Sommer- oder Normalzeit in der EU? Zeitumstellung- ein Ende ist nicht in Sicht

Eigentlich sollte alles ganz schnell gehen nachdem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor etwa einem Jahr ankündigte, die Zeitumstellung abzuschaffen. Die meisten Unterstützer für seinen Vorstoß kamen laut einer Befragung aus Deutschland. Doch dann ging der Zeitplan irgendwie nicht auf und seitdem ist nicht viel passiert.

von Malte Pieper, Korrespondent in Brüssel für MDR AKTUELL

Ein Gallery-Mitarbeiter wechselt in der Ausstellung «Between Poles and Tides» in der Talbot Rice Gallery eine von insgesamt neun Uhren aus, die die Zeit auf allen Planeten in unserem Sonnensystem anzeigen sollen.
Am Sonntag werden die Uhren erneut um eine Stunde zurückgestellt - auf die "Normalzeit". Bildrechte: dpa

Es ist jetzt etwas über ein Jahr her, dass sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sehr weit aus dem Fenster lehnte mit der Ankündigung:

Die Zeitumstellung gehört abgeschafft! (...) Die Menschen wollen das, wir machen das!

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im September 2018 im Europaparlament

Fast nur Deutsche stimmen ab

Zuvor hatte er eine Befragung im Internet durchgesetzt mit einem sehr eindeutigen Ergebnis: Die übergroße Mehrheit sprach sich gegen die Zeitumstellung zwei Mal im Jahr aus. Allerdings gab es auch einen kleinen Schönheitsfehler: Es hatten sich fast ausschließlich Deutsche an der Befragung beteiligt sowie ein paar Österreicher und auch einige Luxemburger. In manch anderem Land dagegen konnten sich dagegen mehr als 99 Prozent der Bevölkerung nicht einmal aufraffen, mit ihrer Computermaus auf Zeitumstellung Ja oder Nein zu klicken. Was in etwa ganz gut abbildet, wen das Thema Zeitumstellung tatsächlich beschäftigt, erklärt der frühere Europaabgeordnete Werner Langen (CDU):

Nur im deutschsprachigen Raum gab es eine größere Diskussion, in allen anderen Ländern ist das mehr oder weniger akzeptiert.

Werner Langen, früherer CDU-Europaabgeordneter

Rund um das Mittelmeer beispielsweise beschäftigt die Zeitumstellung kaum jemanden. Aus Portugal kam schon die klare Ansage, am liebsten gar nichts ändern zu wollen. Griechenland hatte sich ähnlich geäußert.

EU zwischen nie wieder und ewig Sommerzeit

Bei denen wiederum, die auf die Zeitumstellung gerne verzichten würden, gehen allerdings die Meinungen ganz klar auseinander, wo es denn hingehen soll: Die einen wollen die ewige Sommerzeit, die anderen die ewige Winterzeit, die eigentliche Normalzeit. Und befasst man sich erst einmal tiefer damit, dann merkt man, dass diese Frage keine Frage des Geschmacks ist.

Zeitumstellung als europäischen Kompromiss

Jean-Claude Juncker, Kommissionspräsident der EU, schaut auf seine Uhr.
September 2018: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigt das Ende der Zeitumstellung an. Bildrechte: dpa

Aber von vorne: Die Mitteleuropäische Zeitzone orientiert sich seit Ende des 19. Jahrhunderts am 15. Längengrad, der unter anderem durch das sächsische Görlitz verläuft. Ginge man nur nach dem Sonnenstand, müssten die Beneluxstaaten, Frankreich und Spanien zur Westeuropäischen Zeit gehören, die in England und Portugal gilt. Um aber möglichst viele Menschen mit der gleichen Uhrzeit zu haben, was beispielsweise den Binnenmarkt, aber auch das Reisen im Kern der EU viel einfacher macht, hat man die Mitteleuropäische Zeit eben künstlich ausgedehnt. Durch die Zeitumstellung werden die größten Abweichungen einigermaßen elegant ausgeglichen.

Ein Beispiel: Würde überall künftig im ganzen Jahr die Sommerzeit gelten, würde es in der Bretagne und im Norden Spaniens im Dezember und Januar erst nach 10 Uhr am Vormittag hell. Andersherum hieße ewige Winterzeit für den Osten Polens und der Slowakei, dass dort im Juni schon mitten in der Nacht die Sonne aufgeht. Was auch nur die wenigsten wollen. Die Zeitumstellung quasi als europäischer Kompromiss.

Trotzdem bleiben die Berichte von Menschen, die gesundheitliche Probleme haben durch das Vor- und Zurückstellen zwei Mal im Jahr, weshalb der Arzt und Europaabgeordnete Peter Liese (CDU) mahnt:

Niemand würde die Zeitumstellung einführen, wenn sie nicht schon gelten würde. Man sollte also die Probleme, die bei der Abschaffung entstehen, jetzt nicht durch das Vergrößerungsglas sehen.

Peter Liese, Europaabgeordneter der CDU

Das Thema liegt auf jeden Fall bei den Verkehrsministern auf dem Tisch. Sie sind es, die im Institutionengefüge der EU zuständig sind und die Frage zuletzt erneut vertagt hatten, weil sich keine Lösung abzeichnet. Das bedeutet: Das jetzige Zurückstellen der Uhr, es wird nicht das letzte gewesen sein. Spätestens Ende März heißt es dann wieder "Uhren eine Stunde vor!". Wie lange das zwei Mal im Jahr noch so geht, ist völlig offen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juni 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2019, 10:35 Uhr

21 Kommentare

der_Silvio vor 16 Wochen

Es sind zwar keine gesundheitlichen Probleme, aber sowohl meine Kinder als auch ich selber haben schon einige Zeit damit zu tun, uns daran zu gewöhnen – die innere Uhr bzw. das Zeitgefühl wird jedes Mal durcheinander gebracht. Von daher ist m.E. die Zeitumstellung völlig überflüssig.

nasowasaberauch vor 16 Wochen

Es bringt keine Energieeinsparung, also weg damit. Wenn die EU ein Gremium wäre in dem entschieden und nicht nur palavert wird, dann hätten wir schon ein Ergebnis. Die Touristikländer sehen das natürlich anders, je länger es hell ist umso mehr brummt das Geschäft.

MaP vor 16 Wochen

Komisch, von den Millionen, die "schwerste gesundheitliche Probleme durch diese grässliche Zeitumstellung" haben müsste man doch wenigstens mal einen kennen?!
Es gibt Leute, die glauben auch jeden Schwachsinn.