Istanbul Papst Franziskus kritisiert Umwandlung der Hagia Sophia in Moschee

Die türkischen Pläne, die Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee umzuwandeln, haben weltweit Kritik ausgelöst. Papst Franziskus reagierte am Sonntag "sehr bekümmert" über die Umwandlung. Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland kritisierte die Pläne. Der Weltkirchenrat forderte Präsident Erdogan zum Einlenken auf. Unesco, EU, Griechenland, Russland, Frankreich und die Vereinigten Staaten verurteilten die Pläne.

Hagia Sophia in Istanbul Türkei
Die Hagia Sophia war einst die größte Kirche der Welt. Heute gehört sie mit der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Welterbe. Bildrechte: dpa

Die geplante Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee hat international und auch in Deutschland scharfe Kritik ausgelöst.

Unter den Kritikern des türkischen Vorhabens ist auch Papst Franziskus. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche sagte nach dem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz, wenn er an das Wahrzeichen in Istanbul denke, empfinde er großen Schmerz. Franziskus wich mit seinen Worten spotan vom Redemanuskript ab.

Meine Gedanken gehen nach Istanbul. Ich denke an die Hagia Sophia. Ich bin sehr bekümmert.

Papst Franziskus Pontifex

Türkische Gemeinde befürchtet Verurteilung

Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland hat die geplante Umwandlung der Hagia Sophia von einem Museum in eine Moschee kritisiert. Das Bauwerk sei Welterbe und ein Symbol friedlichen Zusammenlebens der Religionen, sagte der Vorsitzende Gökay Sofuoglu. Dass man daraus eine Moschee mache, sei eine eine absolute Fehlentscheidung. Die Türkei werde nun als das Land verurteilt werden, das mit so einem Erbe nicht umgehen könne.

Der Ökumenische Weltkirchenrat appellierte an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, er solle seine Entscheidung noch einmal überdenken. In einem Brief des Weltkirchenrats heißt es, mit der Umwidmung habe Erdogan das positive Zeichen der Offenheit der Türkei umgekehrt und es in ein "Zeichen der Ausgrenzung und Spaltung" verwandelt.

Deutsche Kirchen besorgt

Türkei, Istanbul: Menschen besichtigen die Hagia Sophia, die derzeit ein Museum und als Teil des historischen Viertels in Istanbul als Weltkulturerbe der Unesco gelistet ist.
Seit 1934 ist die Hagia Sophia ein Museum. Bildrechte: dpa

Die katholische Bischofskonferenz in Deutschland zeigte sich besorgt, dass die Hagia Sophia künftig wieder als "Symbol religiösen 'Raumgewinns'" gedeutet werden könnte. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) appellierte an Erdogan, die jetzige Entscheidung rückgängig zu machen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, Markus Grübel, sagte, die Türkei wende sich damit ab von Europa und vom Respekt gegenüber anderen Religionen.

Unesco: Türkische Entscheidung ohne Absprache

Kritik kam auch von der Europäischen Union. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell bedauerte die Entscheidung. Die Hagia Sophia habe "starken symbolischen, historischen und universellen Wert", sagte er. Die Unesco, zu deren Weltkulturerbe das Wahrzeichen Istanbuls zählt, betonte, das architektonische Meisterwerk sei als Museum ein kraftvolles Symbol für den Dialog. Die türkische Entscheidung sei ohne vorherige Information oder Absprache mit der UN-Organisation gefallen.

Russland fordert weiter öffentlichen Zugang

Der russische Nato-Botschafter Alexander Gruschko spricht am 13.07.2016 in Brüssel (Belgien) auf einer Pressekonferenz zur vorangegangenen Sitzung des Nato-Russland-Rats.
Gruschko: "Diese Entscheidung ist bedauerlich." Bildrechte: dpa

Die im 6. Jahrhundert errichtete Hagia Sophia hat für die orthodoxe Christenheit eine ähnliche Bedeutung wie der Petersdom für die Katholiken. Russland, das sich traditionell als Schutzmacht der orthodoxen Christenheit sieht, bezeichnete die türkische Entscheidung als bedauerlich. Vize-Außenminister Alexander Gruschko forderte die türkische Regierung auf, die Hagia Sophia auch weiterhin öffentlich zugänglich zu machen. Metropolit Ilarion vom Moskauer Patriarchat erklärte als Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche, die Umwandlung der Hagia Sophia sei ein Schlag gegen die Orthodoxie.

"Beleidigung der christlichen Welt"

Die griechische Regierung sprach von einer "Beleidigung der christlichen Welt". Dies müsse Konsequenzen haben. Regierungssprecher Stelios Petsas erklärte, Erdogan habe einen "historischen Fehler begangen". Auch Frankreich und die USA äußerten Kritik.

Erdogan hatte am Freitag nach einer Entscheidung des obersten türkischen Gerichts die Öffnung der Hagia Sophia  zum islamischen Gebet angeordnet. Mit dem Beschluss übergab er die Leitung der "Hagia Sophia Moschee" zudem an die Religionsbehörde Diyanet.

"Kirche der göttlichen Weisheit"

Die Hagia Sophia wurde 537 nach Christus als "Kirche der göttlichen Weisheit" geweiht. Sie war die Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der die Kaiser gekrönt wurden. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. die Hagia Sophia in eine Moschee um und ließ als äußeres Kennzeichen vier Minarette anfügen.1934 wurde das Gotteshaus auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk in ein Museum umgewandelt. Die Hagia Sophia ist als Teil der Altstadt von Istanbul seit 1985 Unesco-Weltkulturerbe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Juli 2020 | 16:30 Uhr