispiel an Unternehmersgründer, Investoren, Farmer oder Familienangehörige, die außerhalb Kanadas leben, richten.

Ausdrücklich wird auf der Webseite der Behörde darauf hingewiesen, dass die Bundes- und Landesregierungen ihre Programme ständig aktualisieren, "um sicherzustellen, dass die kanadische Einwanderung sowohl für Neulinge als auch für Kanada erfolgreich ist".

Kanada Kanada ist flächenmäßig der zweitgrößte Staat der Welt und hat derzeit mehr als 36,5 Millionen Einwohner. Laut Statistik steigt deren Zahl mindestens seit 2007 (32,8 Millionen) kontinuierlich an. Ohne Einwanderer würde die kanadische Bevölkerung Prognosen zufolge ab 2030 stetig schrumpfen.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 07.11.2016 | 13:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2017, 16:24 Uhr