Rettungskräfte versorgen am 04.04.2017 in der Region Hatay (Türkei) einen verletzten Mann nach einem mutmaßlichen Giftgasangriff.
Der mutmaßlichen Angriff mit Giftgas ereignete sich am 4. April 2017; mehr als 80 Menschen kamen ums Leben. Bildrechte: dpa

Hintergrund Der Giftgasangriff in Chan Scheichun

In Chan Scheichun im Nordwesten von Syrien hat es am 4. April 2017 einen Angriff mit chemischen Kampfstoffen gegeben, dem mehr als 80 Menschen zum Opfer fielen. Internationale Ermittler machen das syrische Regime verantwortlich für die Tat.

Rettungskräfte versorgen am 04.04.2017 in der Region Hatay (Türkei) einen verletzten Mann nach einem mutmaßlichen Giftgasangriff.
Der mutmaßlichen Angriff mit Giftgas ereignete sich am 4. April 2017; mehr als 80 Menschen kamen ums Leben. Bildrechte: dpa

Was ist passiert?

Am Morgen des 04. April 2017, ein Dienstag, wurde die 90.000 Einwohner zählende Stadt Chan Scheichun aus der Luft angegriffen. Sie liegt im Nordwesten von Syrien, unweit der türkischen Grenze in der Provinz Idlib.

Augenzeugen berichten, dass der Angriff zwischen 7:00 und 7:30 Uhr Ortszeit begann. Kurz danach wird von Verletzten mit akuter Atemnot, Krämpfen und Schaum vor dem Mund berichtet. Auf Bildern der Nachrichtenagentur AFP sind Menschen zu sehen, die auf dem Boden liegen, mit weit aufgerissenen Augen und verengten Pupillen, aber ohne erkennbare äußere Verletzungen.

Noch am Morgen meldet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte einen Luftangriff durch die syrische Armee - mit Giftgas. Zunächst ist die Rede von bis zu 50 Toten und vielen Verletzten. Bis Ende der Woche wird die Zahl der Todespfer mit 86 angegeben. Die Hilfsorganisation Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM) sprach sogar von 100 Toten. Zudem berichteten Helfer und Aktivisten von bis zu 400 Verletzten mit typischen Symptomen.

Wenig später melden die Beobachtungsstelle und Agence France-Presse (AFP), dass auch noch das Krankenhaus bombardiert worden sei, in dem die Opfer des Gasangriffs behandelt wurden. Eine Rakete habe Teile des Gebäudes zerstört.

Die Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London und Beirut im Libanon steht den bewaffneten Aufständischen gegen das Assad-Regime nahe. Sie stützt sich nach eigenen Angaben auf ein Netzwerk von Informanten in Syrien, doch von unabhängiger Seite sind ihre Angaben meist kaum zu überprüfen.

Welcher Kampfstoff kam zum Einsatz?

Der sogenannte Joint Investigative Mechanism (JIM) kam zu dem Ergebnis, dass bei dem Angriff Sarin-Gas eingesetzt wurde. Das erklärte das gemeinsames Untersuchungsteam der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) in einem Bericht im Oktober 2017.

Hinweise auf einen Chemiewaffen-Einsatz hatte es bereits kurz nach dem Vorfall gegeben. Augenzeugen berichteten damals von einem fauligen Geruch. "Ärzte ohne Grenzen" und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwiesen auf Symptome der Opfer, die bei Kontakt mit Nervenkampfstoffen auftreten.

Bei der Autopsie von drei Opfern hat sich nach Angaben türkischer Behörden bestätigt, dass Chemiewaffen zum Einsatz kamen. Der türkische Justizminister Bekir Bozdag teilte aber nicht mit, welcher Kampfstoff es gewesen sei. Rund 30 Verletzte waren demnach in die Türkei gebracht worden, von denen bis Freitagmorgen drei gestorben seien.

Wer ist verantwortlich?

Die Ermittler des JIM machen in ihrem rund 30 Seiten langen Untersuchungsbericht das Assad-Regime für den Giftgasangriff verantwortlich. Die Experten hatten laut JIM-Vorsitzendem Edmond Mulet mehr als 2.200 Fotos, 1.280 Videos, 120 Tonaufzeichungen und 600 Dokumente im Zusammenhang mit dem Angriff gesichtet.

Proben des Sarin-Gases, das in und am Einschlagskrater in Chan Scheichun gefunden wurde, hatten demnach dieselben chemischen Eigenschaften wie Substanzen aus dem Sarin-Gasbestand der syrischen Regierung. Die Ermittler arbeiteten laut Mulet auch mit Forensikern und Labors zusammen, die die OPCW als unabhängig einstuft.

Das syrische Regime bestreitet dennoch weiter jede Verantwortung. Der Bericht habe Anweisungen der USA und westlicher Staaten umgesetzt, um den politischen Druck auf Syrien zu erhöhen, hieß es. Auch das verbündete Russland zog den JIM-Bericht in Zweifel. Vizeaußenminister Sergej Rjabkow sprach der Agentur Interfax zufolge von "logischen Fehlern, dubiosen Zeugen und unbestätigten Beweisen".

Nach Darstellungen von Russland hatte die syrische Luftwaffe ein Lager oder eine Chemiewaffen-Fabrik der Rebellen getroffen. Dort hätten die Aufständischen Geschosse mit chemischen Kampfstoffen produziert und gelagert. Beweise dazu liegen nicht vor. Die JIM-Ermittler bezeichneten die Version zudem als nicht nachvollziehbar.

Die USA und andere westliche Staaten begrüßten den Bericht und betonten die Unabhängigkeit des Ermittlerteams. "Die überwältigende Menge an Beweisen in diesem Fall zu ignorieren, belegt eine zielgerichtete Missachtung weit vereinbarter internationaler Normen", sagte die UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley. Unter anderem der britische UN-Botschafter Matthew Rycroft forderte eine "starke internationale Antwort" auf den Bericht, um die Verantwortlichen für die Giftgasattacke zur Rechenschaft zu ziehen.

Bereits wenige Tage nach dem Angriff auf Chan Scheichun hatte das US-Militär einen syrischen Luftwaffenstützpunkt attackiert. Von dort soll nach US-Angaben der Angriff ausgegangen sein.

Im Streit um die Ergebnisse der JIM-Untersuchungen blockierte im November allerdings Russland mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat eine Verlängerung des Gremiums. Ermittlungen zu Syrien sorgen immer wieder für internationale Verwerfungen - insbesondere wenn die Schuldfrage geklärt werden soll. Dennoch warfen UN-Ermittler Syrien schon mehrfach den Einsatz von Chemiewaffen ein, so auch in einem Bericht im August 2016:

Syrien hatte eigentlich alle chemischen Kampfstoffe unter internationaler Kontrolle und auch deutscher Beteiligung vernichtet. Das auch als technisches Gas in der Industrie benutzte Chlor fiel jedoch nicht darunter.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 07.04.2017 | seit 03:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2018, 09:59 Uhr