Sitz der Organisation für das Verbot chemischer Waffen OPCW in Den Haag
Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) will die Vorgänge in Duma vor Ort untersuchen. Bildrechte: dpa

Mutmaßlicher Chemiewaffenangriff OPCW schickt Experten ins syrische Duma

Die Internationale Organisation für das Verbot chemischer Waffen OPCW schickt Experten zur Untersuchung des mutmaßlichen Giftgas-Angriffs ins syrische Duma. Damaskus und Moskau hatten eine solche Untersuchung verlangt. Im Weltsicherheitsrat blockierten die USA und Russland ihre Resolutionsentwürfe zu dem Vorfall. Frankreichs Präsident Macron und der türkische Präsident Erdogan drohten mit Konsequenzen.

Sitz der Organisation für das Verbot chemischer Waffen OPCW in Den Haag
Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) will die Vorgänge in Duma vor Ort untersuchen. Bildrechte: dpa

Die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wird in Kürze Experten in die syrische Stadt Duma schicken, um den mutmaßlichen Chemiewaffen-Einsatz zu untersuchen. Das teilte die OPCW am Dienstag in Den Haag mit. Ein Team solle "bald" in der ehemaligen Rebellen-Hochburg zum Einsatz kommen.

Die syrische Regierung und Russland hatten eine Untersuchung der Vorwürfe eines Chemiewaffen-Angriffs durch OPCW-Experten verlangt. Damaskus und Moskau wiesen entsprechende Vorwürfe von Rebellen-Organisationen und aus dem Westen zurück.

USA und Russland blockieren sich im Sicherheitsrat

Sitzung im UN-Sicherheitsrat.
Die USA und Russland haben jeweils Resolutionsentwürfe im Weltsicherheitsrat angekündigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wegen des mutmaßlichen Giftgasangriffs stimmte am Dienstag der Weltsicherheitsrat über verschiedene Resolutionsentwürfe ab. Gegen einen von den USA vorgelegten Entwurf legte Russland erwartungsgemäß sein Veto ein. Darin wurde ein neuer "unabhängiger Mechanismus" zur Untersuchung der Giftgasvorwürfe vorgeschlagen. Ein anschließend zur Abstimmung vorgelegter russischer Resolutionsentwurf über eine Untersuchung von Chemiewaffen in Syrien wurde ebenfalls abgeschmettert. Er sollte den OPCW-Experten unter anderem den Zugang zur Region um Duma ermöglichen. Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja hatte bereits am Montag Berichte über einen Chemiewaffenangriff in Duma als von Rebellen inszenierte "fake news" bezeichnet.

Drohungen aus Paris und Ankara

Ungeachtet der ungeklärten Schuldfrage erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zuvor, er halte Angriffe auf "chemische Kapazitäten" des Assad-Regimes für möglich. Frankreich tausche sich mit Partnern aus, vor allem mit den USA und mit Großbritannien. "Wir werden unsere Entscheidung in den kommenden Tagen mitteilen", sagte Macron am Abend in Paris.

Zuvor hatte bereits der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan jenen Konsequenzen angedroht, "die die Massaker in Ost-Ghouta und Duma verübt haben." Wer auch immer dafür verantwortlich sei, werde "schwer dafür büßen". Details nannte Erdogan nicht. Auch auf eine direkte Schuldzuweisung verzichtete er. Regierungssprecher Bekir Bozdag hatte am Sonntag die syrische Regierung für den mutmaßlichen Giftgaseinsatz verantwortlich gemacht.

Schwankende Opferzahlen

Zivilschutzarbeiter bei der Versorgung eines Verwundeten nach Luftangriffen in dem Rebellengebiet Ghuta, einem Vorort von Damaskus.
Bilder wie diese haben die Rebellen-Hilfsorganisation der "Weißhelme" berühmt gemacht. Bildrechte: dpa

Bei dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Duma sollen am Samstag nach Informationen der sogenannten Syrischen Zivilschutzorganisation "Weißhelme" dutzende Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt worden sein. Zunächst war von 150, später von etwa 60 und am Dienstag von 48 Toten die Rede.

Die "Weißhelme" sind als Quelle allerdings nicht unumstritten. Tatsächlich ist die Organisation im Syrischen Bürgerkrieg nicht unparteiisch. So sind ihre Helfer nur in den von Oppositionskräften wie dem extremistisch-islamistischen Bündnis Haiat Tahrir asch-Scham kontrollierten Landesteilen aktiv. Neben der Rettung von Menschenleben ist die Dokumentation von Kriegsverbrechen der syrischen Regierung ein erklärtes Ziel der überwiegend von Großbritannien und den USA finanzierten Organisation.

Nahost-Experte: Nützt nicht dem Regime

Professor Dr. Günter Meyer, gestikulierend
Nahost-Experte Günter Meyer Bildrechte: IMAGO

Der Nahost-Experte und Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, Prof. Dr. Günter Meyer, sagte mit Blick auf solche Aufnahmen, wie man sie von dem angeblichen Chemiewaffeneinsatz in Duma gesehen habe, eine "Hauptzielsetzung" der "Weißhelme" sei es, solche Dinge zu inszenieren und propagandistisch gegen das Assad-Regime einzusetzen.

Wie Meyer am Dienstag dem ARD-Mittagsmagazin weiter sagte, nutze ein Chemiewaffeneinsatz vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Rebellen bereits dabei waren, aus Duma abzuziehen, "mit Sicherheit" nicht dem syrischen Regime, sondern den Oppositionellen: "Und wir haben in der Vergangenheit schon eine ganze Reihe von solchen Fällen gehabt, wo eben gezielt von den Oppositionellen genauso agiert worden ist: Unter falscher Flagge ein Chemiewaffenangriff durchgeführt, der dann dem Regime in die Schuhe geschoben wird."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. April 2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2018, 23:00 Uhr

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11 Kommentare

11.04.2018 16:06 Klaus 11

@ { 11.04.2018 08:37 Gandalf }
Dann stellt sich aber auch die Frage, warum Russland sein Veto eingelegt hat. Ist man sich seiner Behauptung doch nicht so sicher?

11.04.2018 14:01 Montana 10

Trump kündigt Raketenangriff an:
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Die USA haben noch nie gewonnen. Nur eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Punkt

11.04.2018 08:37 Gandalf 9

Ein ausgewogener Bericht, bin positiv überrascht.
Ein wenig militärischer Sachverstand würde jeden klar machen, wie unsinnig ein Einsatz von chemischen Waffen durch die syrische Regierung ist.
Warum führende deutsche Politiker trotzdem diese wahrschlichen Lügen in der Öffentlichkeit vertreten ist rätselhaft. Wenn unsere Dörfer und Städte erneut in Schutt und Asche versinken, wird man sich daran hoffentlich erinnern können!

11.04.2018 05:59 maensen 8

Der MDR schreibt zurecht „Angeblicher Chemiewaffenangriff“. Es gibt genügend Videos im Netz in denen Szenen von sogenannten Rebellen medienwirksam inszeniert werden um Öl ins Feuer zu gießen. Für Merkel hingegen ist der Fall bereits klar. Wie der Spiegel berichtet: „Merkel hat keine Zweifel am Giftgaseinsatz in Duma“. Aaah ja. Wie man weiß, waren auch die „Rebellen“ in Aleppo lupenreine Islamisten, denen man in Dresden mit drei Schrottbussen noch ein Denkmal setzte.

10.04.2018 22:59 Bernd L. 7

Drei Kriegstreiber (USA, UK,FR) beraten über Militätschläge, obwohl die Untersuchungen noch gar nicht begonnen haben. Es ist nichtmal bewiesen ,das es überhaupt einen Gitfgasanschlag gab.
Paule 4.
Die weißen Helme sind eine reine Propagandatruppe des Westens gegen Assad. Die haben nicht soviel gute Kinderschauspieler, müssen also immer wieder die gleichen nehmen.
Ein Witz sind die Videos schon deshalb, weil die Helfer völlig ohne Schutzanzüge herumrennen und die betroffenen Kinder behandeln.

10.04.2018 22:50 Part 6

Bei jeder Explosion oder chemisch gesehen schnellen Oxidation in modernen Gesellschaften des Plastikzeitalters kommt es zu noch mehr Rauchgasvergiftungen oder Reizungen, wobei sich sogar Chlorgasverbindungen bilden können. Was hier als neuer Kriegsgrund heraufbeschworen wird ist wahrscheinlich nur die Folge eine schnelleren Oxidation von Gegenständen, die zunehmend aus Plastik hergestellt wurden. Ich mahnte schon in andern Beitragen an, das im Falle eine themonuklearen Krieges, Hitze und Strahlung die Wirkung des ganzen verbrennenden Plastik nur unwesentlich überteffen könnten, eine weltweite Rauchgasvergiftung wäre die Folge. Der Krieg in den Städten hat heute nun mal andere Folgen als noch vor Jahren, doch das ist nur die eine Seite des Aspektes, der mediealen Kriegsführung und der Verbreitung von Unwahrheiten.

10.04.2018 22:33 Manuel 5

Es ist einerseits ermutigend, dass bei einigen wenigen Redaktionen, wie z.B. beim MDR zu diesem Thema mittlerweile Sachlichkeit und journalistische Seriosität erkennbar ist.
Andererseits ist es zutiefst deprimierend, die Kanzlerin, ihren Sprecher, und, es tut mir leid, den Außenministerdarsteller immer wieder die gleichen hohlen, verbogenen Sprechblasen absondern zu sehen.
Da selbst der US-Verteidigungsminister wie auch Macron schon früher zugaben, dass man (leider) keine Beweise gegen Assad für die bisherigen Chemie-Vorwürfe hat, leidet man im Kanzleramt entweder unter Realitätsverlust, oder, und das scheint mir wahrscheinlicher, man ist tatsächlich wild entschlossen, das syrische Volk weiter leiden zu lassen, um Russlands Etappensieg dort doch noch zu durchkreuzen.

10.04.2018 21:19 Paule 4

Liebes MDR, ihre Berichterstattung im Fernsehen zu diesem Thema ist eine Katastrophe. Der kleine syrische Junge wird bereits zum x-ten Mal abgewaschen. Bereits vor mehreren Wochen, beim letzten "Giftgasangriff" war er dran. Da ist doch was faul und ihr macht mit. Nicht schön!

10.04.2018 20:56 ingo d. 3

hut ab mdr, spät und hoffentlich nicht zu spät kommt langsam die erkenntnis, dass mit den "berichten" zu den angeblichen giftgasangriffen irgendetwas nicht stimmt. die syrische bevölkerung hat genug leid seitens der terroristen erfahren und ist mittlerweile kriegsmüde um sich immer wieder aufs neue als geisel ausländischer terroristen nehmen zu lassen.

10.04.2018 19:37 D.o.M. 2

Für eine Kriegspartei, die massiv in der Defensive ist, kann es keine günstigere Fügung bei ihrer Suche nach Verbündeten geben, wenn plötzlich Photos von Kindern mit Atemmasken kursieren. Und weil das so ist und weil dem Irak wegen nicht vorhandener Massenvernichtungswaffen ein Krieg aufgebürdet wurde, glaube ich nichts mehr, was ich nicht selbst gesehen habe.