Sergej Skripal während seines Spionage-Prozesses 2006 in Moskau.
Sergej Skripal war einst Diener zweier Herren. 2006 wurde der Doppelagent in Russland verurteilt. Neuere Fotos von ihm gibt es nicht. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

"Fall Skripal" Russland lässt britisches Ultimatum verstreichen

Großbritannien hatte Russland ein 24-Stunden-Ultimatum gestellt. Moskau sprach von einer Zirkusnummer und verlangt Zugang zu den Giftproben. Inzwischen erhält London Rückendeckung von den USA, der Nato und der EU.

Sergej Skripal während seines Spionage-Prozesses 2006 in Moskau.
Sergej Skripal war einst Diener zweier Herren. 2006 wurde der Doppelagent in Russland verurteilt. Neuere Fotos von ihm gibt es nicht. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Russland hat das britische Ultimatum in der Ausienandersetzung um den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verstreichen lassen. Bis zum Ablauf der von der britischen Premierministerin Theresa May gesetzten Frist am frühen Mittwochmorgen gab es keine entsprechende Reaktion aus Moskau. May wolle nun mit dem Nationalen Sicherheitsrat über das weitere Vorgehen beraten, wie die britische Nachrichtenagentur PA berichtet.

Das russische Außenministerium teilte mit, erst müsse Moskau Zugang zu den verdächtigen Nervengift-Proben erhalte. Zudem müsse London einer gemeinsamen Untersuchung zustimmen. Im Falle von britischen Sanktionen drohte Russland mit Gegenmaßnahmen.

Lawrow: "Alles Quatsch"

Russlands Außenminister Sergej Lawrow wies eine Beteiligung Russlands an dem Nervengift-Anschlag zurück. Der Kreml habe bereits eine Erklärung abgegeben, dass das "alles Quatsch" sei. Russland habe damit nichts zu tun. Lawrow betonte, sein Land sei bereit zu Zusammenarbeit gemäß der Chemiewaffen-Konvention – wenn auch Großbritannien dazu bereit sei. Inzwischen wurde in Moskau der britische Botschafter einbestellt.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Montag Russland für den Angriff auf Skripal verantwortlich gemacht und Moskau ein 24-Stunden-Ultimatum gestellt. Russland müsse sich gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) erklären. Die Frist lief am Dienstagabend um Mitternacht ab.

Skripal und seine Tochter waren am 4. März bewusstlos in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie befinden sich weiter in einem kritischen Zustand. Nach Angaben der britischen Ermittler wurde bei dem Angriff das in der früheren Sowjetunion produzierte, extrem gefährliche Nervengift Nowitschok verwendet.

Nowitschok - eines der gefährlichsten Nervengifte

Nach Ansicht der britischen Regierung gibt es hierfür nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder habe Moskau den Anschlag ausführen lassen oder die russische Regierung habe die Kontrolle über das Nervengift verloren und es sei in andere Hände gelangt.

Nowitschok ist eines der gefährlichsten Nervengifte überhaupt und kommt in etwa 100 Varianten vor. Es ist nur schwer nachzuweisen. Die Reaktionen aus Moskau lassen an Deutlichkeit nichts vermissen. Von einem "absoluten Hirngespinst" und einer "Zirkusnummer" war die Rede.

Was wären die Konsequenzen?

Was die britischen Maßnahmen sein können, ließ May bewusst offen. Britische Medien wie die "Times" halten eine Cyberattacke auf den Kreml oder eine Ausweisung von Diplomaten für möglich. Auch finanzielle Maßnahmen gegen Oligarchen mit Immobilienbesitz in London aus dem Umfeld von Präsident Wladimir Putin seien denkbar. May hatte bisher damit gedroht, keine Regierungsvertreter zur Fußball-WM zu schicken.

Rückendeckung erhält Großbritannien aus Frankreich, den USA und von der Nato. Der mittlerweile entlassene US-Außenminister Rex Tillerson sagte, die USA würden mit London übereinstimmen, dass Russland wahrscheinlich für die versuchte Ermordung Skripals verantwortlich sei. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nannte den Einsatz von Nervengas grauenhaft und vollkommen inakzeptabel. Die EU-Kommission äußerte sich "sehr besorgt" und versprach Großbritannien ihre Solidarität.

Skripal war einst Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Er soll den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 über russische Agenten in Europa informiert haben. Skripal flog auf, wurde 2006 zu 13 Jahren Haft verurteilt und kam 2010 durch einen Gefangenenaustausch nach Großbritannien.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. März 2018 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 14:00 Uhr

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28 Kommentare

15.03.2018 06:33 Sr.Raul 28

Hallo @27 (Ullrich), wenn ich mir die alte und immer gültige Grundsatzfrage Wem nutzt es? stelle und beantworte komme ich, vor dem Hintergrund anstehender Präsidentschaftswahlen und Fußball-WM, zu einer ganz klaren Antwort. Da können die Briten vortragen Was und Wo sie wollen.

14.03.2018 16:00 Ullrich 27

Einige die Russland hier verteidigen sollten einmal die un Sicherheitsrat Sitzung heute abwarten. Warum? Ganz einfach -eine Resolution wird es nicht geben, da Russland ein Vetorecht hat. Auf den Vortrag der Briten kann man aber gespannt sein. Die würden das nämlich nicht tun, wenn sie keine Beweise hätten.

14.03.2018 15:51 Sprachlos 26

Wenn man die nachstehenden Kommentare so liest, sind sich fast alle darin einig, dass das ein Aktionismus ist, welcher schon wieder einmal an der Redlichkeit und Seriosität der großen Politik Zweifel aufkommen lässt. Es ist bemerkenswert, dass so viele Mitbürger die Scheußlichkeiten der sog. politischen Wertegemeinschaft des Westens durchschauen. Also, hier auch meine Frage. Was soll mit dieser "Anklage" vertuscht werden? Wieso und warum braucht man wieder einmal ein Feindbild? Bloß gut, dass derartig perfide Machenschaften immer mehr durch die Öffentlichkeit erkannt werden, außer von den Medien. Bleibt da auch die Frage, welche Interessen werden da wohl vertreten?

14.03.2018 14:07 Sr.Raul 25

Agententhriller, Doppelagent, Ende bekannt. Gab es, so die Erinnerung nicht trügt, bereits in "Das unsichtbare Visier".

14.03.2018 14:05 Dr. Müller 24

Na da bin ich doch beruhigt, daß die Leser deutlich intelligenter sind, als die kalten Krieger der Nato und EU glauben.

14.03.2018 14:04 Markus 23

England ist ja sehr stolz über eigene Rechtssystem... Nun sehen wir, was das ist Wirklichkeit ist: Beweise gibt es immer noch nicht. Urteile schon...
Obwohl ich immer noch denke, hier können auch die Russen (wie auch USA und England selbst) dabei sein, nun sieht Russlands Lage etwas besser aus: Russland hat hier niemand ohne Beweis beschuldigt...
Obwohl letzte Jahre zeigen, daß auch in Rußland alles möglich ist...
Diese oder die anderen - alles gleiche Pech... Besser abseits zu bleiben.

14.03.2018 12:37 Egon Ohlsen 22

"Wie Skripal und seine Tochter das Nervengift aufgenommen haben, ist immer noch unklar. Sie liegen weiter im Krankenhaus. Ihr Zustand ist nach wie vor kritisch. Auch ein Polizeibeamter wird dort weiter stationär behandelt."

Wer den Anschlag ausgeführt hat, ist immer noch unklar. Die Untersuchungen laufen.

Nachdem der Überläufer etliche seiner Kollegen ans Messer geliefert hat, sind Racheakte auch nicht auszuschließen, aber auch das sind nur Spekulationen.

Bis das nicht zweifelsfrei und abschließend geklärt ist, gilt in unserem immer so hoch gelobten westlichen Wertesystem immer noch der Grundsatz...
"Im Zweifel für den Angeklagten"

Wenn wir diesen wichtigen Grundsatz nun auch noch über Bord werfen, haben wir bald Verhältnisse wie im Mittelalter, oder wie im wilden Westen.
Dann führen wir die Lynchjustiz wieder ein, der Mob kann sich austoben und wir entlasten die Polizei und die Gerichte.

14.03.2018 12:08 OHNEWORTE 21

Wenn Agenten bei zwei Auftraggeber kassieren.....,
kann es doch auch sein,dass beide im Verdacht stehen .... kein Geld mehr ausgeben zu wollen.

Man sagt in England,er wollte ein Buch von seiner Kundschaftertaetigkeit herausbringen...... fuehlt sich da jemand auf den Schlips getreten ???

14.03.2018 12:01 Sachse43 20

Also wenn ein Geheimdienst jemanden aus dem Weg räumen will, tut man dies doch wohl nicht so auffällig und aufwendig, siehe auch Litwinenko. Einfach mal beim Mossad anfragen.

14.03.2018 11:19 Historiker 19

Lebt eigentlich der Chemiker aus Oxford noch, der damals nachweisen konnte, dass es im Irak weder biologische noch Chemiewaffen gab.