Rauchwolken nach Raketen- und Artillerieeinschlägen über der Stadt Duma bei Damaskus in Syrien
Rauchwolken nach Raketen- und Artillerieeinschlägen über der Stadt Duma bei Damaskus. Bildrechte: dpa

Nach angeblichem Giftgaseinsatz Trump droht Syrien mit Militärschlag

Nach Berichten über einen Giftgaseinsatz droht US-Präsident Trump mit militärischem Eingreifen in Syrien. Russland dagegen warnt vor voreiligen Schlüssen. Es handle sich um einen von Islamisten inszenierten Vorfall. Russische Ermittler hätten in der Stadt Duma keinerlei Belege für eine Giftgasattacke gefunden.

Rauchwolken nach Raketen- und Artillerieeinschlägen über der Stadt Duma bei Damaskus in Syrien
Rauchwolken nach Raketen- und Artillerieeinschlägen über der Stadt Duma bei Damaskus. Bildrechte: dpa

Nach dem mutmaßlichen Einsatz von Giftgas in der ehemaligen Islamisten-Hochburg Duma bei Damaskus hat US-Präsident Donald Trump die Option eines Militärschlages gegen Syrien angedroht. "Nichts ist ausgeschlossen", sagte er am Montag bei einer Kabinettssitzung. Wahrscheinlich werde er noch im Laufe des Tages eine Entscheidung treffen. Trump sprach von einem abscheulichen Angriff auf Zivilisten und drohte: "Wir werden herausfinden, ob es Russland, Syrien, Iran oder alle zusammen waren."

Macron und Johnson drohen

Zuvor hatte Frankreichs Präsident Emanuel Macron mit "gezielten Schlägen" gegen die syrische Regierung gedroht, sollte ein Einsatz von Chemiewaffen unwiderlegbar bewiesen sein. Der britische Außenminister Boris Johnson, der wegen der bislang unbewiesenen Anschuldigungen gegenüber Russland im Fall Skripal selbst unter Druck steht, rief zu einer "starken und robusten internationalen Antwort" auf.

Auch der UN-Sicherheitsrat beschäftigte sich am Montag mit dem mutmaßlichen Angriff. Die USA legten dafür einen Resolutionsentwurf vor, der die Schaffung eines neuen "Mechanismus" der UN zur unabhängigen Untersuchung von Chemiewaffenangriffen vorsieht. Russland bezweifelte bei der Sitzung am Abend (MESZ) die Echtheit des Giftgasangriffs. UN-Botschafter Wassili Nebensja sprach wörtlich von "fake news". Er rief Vertreter der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen auf, nach Duma zu reisen, wo der Vorfall stattgefunden haben soll.

Russland warnt vor voreiligen Schlüssen

Die syrische Regierung hat die Vorwürfe, in Duma Chemiewaffen eingesetzt zu haben, zurückgewiesen. Syriens wichtigster Verbündeter Russland warnte vor voreiligen Schlüssen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, es wäre "falsch und gefährlich", ohne ausreichende Informationen Schlüsse zu dem Vorfall in Duma zu ziehen. Außenminister Sergej Lawrow erklärte am Montag, russische Militärspezialisten hätten am angeblichen Angriffsort in Duma "keinerlei Spuren von Chlor oder einer anderen chemischen Substanz" gefunden.

Russische Ermittler finden keine Belege

Das russische Verteidigungsministerium teilte laut der Nachrichtenagentur Interfax am Montag mit, russische Sanitäter hätten Patienten in einem Krankenhaus in Duma untersucht. Dabei hätten sie keine Symptome einer Vergiftung festgestellt. In einem vom Verteidigungsministerium verbreiteten Video erklärte ein Arzt, der im Krankenhaus von Duma gearbeitet haben soll: "Wir hatten an diesem Tag Patienten mit Verletzungen durch Granatsplitter oder Geschosse, also normale Kriegsverletzungen. Aber keinen einzigen Patienten mit Symptomen, die auf Vergiftungen schließen lassen!"

Russland hatte bereits in der Vergangenheit wiederholt davor gewarnt, dass die von islamistischen Terrororganisationen dominierten Rebellen in Ost-Ghouta mit einer "Provokation" versuchen könnten, eine ausländische Intervention herbeizuführen. Es gab zudem immer wieder Hinweise, dass auch Dschihadistengruppen über Chemiewaffen verfügen und sie auch eingesetzt haben könnten.

Angriff trotz Abzug?

Der mutmaßliche Giftgaseinsatz in Duma soll sich nach Informationen von Rebellen-Hilfsorganisationen wie Sams 48 oder der Syrischen Zivilschutzorganisation "Weißhelme" am Samstag zugetragen haben. Zu diesem Zeitpunkt war der Abzug der letzten Dschihadisten aus der Stadt bereits vereinbart.

Dieses vom Syrischen Zivilschutz, genannt «Weiߟhelme», zur Verfügung gestellte Bild zeigt einen Junge, der ein Beatmungsgerät über den Mund hält. Daneben ein hustendes Mädchen.
Das von den "Weißhelmen" veröffentlichte Bild zeigt einen Jungen, der ein Beatmungsgerät hält. Bildrechte: Syrian Civil Defense White Helmets/AP/dpa

Bei dem Vorfall sollen nach Rebellen-Angaben zwischen 60 und 150 Menschen getötet und rund 1.000 verletzt worden sein. Auf von der Deutschen-Presseagentur verbreiteten Fotos sind Kinder zu sehen, die Atemmasken tragen. Die "Weißhelme" selbst veröffentlichten auf Twitter Bilder von mutmaßlichen Todesopfern.

Die Zivilschutzorganisation "Weißhelme" wird von Großbritannien unterstützt und ist im Syrischen Bürgerkrieg nur in den von dem extremistisch-islamistischen Bündnis Haiat Tahrir asch-Scham kontrollierten Landesteilen aktiv.

Duma: Letzte Islamisten-Bastion in Ost-Ghouta Duma war die letzte Bastion der Dschihadisten in Ost-Ghouta, nachdem die Truppen von Syriens Präsident Baschar al-Assad bei einer wochenlangen Offensive den Rest der Region bei Damaskus zurückerobert hatten. Nach zwei anderen Rebellengruppen begann am Sonntag auch die Islamistengruppe Dschaisch al-Islam mit dem Abzug ihrer verbleibenden Kämpfer aus Ost-Ghouta.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 09. April 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2018, 22:20 Uhr

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22 Kommentare

11.04.2018 13:04 Werner Hetterle 22

Tolle objektive Berichterstattung.

10.04.2018 22:40 konstanze 21

@20: schließe mich dem an. mir drängt sich weiterhin der schwere verdacht auf, dass trumps gegner, die weiterhin an der "abarbeitung" des von zbigniew brzezinski im buch "die einzige weltmacht. amerikas strategie der vorherrschaft" interessiert sind, sich nicht mit seiner wahl abfinden können. sie setzen ihn ständig unter druck, weil er sich eher um die menschen im land und nicht um die genannten geostrategischen ziele kümmern will.

10.04.2018 19:35 Bernd 20

Vielen Dank für diesen neutralen Bericht. Es ist eine Wohltat nicht immer das übliche Gehetze zu lesen.

10.04.2018 14:15 Werner 19

Präsident Trump tobt momentan auf Twitter wegen der Durchsuchung und Beschlagnahmung von Akten im Büro seines Anwaltes. Er schreibt in Grossbuchstaben von totaler Hexenjagd. Vielleicht fällt ihm in dem Zusammenhang etwas ein. Zumal die totgeglaubte Yulia, "die nie wieder völlig hergestellt werden werden kann", putzmunter aus dem Krankenhaus spaziert und jetzt von der Öffentlichkeit total abgeschirmt wird. Vielleicht weiß sie was, was nicht alle wissen dürfen. Hut ab vor den englischen Ärzten und Krankenschwestern, die mutmaßlich SoGutWieTote zum Leben erwecken können. Wenn ja, und Hr. Trump fühlt sich dabei hinters Licht geführt, könnte er noch mehr toben. Nicht in Syrien. Das Land ist ihm offenbar egal - aber den anderen "Interessenten" nicht.... Damit ist die Frage nach "Wem nützt es" beantwortet.

10.04.2018 13:38 Frank 18

Wer sich derzeit mit der weltpolitischen Lage etwas intensiver auseinandersetzt, kommt zu bestimmten Ergebnissen. Jeder Konflikt, mit dem wir es derzeit zu tun haben, geht auf instrumentalisierte Lügen zurück. Die UNO und das Völkerrecht sind schon lange nicht mehr relevant. Als die USA am 20. März 2003 einen Präventivkrieg gegen den Irak einleiteten, besaßen sie dafür kein UN-Mandat des UN-Sicherheitsrats und brachen somit das Verbot eines Angriffskrieges in der UN-Charta. Auch für den Kosovo-Krieg 1999 gab kein UN-Mandat. Die kalten Krieger sind schon lange von der Kette aus Abkommen und Verträgen gelassen worden. Das einzige was noch zählt ist weltweite Vorherrschaft und Gewinnmaximierung. Man kann fast sicher davon ausgehen, dass der bestellte Rapport der deutschen Bundeskanzlerin am 27. April 2018 in Washington einer deutschen Kriegsbeteiligung dient. Wir wissen noch, wie Merkel 2003 im Bundestag für eine Teilnahme Deutschlands am Irak-Krieg warb, die BK Schröder damals ablehnte.

10.04.2018 11:58 Matze 17

Vor einer Woche gabe es auf youtube Videos, wo genau vor diesem Szenario gewarnt wurde. Rebellen bereiten einen Giftgasanschlag in Syrien vor, um ihn Assad in die Schuhe zu schieben.
Wem nutzt dieser angebliche Giftgasangriff?
Warum sollte Assad seine Zivilbevölkerung angreifen?
Wer möchte den 3. Weltkrieg?

10.04.2018 11:26 Iain 16

Vielen Dank an die mdr-Redaktion für diesen wohltuenden, weil vergleichsweise neutral berichtenden Artikel. Würden sich die großen, einflussreichen Kollegen von der Tagesschau das zum Vorbild nehmen, wieviel wäre da gewonnen für eine präzise und ethisch orientierte Information der Öffentlichkeit.

10.04.2018 10:48 part 15

Immer wenn die reguläre syrische Armee dabei ist enorme Geländegewinne zu verbuchen kommt die Mähr von Giftgaseinsatz gegen die Zivilbevölkerung. Quellenangaben oder andere Möglichkeiten werden von vornherein ausgeschlossen. Sich auf die Weißhleme zu berufen, die der 1- Mann- Opossition aus Großbritannien unterstehen, halte ich ebenfalls für sehr kritisch. Nun muß sich wiederum die Frage stellen, wem nützt dieser Vorwurf aus angeblichen Massenvernichtungswaffen. Assad würde wohl kaum das eigene Volk bombardieren, nachdem er diese Gebiete erobert hat. Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge als Anlass...

10.04.2018 10:15 Alter Mann 14

Rückblickend wird man vielleicht sagen:

Wegen einer Fischvergiftung wurden im Nahen Osten tausende Menschen umgebracht.

Vielleicht ist dann auch keiner mehr da, der zurückblicken kann.

10.04.2018 09:50 Bingo 13

Warscheinlich, kann sich die westliche Welt nicht damit abfinden, das Assad den Bürgerkrieg gewonnen hat.Deshalb braucht man einen "Grund" (angeblicher Giftgasangriff) um in Syrien "eingreifen" zu können. So werden Kriege inszeniert.