Tschechischer Präsident Milos Zeman gibt Wahlstimme ab, Protest von Frauenaktivistin
Protest gegen Amtsinhaber Milos Zeman. Bildrechte: dpa

Tschechien Nackt-Protest bei Präsidentenwahl

Die Tschechen wählen bis Sonnabendmittag ein neues Staatsoberhaupt. Sie können sich zwischen neun Kandidaten entscheiden. Amtsinhaber Zeman erlebte bei seiner Stimmabgabe hautnah eine Protestierende.

Tschechischer Präsident Milos Zeman gibt Wahlstimme ab, Protest von Frauenaktivistin
Protest gegen Amtsinhaber Milos Zeman. Bildrechte: dpa

Bei der Stimmabgabe des tschechischen Staatschefs Milos Zeman ist es zu einem Protest einer Femen-Aktivistin gekommen. Die Frauenrechtlerin war vor der Wahlkabine schreiend auf den 73-jährigen Amtsinhaber losgestürzt. Auf ihrem entblößtem Oberkörper stand: "Zeman - Putins Schlampe". Der tschechische Staatschef gilt als pro-russisch.

Sicherheitskräfte überwältigten die Aktivistin und brachten Zeman in Sicherheit. Der Staatschef kehrte wenige Minuten später wieder zur Wahlurne zurück und erklärte vor der Presse, er fühle sich geehrt, wie der Papst von einer Femen-Aktivistin angesprungen worden zu sein.

Der Zwischenfall bei Zemans Stimmabgabe könnte das turbulenteste bei der Präsidentschaftswahl sein, zu der neun Kandidaten antreten. Erwartet wird, dass der erste Wahlgang noch nicht das Endergebnis bringt.

Favorit ist Amtsinhaber Zeman

Favorit in den Umfragen ist Amtsinhaber Zeman. Er hat sich mehrfach gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen und befürwortet auch ein Referendum über einen EU-Austritt, würde aber selbst für einen Verbleib in der EU stimmen.

Als Herausforderer mit den größten Chancen gilt der Chemieprofessor Jiri Drahos. Ihm wird zugetraut, Zeman im Falle einer Stichwahl zu schlagen. Der 68-Jährige ist Politik-Neuling. Er will nach eigenen Angaben die Spaltung der Gesellschaft überwinden.

Sollte keiner der Kandidaten die nötige absolute Mehrheit erreichen, findet in zwei Wochen eine Stichwahl statt. Erste verlässliche Ergebnisse über den Ausgang des ersten Wahlgangs werden am Samstagabend erwartet.

 Repräsentant, Meinungsmacher und begrenzte Mitsprache

Der tschechische Präsident hat fast nur repräsentative Aufgaben, gilt aber als wichtiger Meinungsmacher in dem EU-Mitgliedstaat. Er verfügt über ein begrenztes Mitspracherecht in der Außenpolitik und ernennt die Verfassungsrichter.

Die wichtigsten Kandidaten

  • Milos Zeman: Geradeheraus, pro-russisch, pro-chinesisch, gegen Zuwanderung

Der 73-jährige Amtsinhaber ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zeman provoziert gerne und sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, er spalte die Gesellschaft mit seinen pro-russischen und pro-chinesischen Ansichten und seinen gelegentlich vulgären Bemerkungen.

Milos Zeman spricht auf einer Pressekonferenz.
Milos Zeman bei einer Pressekonferenz Bildrechte: dpa

Der in ländlichen Gegenden beliebte und von Intellektuellen geschmähte Staatschef lehnt eine Aufnahme von Flüchtlingen strikt ab - mit dem Argument, diese könnten "Terrorismus hervorbringen". Der Ex-Kommunist war nach 1989 Chef der Sozialdemokratischen Partei, Parlamentspräsident und Regierungschef. Seit 2013 ist Zeman Präsident. Obwohl er antrat, die Benachteiligten zu vertreten, unterstützt er offen Milliardär Andrej Babis, den er im Dezember trotz Betrugsvorwürfen zum Regierungschef ernannte.

Zemans holpriger Gang und sein beizeiten abwesend wirkendes Verhalten haben Fragen zum Gesundheitszustand des ehemaligen Kettenrauchers und schweren Trinkers aufgeworfen, der laut seinen Ärzten auch an diabetischer Neuropathie und Schwerhörigkeit leidet.

  • Jiri Drahos: Der "Anti-Zeman" und Akademiker

Der Chemiker und Ex-Vorsitzende der tschechischen Akademie der Wissenschaften liegt in Umfragen auf Platz zwei hinter Zeman. Die Anhänger des 68-Jährigen finden sich unter den pro-europäischen Wählern und der Stadtbevölkerung. Der weißhaarige Brillenträger strahlt Kultiviertheit aus; sein Auftreten steht in radikalem Gegensatz zu dem des derzeitigen Amtsinhabers.

Jiri Drahos
Jiri Drahos bei der Stimmabgabe, bei einer Wahl 2017 Bildrechte: dpa

Drahos befürwortet die EU- und Nato-Mitgliedschaft Tschechiens, lehnt aber wie alle anderen Präsidentschaftskandidaten die EU-Verteilungsquote für Flüchtlinge ab.

Einige Umfragen deuten darauf hin, dass er der Einzige ist, der Zeman in der Stichwahl schlagen könnte. Allerdings könnten Drahos, der sich vom Rocker zum Chorsänger wandelte, seine mangelnde politische Erfahrung und geringe Popularität in den ländlichen Gebieten zum Verhängnis werden.

  • Michal Horacek: Glücksspieler und Liedermacher

Der 65-Jährige blickt auf eine abenteuerliche Biografie zurück: Weil er mit gefälschten Papieren in die USA gereist war, wurde er in den 1970er-Jahren von der Universität geschmissen und verbrachte kurze Zeit in Gewahrsam. Anschließend arbeitete er als Rettungsschwimmer und Tellerwäscher, brachte es aber als Buchmacher und Glücksspieler zu Geld.

In dieser Phase seines Lebens schrieb Horacek seine ersten Lieder, die aber erst ein Jahrzehnt später berühmt wurden. Als der Kommunismus zusammenbrach, war er ein anerkannter Journalist und einer der Verhandler des Regimes mit Dissidenten wie dem späteren Präsidenten Vaclav Havel.

Kurz darauf gründete er die Wettspiel-Firma Fortuna, die er 2004 verkaufte. Das Vermögen des Sozialanthropologen soll rund 15 Millionen Euro betragen.

Mirek Topolanek, tschechischer Präsidentschaftskandidat
Mirek Topolanek Bildrechte: IMAGO

  • Mirek Topolanek: Pragmatiker und Liberaler

Der 61-Jährige ist der einzige Herausforderer Zemans mit einer politischen Vergangenheit. Von 2006 bis 2009 war der Ex-Chef der rechtsgerichteten Bürgerlichen Demokraten Ministerpräsident. Sein Kabinett wurde 2009 gestürzt, als Tschechien die EU-Ratspräsidentschaft inne hatte. Kritisiert wird er immer wieder für seine Beziehungen zu umstrittenen Geschäftsleuten mit Verbindungen in die Politik.

Topolanek ist ein Verfechter enger Beziehungen zu den USA und fordert eine "Reform" zum Bürokratieabbau in der EU. Er wirbt für ein Verbot des politischen Islam und der Scharia. Nachdem er der Politik den Rücken gekehrt hatte, übernahm er Posten in verschiedenen Energiekonzernen.

  • Pavel Fischer: Pfadfinder und Diplomat

Der 55-Jährige war ein Ex-Mitarbeiter des ersten demokratischen Präsidenten Vaclav Havel und später Botschafter in Frankreich. Zeman wirft er vor, den Ruf Tschechiens im Ausland ruiniert zu haben. Der Musikliebhaber spielt mehrere Instrumente und wurde nach eigenen Angaben am stärksten von der Pfadfinder-Bewegung beeinflusst, wo er sich "Hartnäckigkeit und Unabhängigkeit" angeeignet habe. Er verweist gerne darauf, dass auch Havel Pfadfinder war und später ein Land führte.

Rund 8,4 Millionen Stimmberechtigte sind aufgerufen, das neue Staatsoberhaupt direkt zu wählen. Die Wahllokale sind am Freitag von 14 Uhr bis 22 Uhr und am Sonnabend noch einmal von 8 Uhr bis 14 Uhr geöffnet. Erst 2013 war eingeführt worden, dass die Tschechen ihren Präsidenten direkt wählen können.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Januar 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2018, 22:33 Uhr