Das Hapag-Lloyd-Containerschiff 'Guayaquil Express' fährt 2017 in den Hamburger Hafen ein.
Die deutschen Reeder haben Vorwürfe zurückgewiesen, sie hätten ihre Routen durchs Mittelmeer geändert, um die Flüchtlingsrouten zu umfahren. Bildrechte: dpa

Seenotrettung Reeder: Handelsschiffe umfahren Flüchtlingsroute nicht

Reeder wehren sich gegen Vorwürfe, ihre Schiffe würden Umwege durchs Mittelmeer fahren, um keine Flüchtlinge retten zu müssen. Die Deutsche Seemannsmission hatte ihnen das vorgeworfen, sie aber auch in Schutz genommen.

Das Hapag-Lloyd-Containerschiff 'Guayaquil Express' fährt 2017 in den Hamburger Hafen ein.
Die deutschen Reeder haben Vorwürfe zurückgewiesen, sie hätten ihre Routen durchs Mittelmeer geändert, um die Flüchtlingsrouten zu umfahren. Bildrechte: dpa

Deutsche Handelsschiffe ändern nicht ihren Kurs im Mittelmeer, um Flüchtlingsrouten zu umfahren. Der Verband Deutscher Reeder wies bei MDR AKTUELL entsprechende Anschuldigungen der Seemannsmission zurück.

Reeder: Nutzen reguläre Schifffahrtswege

Sprecher Christian Denso sagte, er könne die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Die großen Containerschiffe nutzten reguläre Schifffahrtswege, die nördlich von Lampedusa oder Malta verliefen. Das sei wegen der Wegstrecke sinnvoll und habe nichts mit den Bootsflüchtlingen zu tun. Zudem seien die Routen international festgelegt.

Seemannsmission: Reeder nehmen längere Routen in Kauf

Die Deutsche Seemannsmission hatte erklärt, die Handelsschifffahrt auf dem Mittelmeer habe in großen Teilen ihren Kurs geändert, um Flüchtlingsrouten zu umfahren. Seemannsdiakon Markus Schildhauer sagte, viele Reedereien nähmen dafür die Kosten von längeren Routen in Kauf.

Angst vor Kriminalisierung

Schildhauer nahm zugleich die Reeder in Schutz. Sie wollten sich dem Vorwurf der indirekten Schlepper-Hilfe nicht aussetzen. Er warf Italien vor, die Seenotrettung zu kriminalisieren und so dazu beizutragen, dass die Reedereien Begegnungen mit Flüchtlingsschiffen vermieden.

Schildhauer verwies auf Fälle, bei denen Schiffe, die Flüchtlinge gerettet hatten und nach Italien gebracht hatten, dort festgehalten wurden. Auch Kapitäne seien festgesetzt worden.

Schlechte Erfahrungen der Besatzungen

Einen weiteren Grund sieht Schildhauer in schlechten Erfahrungen mit Rettungsversuchen in der Vergangenheit. Die Schiffsbesatzungen hätten erleben müssen, dass die Menschen keine Kraft mehr hatten, die 20 Meter hohen Schiffswände zu erklimmen. Auch seien Schlauboote gekentert, ohne dass die Seemänner hätten Hilfe leisten können.

Ich habe sehr traumatisierte Seeleute erlebt.

Schildhauer leitet das Seemannsheim der Deutschen Seemannsmission in Alexandria und betreut dort Seeleute.

Weniger Rettungseinsätze als 2015/16

Laut Schildhauer waren die Handelsschiffe in der Hochphase der Flüchtlingskrise mit der Rettung von Flüchtlingen mehr belastet als heute. 2015 hätten Handelsschiffe 2015 rund 50.000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet, 2016 seien es 60.000 gewesen.

Schildhauer erklärte, dem Seerecht nach seien Schiffe bei der Entdeckung von Menschen in Seenot verpflichtet, diese aufzunehmen. Es sei aber mitunter schwierig, von einem hohen Containerschiff aus Schiffbrüchige überhaupt zu entdecken.

Kein Schiff darf abdrehen.

Markus Schildhauer

Handelsschiffe nicht für Flüchtlingsrettung ausgestattet

Zudem seien die Frachter nicht für hundert oder mehr Flüchtlinge, sondern nur für Mannschaften von etwa 20 Mann ausgestattet. Meist gäbe es nicht genug Wasser und sanitäre Einrichtungen an Bord, oft noch nicht mal genug Fläche, um so viele Menschen aufzunehmen.

Deutsche Seemannsmission Die Diakone der evangelischen Organisation besuchen Mannschaften auf den Schiffen und sprechen mit Seeleuten direkt in den Häfen, die nicht selten unter Isolation in den multinationalen Mannschaften und der Trennung von Partnern und Familien leiden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Juli 2019 | 08:49 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2019, 20:32 Uhr

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12 Kommentare

21.07.2019 10:46 Fragender Rentner 12

Jedesmal noch mehr Plastik im Meer.

[Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) nicht freigegeben.
Ihre MDR.de-Redaktion]

20.07.2019 14:20 H.E. 11

@ 4 Morchelchen
Gerade aus dem muslimischen Staat Somalia gab es vor einiger Zeit ungemein viele Piraten, die europäische Handelsschiffe gekapert haben. Deshalb ist es völlig richtig, daß die Handelsschiffe die Flüchtlingsrouten umfahren um selbst nicht in Gefahr zu kommen. Wer garantiert denn den Handelsschiffen, ob sie auch nicht gekapert werden?

20.07.2019 13:30 winfriedzu (8), (9)007/ ... 10

(8) Herr Maaßen, als Mann vom Fach, wurde geschasst.
(9) Richter werden bei der Urteilsfindung berücksichtigen, wer sie berief und z.Zt./ zukünftig bezahlt.

20.07.2019 10:29 007 / Mut zur Wahrheit! 9

Die Thema lautet: Handelsschiffe umfahren FLÜCHTLINGSROUTE im Mittelmeer NICHT!

Ach, dass ist ja interessant. Jetzt ist es also OFFIZIELL EINE FLÜCHTLINGSROUTE???

Wie jetzt? Uns wurde doch bis zum erbrechen immer vorgegaukelt- die NGOs betreiben nur Seenotrettung u helfen Menschen aus Seenot-!?!?!? Kann mir das mal jemand erklären? Ist es nun Seenotrettung oder doch eine Route für Migranten nach Europa? Weil dann wäre es ganz klar Schlepperei, (Schlepperei-Einschleusen von Ausländern, strafbar §114 + §96) Knast bis fünf Jahre ...

20.07.2019 10:14 007 / Mut zur Wahrheit! 8

Zum Thema ein passender Tweet von unseren ehemaligen Verfassungsschutz Chef H. Maaßen.

Zitat: "Lassen sie sich nicht einreden, dass es sich um Seenotrettung handelt. Diese Migranten sind KEINE SCHIFFBRÜCHIGEN U KEINE FLÜCHTLINGE. Sie haben als einwanderungswillige Ausländer die Schleuserboote bestiegen, um von einem Shuttle-Service nach Europa gebracht zu werden." Zitat Ende.

Ganz meine Gedanken! Nur wenn 007 das ausspricht wird er wieder gecanzelt ...

20.07.2019 09:49 Auf der Sonnenseite des Lebens 7

@4

was sind denn das für Argumente?

Jeder ist verpflichtet Schiffbrüchige zu retten und nicht wegzuschauen!

Ich hoffe das bei den Hilfsorganisationen noch viel Spendengelder eingehen um die Schiffbrüchigen zu retten.

19.07.2019 23:31 Schneemann - lieber "rechts" als käuflich 6

Es gibt also festgelegte Routen für die Umsiedler. Wer hat die festgelegt? Wie findet ein Migrant eine solche Route? Die Südküste des Mittelmeeres ist Tausende Kilometer lang. Reife Leistung.

19.07.2019 23:28 Lyriklümmel 5

"... die 20 Meter hohen Schiffswände zu erklimmen."

20 Meter Höhenunterschied zwischen Wasserlinie und Oberdeck (Freiborddeck) halte ich für ein Handelsschiff, selbst in Ballast fahrend, nach meiner Kenntnis der Dinge, für nicht glaubhaft. Und im Übrigen: Das Seerecht verpflichtet zur Hilfe bei Seenot (wenn dadurch nicht das eigene Schiff und die eigene Besatzung der Gefahr des Schiffbruchs ausgesetzt wird), eine Verpflichtung zu "Flüchtlingshilfe" im Seerecht ist mir nicht bekannt.

19.07.2019 22:58 Morchelchen 4

1, noch nichts von Vorfällen von Piraterie gehört? Nein, nicht anno dunnemals, sondern ganz aktuell. Gibt es übrigens einen tollen amerikanischen Film mit Tom Hanks darüber nach einem realen Vorkommnis. Vielleicht sollten Sie bedenken, dass auch Besatzungen der Handelsschiffe Ängste, wie auch Familien, haben. Ich verstehe es, wenn die vermeiden, mit wenigen Mann Besatzung 30 oder noch mehr junge Männer an Bord zu nehmen. Zudem noch bei verlockenden Ladungen... Rettung von Schiffbrüchigen war übrigens niemals als eine Massenaufnahme vorgesehen, sondern von jeher für Notfälle gedacht. Dass mal sowas daraus würde - dies hatte kein Mensch geahnt!

19.07.2019 22:19 Harzfreund 3

Na dann ums Kap der Hoffnung, wenns dann der Netiquette des MDR genehm ist.