Großbritannien und die EU No-Deal-Brexit: Folgen für die mitteldeutsche Wirtschaft

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
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Durch die Corona-Krise ist er fast in Vergessenheit geraten: der Brexit. Formal sind die Briten ja schon aus der EU ausgetreten. Doch noch immer fehlt ein Abkommen über die künftigen Handelsbeziehungen. Das muss bis Jahresende vorliegen. Danach verlässt Großbritannien endgültig den europäischen Binnenmarkt. Doch die Verhandlungen für ein Handelsabkommen gestalten sich zäh. Wie wahrscheinlich ist ein Brexit ohne Deal? Und wie dramatisch wäre das für die mitteldeutsche Wirtschaft?

EU-Flagge vor Tower Bridge
Welche Folgen hätte es für die mitteldeutsche Wirtschaft, wenn sich EU und Großbritannien nicht auf ein Handelsabkommen einigen können? Bildrechte: dpa

Elvira Ortlepp versüßt den Briten das Leben. Sie leitet die Geschäfte des Schokoladenherstellers Heinerle Berggold im thüringischen Pößneck. Und ein Teil ihrer Produktion geht nach Großbritannien: Schokolollis, Geleebananen und Konfekt. Die Geschäfte laufen gut.

Was wird aus Exporten nach Großbritannien?

Doch wenn sich die EU mit den Briten bis Jahresende nicht auf ein Handelsabkommen einigt, befürchtet Ortlepp Ungemach: "Kommen Zölle für Großbritannien, wird es so, dass das Produkt teurer wird. Und letztendlich bedeutet das ja, dass der Endverbraucher mehr Geld für die Produkte, die eingeführt werden, bezahlen muss. Und ob sie dann auch noch so gut gekauft werden, das sei dahingestellt. Und das ist eigentlich das ganze Problem, dass wir nicht wissen, ob wir künftig auch noch nach Großbritannien exportieren werden."

Wirtschaftsforscher rechnet nicht mit Abkommen

Immerhin: Zwischen Brüssel und London wird wieder verhandelt. Allerdings läuft die Zeit davon. Die verbleibenden zwei Monate seien zu knapp, sagt der Vizepräsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Oliver Holtemöller.

Wir gehen davon aus, dass es zu keinem richtigen Abkommen mehr kommt zwischen den beiden Seiten.

Oliver Holtemöller, Leibnizinstitut für Wirtschaftsforschung Halle

Nach Holtemöllers Einschätzung sind die Verhandlungsfronten zu verhärtet. "Man hört auch immer von persönlichen Schwierigkeiten zwischen den Personen, die da wirklich verhandeln. Ein wirklich voll umfassendes Vertragswerk ist eigentlich in der verbleibenden Zeit nicht mehr zu erwarten."

Zölle auf diverse Waren zu erwarten

Trotzdem rät Holtemöller zur Gelassenheit. Verglichen mit der Corona-Krise sei der Brexit für die Volkswirtschaft das kleinere Problem. Womöglich werde es auf diverse Waren Zölle geben.

Außerdem hält der Wirtschaftsexperte es für sehr wahrscheinlich, dass beide Seiten kurzfristig pragmatische Ausnahmeregelungen finden werden, damit der Warenverkehr einigermaßen weiterlaufen kann: "Man muss auch sehen, die Brexit-Abstimmung war im Jahr 2016. Und wir haben seitdem gesehen, dass die Bedeutung Großbritanniens als Handelspartner nachgelassen hat. Da ist man einige Plätze im Ranking bereits abgestiegen. Das heißt, die Unternehmen haben sich auch schon auf die neue Situation eingestellt. Und man muss jetzt nicht davon ausgehen, dass am 1. Januar, wenn alles effektiv wird, dann noch eine große Keule kommt."

Wie sich Firmen auf den No-Deal-Brexit vorbereiten

Um die große Keule zu vermeiden, hat sich Dietrich von der Wense vorbereitet. Er leitet die Firma Innospec in Leuna. Sie stellt Zusätze für Dieselkraftstoffe her. Und natürlich will von der Wense weiterhin auch Großbritannien beliefern: "Um jetzt mit Blick auf den Brexit eine unproblematische weitere Belieferung der englischen Raffinerien sicherzustellen, werden wir entsprechende Lagerbestände bei unserer Muttergesellschaft im Nordwesten Englands aufbauen. Und andersherum: Rohstoffe, die wir aus England beziehen, da werden wir hier bei uns ein bisschen die Bestände hochfahren, um Schwierigkeiten insbesondere beim Grenzübertritt durch lange Schlangen bei der Verzollung zu vermeiden."

Das Auffüllen der Lager verschafft von der Wense bei einem Brexit ohne Deal etwas Zeit. Schoko-Unternehmerin Elvira Ortlepp hat diese Möglichkeit nicht. Schokolade hält nicht ewig. Sie hofft, dass es vor Jahresende doch noch irgendeine Vereinbarung geben wird. Dass die Briten bei den süßen Dingen auf Zölle verzichten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Oktober 2020 | 05:11 Uhr

12 Kommentare

Eulenspiegel vor 5 Wochen

Also ich denke es wird zu keinem No-Deal-Brexit kommen. Denn schließlich ist der Deal ja gründlich genug ausgehandelt. Es fehlt eigentlich nur die politische Zustimmung. Und bei einem No-Deal-Brexit gibt es nur Verlierer. Die Einen mehr und die Anderen weniger. Und beide Seiten haben ein großes Interesse daran das man auch in Zukunft vernünftig miteinander umgeht und Handel betreibt.

Kiel_oben vor 5 Wochen

Zölle sind wichtige Einnahmen! Stellen Gerechtigkeit bei Staats-Subventionen her und sollten bleiben und könnten um Coronahilfen zurückzuzahlen sich verdoppeln.

part vor 5 Wochen

Wölfe unterliegen dem Kanibalismus oder Revierverhalten, wenn sie nicht ausreichend Nahrung finden. In einer Welt der Finanzspekulationen zählt heute nicht mehr der Produktionsstandort sondern der Absatzmarkt, und dies auch nur bedingt. Mit dem EU- Austritt und Beibehaltung der Währung tritt GB in zukünftige eigene Verhandlungspositionen, weltweit und diktiert seine eigenen Austeritätspolitik im Inneren sowie anhängenden Gebieten. Was wird heute noch in Mitteleuropa produziert außer etwas Hochtechnologie, die mit etwas Verzögerung auch außerhalb oderbar ist, Militärtechnik und wenige Autos ausgenommen? Zudem ist hier eine Zukehr zum US- Wirtschaftssytem erkennbar, das aber ebenfalls sytembedingt am Tropf hängt.