Demonstranten mit katalanischer Flagge
Der katalanische Nationalismus ist jung und zugleich sehr alt: Demonstration für die Unabhängigkeit in Barcelona. Bildrechte: AP

Hintergrund Katalonien und die fragile Einheit Spaniens

Trotz der gescheiterten Unabhängigkeit Kataloniens ist die Einheit Spaniens zerbrechlich. Und das seit Jahrhunderten. Die Regionen im Land haben sich wirtschaftlich, politisch und sozial sehr unterschiedlich entwickelt.

Demonstranten mit katalanischer Flagge
Der katalanische Nationalismus ist jung und zugleich sehr alt: Demonstration für die Unabhängigkeit in Barcelona. Bildrechte: AP

Die Katalonien-Frage flammte nicht erst vor wenigen Jahren auf. Sie reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Tatsächlich können die Katalanen mit einigem Recht behaupten, dass die Tradition ihrer staatlichen Institutionen älter ist als die Spaniens. Zudem zeigt sich, dass Katalonien in der Vergangenheit meist fortschrittlicher und weiter entwickelt war als das Spanien der Habsburger, der Bourbonen und späteren Militärdiktatur.

Wie sich Katalonien seit dem Mittelalter entwickelte

Statue von Christoph Kolumbus in Barcelona
Statue von Christoph Kolumbus in Barcelona. Bildrechte: Colourbox

Schon im 11. Jahrhundert hatte sich die Grafschaft Katalonien gemeinsam mit der Grafschaft Aragon zur Mittelmeermacht entwickelt. Kataloniens Grafen stiegen zu Königen auf, die im 13. Jahrhundert neben den Balearen auch Sardinien und Sizilien regierten. Anfang des 14. Jahrhunderts reichten ihre Expeditionen bis Konstantinopel. Selbst Athen und weite Regionen Griechenlands wurden nach der Verfassung von Barcelona regiert.

In den katalanischen Städten hatte sich früh ein Handelsbürgertum etabliert, während die katalanische Sprache und Kultur einen Aufschwung erlebten. Im 14. und 15. Jahrhundert bildeten sich damit die bis heute gültigen Grenzen der katalanischen Sprache heraus und damit auch die Grenzen dessen, was den Katalanen heute als Nation gilt.

Auch das Rechts- und Verwaltungssystem Kataloniens unterschied sich schon damals deutlich von dem seiner Nachbarn. Die Regierungsform war keine absolute Monarchie. Die Macht der Könige war beschränkt durch frühe parlamentarische Strukturen.

Seine Eigenständigkeit verlor Katalonien-Aragon im Jahr 1516, als es durch dynastische Verflechtungen an Karl V. fiel - und damit an einen habsburgischen Herrscher. Seither versuchte Katalonien immer wieder, sich zu befreien. Es sollte jedoch nie gänzlich gelingen.

Wie sich Katalonien in der Neuzeit entwickelte

1714 gilt für viele als Geburtsjahr der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. In diesem Jahr am 11. September wurde Barcelona von spanisch-französischen Truppen eingenommen. Damit wurde die Herrschaft der Bourbonen festgesetzt, einer Nebenlinie des französischen Königsgeschlechts. Katalonien verlor im neuen Einheitsstaat alle Sonderrechte, das Kastilische wird Amtssprache. Noch heute ist der spanische König ein Angehöriger der Bourbonen-Familie.

FC Barcelona / Barca gegen Real Madrid
Ein Spiel des FC Barcelona. Bildrechte: IMAGO

Dennoch ist der 11. September seit 1980 der Nationalfeiertag Kataloniens. Die Auswirkungen sind selbst im Fußball zu spüren. Jedes Mal, wenn bei einem Heimspiel des FC Barcelona auf der Anzeigetafel die Zeit auf 17 Minuten und 14 Sekunden vorrückt, erschallt ein politischer Schlachtruf von den Rängen: "Independencia!" – Unabhängigkeit!

In der Folge brannten immer wieder Konflikte zwischen Katalonien und der neuen Bourbonen-Herrschaft auf. So löste beispielsweise 1909 die Soldaten-Einberufung für einen Feldzug in Marokko einen Aufstand in mehreren katalanischen Städten aus. Spanische Truppen schlugen den Aufstand nieder. Es folgten Verhaftungen und Hinrichtungen.

Wie sich Katalonien im 20. Jahrhundert entwickelte

Spanien war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein größtenteils rückständiges Agrarland, mit noch immer feudalen Verhältnissen. Die wenigen moderneren Industriezentren lagen in Katalonien und im Baskenland. Barcelona wuchs schnell zur Wirtschaftsmetropole Spaniens.

General Francisco Franco, 1974
Diktator Francisco Franco. Bildrechte: dpa

Nach dem Sieg linksliberaler, sozialistischer und kommunistischer Parteien bei den Wahlen im Februar 1936 putschte das Militär unter General Francisco Franco. Im Januar 1939 marschierten Franco-Truppen im Barcelona ein. Franco, der sich mit den spanischen Faschisten und den Monarchisten verband, verfolgte die Einheit Spaniens. Das Ziel verfolgte er in Katalonien mit diktatorischer Gewalt. Die katalanische Sprache wurde unterdrückt.

Erst 1975, dem Todesjahr Francos, wurden Reformen eingeleitet. Seit 1983 ist das Land in 17 autonome Gemeinschaften mit eigenen Parlamenten und Regierungen gegliedert. Katalonien erhielt die Autonomie. Immer wieder ringen die Katalanen jedoch mit Madrid um Befugnisse wie beispielsweise mehr finanzpolitische Unabhängigkeit.

Wie sich Katalonien seit 2010 entwickelte

Das Jahr 2006 brachte Katalonien zunächst mehr Unabhängigkeit: Das Parlament in Madrid hatte eine neue Autonomie-Charta verabschiedet und der Region mehr Vollmachten im Steuer- und Justizbereich zugestanden. Zugleich wurde Katalonien als "Nation" bezeichnet. Diese Anerkennung währte jedoch nur kurz. Die rechtskonservative Volkspartei klagte dagegen vor dem Verfassungsgericht. Dieses erkannte im Juni 2010 den Katalanen den Status einer "Nation" wieder ab. Seither gibt es vor allem in Barcelona immer wieder Großdemonstrationen für die Autonomie.

Eine entscheidende Rolle im Streit mit Madrid spielte es, als am 9. November 2014 der katalanische Regionalpräsident Artur Mas eine Volksbefragung über die Abspaltung der Region zuließ. Und das trotz eines Verbots aus Madrid. Gut 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmten für Kataloniens Unabhängigkeit. Die Wahlbeteiligung lag aber bei nur 37 Prozent. Das Parlament Kataloniens leitete daraufhin im Herbst 2015 die Abspaltung ein: Innerhalb von 18 Monaten soll Katalonien seine Unabhängigkeit als Republik ausrufen.

Carles Puigdemont
Carles Puigdemont war seit Januar 2016 Regierungschef Kataloniens. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Konflikt eskalierte, als Carles Puigdemont im Januar 2016 zum neuen Regierungschef Kataloniens gewählt wurde. In einer zweiten Volksbefragung sprach sich abermals eine Mehrheit für die Abspaltung aus, bei einer Beteiligung von knapp 43 Prozent. Polizeigewalt überschattete die Abstimmung. Hunderttausende demonstrierten für die Unabhängigkeit. Die Regierung in Madrid reagierte kompromisslos: Sie setzte Puigdemont ab, der ins Exil nach Belgien floh.

Wie sich Katalonien aktuell entwickelt

Bei neuen, von Madrid angesetzten Parlamentswahlen im Dezember 2017 setzte sich die pro-spanische Partei Ciudandanos als stärkste Kraft durch. Im katalanischen Parlament bildeten jedoch drei Separatisten-Parteien die Mehrheit. Puigdemonts Partei erhält 34 Sitze, das beste Ergebnis im Separatistenlager.

Der ehemalige katalanische Regionalpräsident Puigdemont tourte unterdessen durch Europa, um für die Unabhängigkeitsidee zu werben. In Deutschland wurde er im Frühjahr 2018 auf der Autobahn 7 in der Nähe der dänischen Grenze festgenommen, da er in Spanien per Haftbefehl gesucht wurde. Erneut kam es zu Demonstrationen in Barcelona, mit Zusammenstößen mit der Polizei. Die spanische Regierung verzichtete wenig später auf Puigdemonts Auslieferung.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Februar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Februar 2019, 17:54 Uhr