Großbritannien Antisemitismus-Vorwürfe: Labour-Partei suspendiert Ex-Chef Corbyn

Antisemitische Tendenzen – so lautet der Vorwurf gegen den früheren Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Ein Untersuchungsbericht kam nun zum gleichen Schluss. Die Partei suspendierte Corbyn daraufhin.

Jeremy Corbyn
Jeremy Corbyn war bis April 2020 Vorsitzender der Labour-Partei in Großbritannien. Bildrechte: IMAGO

Die britische Labour-Partei hat ihren früheren Vorsitzenden Jeremy Corbyn suspendiert. Das teilte ein Parteisprecher am Donnerstagnachmittag mit. Ein Untersuchungsbericht hatte zuvor festgestellt, dass die Labour-Partei und ihr einstiger Chef antisemitische Tendenzen zugelassen hätten.

Es habe Schikanen und Diskriminierungen gegeben, teilte die britische Kommission für Gleichheit und Menschenrechte am Donnerstag bei der Vorstellung des Berichts in London mit. Es habe "unentschuldbare Fehler" gegeben, die auf einen Mangel an Bereitschaft zur Bekämpfung des Antisemitismus zurückzuführen seien, sagte die Vorsitzende der unabhängigen Kommission, Caroline Waters.

Corbyn weist Vorwürfe zurück - teilweise

Corbyn, von 2015 bis April dieses Jahres Labour-Chef, wollte seinerseits nicht alle Vorwürfe gelten lassen. Er sei immer entschlossen gewesen, alle Formen des Rassismus zu beseitigen. Er bedauere aber, dass der Wandel so lange gedauert habe. Sein Nachfolger Keir Starmer sprach von einem "Tag der Schande" für Labour. Die Partei muss nun binnen sechs Wochen einen Aktionsplan vorlegen.

Seit Jahren werfen Kritiker den britischen Sozialdemokraten antisemitische Tendenzen vor – etwa in Beiträgen in sozialen Medien. Mehrere Abgeordnete verließen aus Protest die Partei. 2018 räumte Corbyn ein, dass Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder zu langsam und zaghaft betrieben worden seien.

Fragwürdige Äußerungen zum Nahostkonflikt

Corbyn stand auch selbst häufig in der Kritik. So weigerte er sich, sich bei Juden für antisemitische Tendenzen in seiner Partei zu entschuldigen. Kritiker warfen dem Gewerkschaftsfunktionär auch vor, sich im Nahostkonflikt ausschließlich auf die Seite der Palästinenser zu stellen.

Noch bevor er Labour-Chef wurde, bezeichnete er laut britischen Medien die im Gazastreifen herrschende Hamas, die unter anderem von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, als "Freunde". Zudem stellte er wiederholt das Existenzrecht Israels in Frage. Nach Kritik relativierte er solche Äußerungen später, aber distanzierte sich nie wirklich davon.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Oktober 2020 | 05:11 Uhr

5 Kommentare

Schrumpel vor 4 Wochen

Woher nehmen Sie den Gedanken, dass Johnson GB an den Abgrund führt? Belege? Ich habe eher den Eindruck, dass gerade Deutschland komplett an die Wand gefahren wird und davor habe ich Angst.

Der Matthias vor 4 Wochen

@ Brigitte.Schmidt

Da schienen Sie offenbar nur sehr unzureichend und einseitig informiert zu sein! Das Thema Antisemitismus und Labour ist schon länger ein heiß diskutiertes Thema und nimmt in der englischen Presse schon seit vielen Jahren breiten Raum ein. Auch in den deutschen Presse wurde bereits mehrfach darüber berichtet (auch, was den Ausschluss diverser Parteimitglieder betrifft). Allerdings wurde parallel auch Boris Johnsons Populismus, der GB gerade an den Rand des Abgrunds führt, und seine damit verbundenen zahllosen Lügen von den Medien (übrigens ganz zurecht!) kritisch besprochen (hüben wie drüben). Es geht also durchaus beides gleichzeitig, sowohl Labour als auch Johnsons Politik kritisch zu hinterfragen. Man muss keineswegs das eine lassen/verschweigen, um über das andere sprechen zu können, es geht durchaus beides gleichzeitig, wie auch in den letzten Jahren bereits mehrfach so geschehen.

Der Matthias vor 4 Wochen

@ part

"Doch niemand auf der Welt käme auf den Gedanken einen Israeli Antisemitismus vorzuwerfen"

Das entspräche einem Oxymoron!

"Bei Ausländern, die berechtigte Kritik am israelische Staat üben geschieht dies ständig um sie politisch zu diffamieren und ihnen Antisemitismus zu unterstellen, auch in unserem Land."

Kommt darauf an a) was genau, mit b) welcher Intention und mit c) mit welchem Sprachgebrauch kritisiert wird! Wenn man z.B. Bibi Netanjahu kritisiert, weil man seine betont palästinenserfeindliche Politik für brandgefährlich hält und ihm Korruption vorwirft, so wäre das völlig legitim. Etwa anderes wäre es, wenn man dies unter Betonung seiner Religionszugehörigkeit täte und sich zu diesem Zweck auch noch bestimmter sprachlicher Stereotype bedienen würde. Damit würde man sich allerdings zurecht des Verdachts aussetzen, die vordergründige Kritik vor allem aus antisemitischen Beweggründen heraus zu äußern und nicht, weil es um inhaltliche Dinge und Kritikpunkte geht.