Hintergrund Der Kurdenkonflikt und seine Ursprünge

Die Kurden gelten als weltweit größte Volksgruppe ohne eigenen Staat. Zwischen 25 und 30 Millionen Kurden verteilen sich vor allem auf die Staatsgebiete der Türkei, Syrien, des Iraks und des Iran und das inzwischen seit fast 100 Jahren. Diese Zeit ist geprägt von Konflikten, Interessensgemeinschaften, Terror und Krieg. So wie er aktuell wieder zwischen Türken und Kurden in Syrien aufflammt. Wo liegen die Ursprünge des Konflikts?

Wie viele internationale Konflikte beginnt auch der Kurdenkonflikt mit der Verteilung von Land zwischen Siegermächten nach einem Krieg. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg teilten die Siegermächte Frankreich und Großbritannien den Nahen und Mittleren Osten auf dem Reißbrett und ohne Rücksicht auf ethnische und kulturelle Grenzen untereinander auf. Diese Entscheidung wird von Historikern heute als Ursache für dutzende Konflikte in der Region gesehen.

Konflikt-Ursprung: Kolonialismus nach dem Ersten Weltkrieg

Im Vertrag von Sèvres von 1920 sicherten die Siegermächte den Kurden zunächst das Recht auf Selbstbestimmung zu. Nur drei Jahre später wurde diese Abmachung aber wieder verworfen. Ein neuer mächtiger Akteur hatte die Bühne betreten: Mustafa Kemal Atatürk. Aus den Bruchstücken des zerfallenen Osmanischen Reiches baute er den modernen türkischen Staat. Sonderrechte für Kurden passten nicht in seine Vision von einem geeinten türkischen Zentralstaat. Seit dieser Zeit hoffen und kämpfen die Kurden für einen eigenen Staat. Immer wieder kommt es zu blutigen Aufständen - später auch zu Terror.

Wer sind die Kurden?

Die Kurden sind eine westasiatische Ethnie. Ihr Siedlungsgebiet, das sich über die Türkei, Syrien, Irak, Iran und Armenien erstreckt, wird als Kurdistan bezeichnet. Schätzungen zufolge leben in diesen Gebieten zwischen 25 und 30 Millionen Kurden. Sie selbst bezichenen sich als "größtes Volk ohne Land". Mit rund 14 Millionen leben die meisten Kurden in der Türkei, im Iran und Irak sind es jeweils rund sieben Millionen, in Syrien rund eine Million und in Armenien knapp 40.000 Kurden*.

Landkarte mit gekennzeichnetem gebiet der Kurden im Irak, Syrien, Iran und der Türkei.    BITTE Aktualisierung mit Hauptstädten Ankara, Bagdad, Teheran und Damaskus (sofern sie auf den Kartenausschnitt passen, außerdem die Kurden-"Hauptstadt" Erbil und die Öl-Metropole Kirkuk  gruß Andreas Tel 8519
Die Karte zeigt die ungefähre Verteilung der Kurden auf die Staaten Türkei, Syrien, Irak und Iran. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von "den Kurden" kann heute jedoch keine Rede mehr sein. Untereinander sind die Kurden zum Teil zerstritten und sehr verschieden. Es gibt drei kurdische Sprachen und verschiedenste Religionszugehörigkeiten. So finden sich je nach Region unter den Kurden vor allem Sunniten, Schiiten, Jesiden, Aleviten und assyrische Christen.

Die Kurden in der Türkei

Bis in die 1990er Jahre wurden kurdische Sprache, Traditionen und Kultur in der Türkei weitgehend negiert und unterdrückt. Die Kurden hatten sich zu assimilieren. Gegen diese Politik wandte sich die 1978 gegründete Arbeiterpartei Kurdistans PKK mit ihrem Anführer Abdullah Öcalan. Die PKK hatte als Ziel einen eigenen Staat in der Türkei. 1984 nahm die PKK den bewaffneten Kampf auf. Mit Entführungen, Überfällen, Selbstmordattentaten und Morden versuchte die PKK, den türkischen Staat zu erpressen.

Die Türkei und die meisten westlichen Staaten, darunter Deutschland, stufen die PKK als Terrororganisation ein. In einem Dossier von 2015 bezeichnet das Bundesamt für Verfassungsschutz die PKK als "mit ca. 14.000 Anhängern derzeit mit Abstand (...) mitgliederstärkste nichtislamistsiche extremistische Ausländerorganisation" in Deutschland.

Die Türkei ließ den Terror der PKK nicht unbeantwortet. Mit Luftangriffen auf kurdische Stellungen schlug das türkische Militär immer wieder zurück. Erst als 1999 PKK-Chef Öcalan festgenommen wurde, kam es zu einem Waffenstillstand. Mit dem Erstarken der AKP in der Türkei setzte eine gewissen Entspannung ein. 2005 erkannte Recep Erdogan, damals noch Ministerpräsident, an, dass es ein Kurdenproblem gibt.

Die nächsten Jahre waren geprägt von leichten Verbesserungen für die Kurden in der Türkei. Ab 2009 gab es etwa einen eigenen Fernsehsender in kurdischer Sprache. 2012 wurden Friedenverhandlungen zwischen den verfeindeten Parteien angestoßen. Der Konflikt saß jedoch so tief, dass es immer wieder zu Provokationen und Toten auf beiden Seiten kam.

Im Sommer 2015 kündigte die Türkei den Friedensprozess mit der PKK schließlich auf; der Konflikt eskaliert erneut. Nach Angaben der NGO "International Crisis Group" kamen bis Mitte 2017 bei Kämpfen mindestens 3.000 Menschen zu Tode.

Der Vorsitzende der türkischen, pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtas.
Der Vorsitzende der türkischen, pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtas, sitzt seit November in U-Haft. Bildrechte: dpa

Nicht nur gegen die bewaffnete PKK geht die Türkei seit 2015 intensiv vor. Auch die gemäßigte zivile Opposition im Land wird seitdem massiv bedrängt. Die kurdische "Demokratische Partei der Völker" (HDP) hat es 2015 zwar trotz Zehn-Prozent-Hürde ins Parlament geschafft. Viele ihrer Spitzenpolitiker sitzen aber inzwischen in türkischen Gefängnissen, so wie HDP-Chef Selahattin Demirtas. Er ist seit November in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Die Staatsanwaltschaft forderte im Dezember 124 Jahre Haft.

Die Kurden in Syrien

Im Norden Syriens erstarkte in den vergangenen Jahren eine Schwesterpartei der PKK, die "Partei der Demokratischen Union" (PYD). Besonders ihr bewaffneter Arm, die "Einheiten zum Schutz des Volkes" (YPG), sind Erdogan ein Dorn im Auge. Im Kampf gegen die IS-Terrormiliz ist die YPG ein wichtiger Verbündeter der von den USA geführten Anti-IS-Allianz.

Seit Mitte Januar geht das türkische Militär mit der "Operation Olivenzweig" gegen die YPG in der Region Afrin vor. Ein weiteres Vorrücken Richtung Manbidsch hat die Türkei bereits angekündigt. Warnungen von NATO-Bündnispartnern ignoriert die Türkei bisher weitgehend und beruft sich auf ihr Selbstverteidigungsrecht.

Die Zukunft der Kurden in Syrien ist nicht zuletzt auch vom Aussgang des Krieges abhängig. Bisher hat die Regierung von Machthaber Baschar Assad die Kurden geduldet und sich auch grundsätzlich offen gezeigt für Verhandlungen, sobald der IS besiegt ist.

Die Kurden in Irak und Iran

Im Irak haben die Kurden erst im vergangenen Herbst über ihre Unabhängigkeit abgestimmt. Allerdings ohne großen Erfolg. Das Abstimmungsergebnis wurde weder von der irakischen Regierung in Bagdad noch von der internationalen Gemeinschaft anerkannt.

Stattdessen startete die irakische Armee eine Offensive, um Gebiete von den irakischen Kurden, einschließlich der strategisch wichtigen Erdöl- und Erdgasfördergebiete um Kirkuk, zurückzuerobern. Der irakische Kurdenpräsident Masud Barzani erklärte daraufhin seinen Rückzug.

Obwohl die Kurden im Irak die Einzigen sind, die im Laufe der Zeit eine dauerhafte autonome Regierung etablieren konnten, haben sie es nicht geschafft, ihre Macht zu stabilisieren. Zunehmende Differenzen zwischen kurdischen Parteien in dem Land sind an der Tagesordnung.

Die iranischen Kurden sind besonders zersplittert. 2016 kündigten mehrere Kurden-Parteien die Waffenruhe mit der Regierung auf. In der Folge kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit bis zu 160 Toten.


* In einer früheren Variante des Artikels stand, dass ca. 400.000 Kurden in Armenien leben. Wir bitten diesen Schreibfehler zu entschuldigen. Hier noch einmal die konkreten Zahlen: Aus dem letzten Zensus in Armenien aus dem Jahr 2011 geht hervor, dass etwa 37.500 Kurden in dem Land leben. Davon sind 35.308 Jesiden - die in Armenien als eigene ethnische Gruppe anerkannt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Januar 2018 | 07:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2018, 05:00 Uhr