Jean-Claude Juncker, Kommissionspräsident der EU, schaut am Ende einer Pressekonferenz auf seine Uhr.
Jean-Claude Juncker, Kommissionspräsident der EU Bildrechte: dpa

Bangen und Hoffen Reaktionen auf die Brexit-Abstimmung

Vertreter aus Politik und Wirtschaft sehen nach der Brexit-Abstimmung die britische Regierung unter Zugzwang, will sie ein chaotischen Brexit noch verhindern. Zugleich hoffen einige von ihnen nun auf ein zweites Brexit-Referendum.

Jean-Claude Juncker, Kommissionspräsident der EU, schaut am Ende einer Pressekonferenz auf seine Uhr.
Jean-Claude Juncker, Kommissionspräsident der EU Bildrechte: dpa

Nach dem das britische Parlament das Brexit-Abkommen mit der EU abgelehnt hat, haben Vertreter der EU und ihrer Mitgliedsländer Handlungsbedarf angemahnt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sieht nun ein wachsendes Risiko für einen ungeordneten Brexit. Brüssel werde sicherstellen, dass die EU darauf vorbereitet sei, so Juncker. Großbritannien rief er dazu auf, "seine Vorstellungen über das weitere Vorgehen so rasch wie möglich mitzuteilen". Die Zeit sei "fast abgelaufen".

Auch Irland kündigte an, die Vorbereitungen auf einen ungeordneten Brexit zu intensivieren. Das EU-Mitglied wäre davon besonders betroffen, weil es dann zu Kontrollen an der Grenze zur britischen Provinz Nordirland kommen könnte.

Der EU-Chefunterhändler beim Brexit-Abkommen, Michel Barnier warnte vor einem "chaotischen Austritt" der Briten aus der EU. Die EU müsse nun ihre Vorbereitungen auf einen ungeordneten Brexit beschleunigen.

Tusk für Verbleib der Briten in EU

EU-Ratspräsident Donald Tusk deutete in einer ersten Reaktion an, dass es nun auch eine höhere Wahrscheinlichkeit gebe, dass es nicht zu einem Brexit kommt. "Wenn ein Deal unmöglich ist und niemand einen No-Deal will, wer wird den Mut haben zu sagen, wie die einzige positive Lösung aussieht?", schrieb Tusk auf dem Nachrichtendienst Twitter.

Merkel: Tun alles für geordnete Lösung

Bundeskanzlerin Angela Merkel bedauerte das Abstimmungsergebnis des Londoner Parlaments. In Berlin sagte sie, die britische Regierung müsse nun erklären, wie es weitergehe. Es sei noch Zeit für ein Abkommen, man werde weiter versuchen, eine geordnete Lösung zu finden. Die Bundesregierung sei aber auch auf einen ungeordneten Brexit vorbereitet.

Außenminister Heiko Maas sagte im "Deutschlandfunk", man brauche jetzt eine schnelle Lösung. Die Zeit der Spielchen sei vorbei. Es sei wichtig, dass im Parlament in London entschieden werde, was man wolle und wie man aus dieser verfahrenen Situation herauskomme.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz sprach bei Twitter von einem bitteren Tag für Europa. Ein ungeregelter Brexit sei die schlechteste aller Möglichkeiten für die EU, aber besonders für Großbritannien.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erklärte im ZDF, es sei wichtig, einen ungeregelten Brexit zu vermeiden. Niemand wolle Chaos und ungeregelte Zustände. Zugleich stellte Altmaier klar, dass das Brexit-Abkommen substanziell nicht verhandelbar sei.

Auch Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatten Nachbesserungen seitens der EU bereits ausgeschlossen. Macron sagte, die EU habe beim ausgehandelten Abkommen bereits so viele Zugeständnisse gemacht "wie sie kann".

BDI warnt vor wirtschaftlichen Folgen

Der Bundesverbandes der Deutschen Industrie ( BDI ) warnte vor den wirtschaftlichen Folgen eines harten Brexits, der nun in "gefährliche Nähe" rücke. Die Verantwortung liege "einzig und allein bei der Regierung und Opposition in London", erklärte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang am Dienstag.

Pharmaindustrie befürchtet Medikamenten-Engpass

Pharmaverbände befürchten im Falle eines ungeordneten Brexits einen Engpass von Medikamenten. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller erklärte, ohne Übergangsphase oder Regelungen für die komplexen Lieferketten für Arzneien könne die Versorgung in Großbritannien und der übrigen EU "empfindlich" gestört werden.

Dem Verband zufolge kommen über Großbritannien viele Roh- und Wirkstoffe für Medikamente auf den europäischen Markt. Fast jedes vierte Arzneimittel für die EU werde in Großbritannien freigegeben und dort in den Verkehr gebracht. Bei einem ungeordneten Brexit dürften diese Medikamente dann "von jetzt auf gleich" nicht mehr in Europa vertrieben werden, erklärte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Die Arzneimittel-Hersteller forderten, Großbritannien und die EU müssten dringend Maßnahmen ergreifen, damit Patienten weiter ihre Medikamente bekämen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Januar 2019 | 00:56 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2019, 01:10 Uhr