Großbritannien, Birmingham: Demonstranten protestieren gegen den Brexit, während des Parteitags der Konservativen.
"Ist es das wert?" steht auf einem Transparent von Brexit-Gegnern in London. Über diese Frage diskutiert Großbritannien seit geraumer Zeit. Bildrechte: dpa

Chaos befürchtet Angst vor dem ungeregelten Brexit

Immer wieder hat das britische Parlament die mit der EU ausgehandelten vertraglichen Reglungen für den EU-Austritts abgelehnt. Eine Einigung ist nicht in Sicht. Doch auch einen harten Brexit lehnt das Unterhaus nach wie vor ab.

Großbritannien, Birmingham: Demonstranten protestieren gegen den Brexit, während des Parteitags der Konservativen.
"Ist es das wert?" steht auf einem Transparent von Brexit-Gegnern in London. Über diese Frage diskutiert Großbritannien seit geraumer Zeit. Bildrechte: dpa

Lange und heftig hat das britische Parlament mit Premierministerin Theresa May über den mit der EU ausgehandelten Austrittsvertrag gestritten. Als Regierungschefin ist May daran gescheitert. Mehrmals lehnte das Parlament ihn ab. Dabei lehnte das Unterhaus erstmals im März auch einen No-Deal-Brexit ab. Vom Tisch ist er aber nicht, denn der Beschluss ist nicht bindend. Die möglichen Folgen eines harten Brexits im Überblick:

Pfund und Immobilienpreise

Für eine Limited reicht ein Englisches Pfund als Stammkapital aus, während bei der deutschen GmbH 25.000 Euro nötig sind.
Der Kurs des britischen Pfunds befindet sich schon lange auf dem Sinkflug. Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Die Bank von England rechnet im Fall eines ungeregelten EU-Austritts mit einem Absturz des britischen Pfunds. Es könnte demnach um 25 Prozent an Wert verlieren. Verluste in etwa diesen Größenordnungen hat die britische Währung seither aber schon realisiert, denn "die Märkte" preisen Erwartungen bereits im Vorfeld ein.

Auch der heimische Immobilienmarkt würde vermutlich schwer getroffen. Die Zentralbanker gehen von einem Fall der Hauspreise um 30 Prozent aus. Dies allerdings dürfte etwas länger dauern, denn Häuser und Wohnungen werden nicht unmittelbar zu Tageskursen an Börsen gehandelt.

Exporte brechen ein

Die britische Exportwirtschaft würde nach Einschätzung des Kreditversicherers Euler Hermes im ersten Jahr Ausfuhren im Wert von 30 Milliarden Pfund verlieren. Doch auch die Kontinentaleuropäer würden wegen der engen Wirtschaftsbeziehungen getroffen. Für die deutschen Exporteure steht dabei laut Euler Hermes nach einem Chaos-Brexit mit Exporten in Höhe von acht Milliarden Euro am meisten auf dem Spiel.

Hamsterkäufe und der Run auf Lagerflächen

Britische Unternehmen "horten" schon jetzt Importware, die sie für ihre Produktionsprozesse dringend benötigen. Laut Euler Hermes gibt es seit längerem "Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung". Inzwischen sind in Großbritannien aber kaum mehr Lagerflächen zu bekommen, da auch Supermärkte und Pharmakonzerne sich auf Versorgungsengpässe vorbereiten und Lebensmittel und Medikamente auf Vorrat kaufen.

Grenzkontrollen

Im Fall eines harten Brexits müssten alle Waren und Personen vor dem Überschreiten der EU-Grenzen wieder kontrolliert werden. Allein der deutsche Zoll will 900 zusätzliche Beamte einstellen. Um wenigstens im Reiseverkehr das Schlimmste zu verhindern, will die EU-Kommission den Briten "Visum-freies Reisen" bis zu 90 Tagen ermöglichen - falls London dies umgekehrt auch allen EU-Bürgern gewährt.

Die nach dem Austritt aus der EU nötige Zollabfertigung von Warenlieferungen stellt Häfen vor große Probleme. Die Grenzformalitäten könnten für lange Warteschlangen von Lastwagen sorgen. Im Hafen von Dover etwa dauert die Lkw-Abfertigung derzeit zwei Minuten. Nur zwei Minuten mehr würden Staus von 27 Kilometern verursachen, warnt der Betreiber.

Flugzeuge am Boden? 

Bei einem No-Deal-Brexit dürften eigentlich einige Airlines nicht mehr zwischen der EU und Großbritannien fliegen. Mit dem EU-Austritt verlieren sie ihre in Großbritannien ausgestellten Zertifikate die Gültigkeit. Um Chaos im Flugverkehr zu verhindern, beschloss die EU, dass diese Sicherheitszertifikate nach einem ungeregelten Brexit für neun Monate vorerst weiter gelten.

Das soll den Fluggesellschaften genug Zeit geben, die Bescheinigungen bei der europäischen Luftfahrtbehörde EASA zu erneuern, dann unter Berücksichtigung des neuen Status Großbritanniens als Drittstaat. Außerdem müssen die Fluggesellschaften nach einem harten Brexit ihre Eigentümer-Struktur ändern, wenn sie weiter in EU-Länder fliegen wollen. Denn in der EU dürfen nur Fluggesellschaften fliegen, die mehrheitlich im Besitz von Eigentümern aus der EU sind. Der EU-Notfallplan gibt deshalb sechs Monate Zeit, die Bedingung zu erfüllen.

Autoproduktion lahmgelegt

Die Autoindustrie arbeitet heute quasi ohne Lagerhaltung. Zulieferer stellen Teile "just in time" bereit, die direkt nach Ankunft verarbeitet werden. Mit Wartezeiten wegen der Zollabfertigung sei das kaum möglich, warnte der Autohersteller-Verband Acea.

Unternehmen arbeiten deshalb an Notfallplänen. BMW kündigte bereits an, die jährliche Schließung seines britischen Werks für den Mini zu Wartungszwecken direkt auf die Zeit nach dem Brexit zu verlegen.

(Quelle: AFP)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Dezember 2018 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2019, 18:31 Uhr