US-Präsidentschaftswahl am 3. November Rotkäppchen und der nette Wolf

Moderator Robert Burdy
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Am 3. November wird in den USA der nächste Präsident gewählt. Selten wurde weltweit so mitgefiebert angesichts der Frage: Bleibt Donald Trump im Amt oder folgt ihm Joe Biden? Nie waren die Unterschiede so groß zwischen den Kandidaten und den Wählergruppen, die sie zu mobilisieren suchen. Einschätzungen dazu von Robert Burdy.

Eine amerikanische Flagge weht vor dem Besucherzentrum des Weißen Hauses.
Am 3. November wählen die US-Amerikaner ihren nächsten Präsidenten. Bildrechte: dpa

Es muss Kreide gegeben haben im Weißen Haus. Und er wird sie nicht freiwillig verspeist haben. Aber Donald Trumps Berater haben ihn immer wieder gedrängt in den vergangenen Wochen und Tagen: "Sei einfach weniger Trump, mehr Präsident." Sie werden es anders gesagt haben, es ihm schonender beigebracht haben. Denn der Präsident ist bekannt für seine zornigen Ausbrüche, in deren Verlauf wichtige Mitarbeiter bereits reihenweise nachhaltig in Ungnade fielen.

Trump versucht, weniger Trump zu sein

Als Donald J. Trump dann am Donnerstagabend zur zweiten TV-Debatte der beiden Kandidaten auf der Bühne der Belmont Universität in Nashville stand, hätte er sich das Präsidiale wahrscheinlich beinahe selber abgenommen. Im Gegensatz zur ersten Debatte unterbrach der Präsident seinen Herausforderer Joe Biden nicht laufend. Er zeterte seltener als damals. Schon die Regeln der Debatte diesmal verhinderten einiges davon. Aber er unterbrach. Und er zeterte auch.

Wie sein Mit-Kreidefresser, der Wolf im Märchen vom Rotkäppchen, konnte er sich nicht hinter sanften Tönen verbergen. "Großmutter, warum hast Du so eine große Klappe? - "Damit Du mich besser wählen kannst."

Seine Wähler lieben ihn dafür. Und er betont immer noch und immer wieder, er sei eben nicht wie 'die Politiker'. Ein gewagtes Statement für einen Amtsinhaber. Aber: Ein Donald Trump lässt sich sowieso nicht hinter einem Präsidialamt verstecken. Und seine Versuche, Herausforderer Joe Biden als eine Art linkes Rotkäppchen zu verkaufen, zeigten wie blank die Nerven liegen in diesem Wahlkampf: Biden ruiniere die Krankenversicherung. Biden ruiniere die Wirtschaft. Biden ruiniere Jobs.

Republikanische Wähler: Die Wirtschaft

Tatsächlich agiert Trump auf der Zielgeraden des Wahlkampfes so, wie es die Umfragen nahelegen: 53 Prozent seiner Wähler sorgen sich derzeit vor allem um die Wirtschaft, für nur vier Prozent der republikanischen Sympathisanten ist derzeit Covid-19 das wichtigste Problem, wie eine Umfrage vom US-amerikanischen KFF Health Tracking Poll zeigt. Trump zeigt Disziplin, wenn es darum geht, diese Wähler-Prioritäten zu beliefern. Sicherlich auch, weil er sowieso lieber über die "greatest economy" redet, als über das Virus.

Demokratische Wähler: Die Pandemie

Immerhin 36 Prozent der Wähler der Demokraten sind vor allem angesichts der knappen Viertelmillion Todesopfer durch Covid-19 besorgt. Und nur 14 Prozent von ihnen sorgen sich in erster Linie um die wirtschaftliche Lage. Entsprechend wird Joe Biden nicht müde, das Scheitern des Präsidenten im Umgang mit der Pandemie zu betonen.

Das sei doch alles bald vorbei, sagt der Amtsinhaber in der TV-Debatte auf die Frage nach einer Strategie. Das Virus sei bald weg, betont er. Es geht weg. Und noch dieses Jahr habe man einen Impfstoff. Ob er das zusagen könne, wird er gefragt. Nein, könne er nicht. Aber der Impfstoff komme. Man müsse mit dem Virus leben lernen.

Falsch! Sagt sein Herausforderer. Die Amerikaner lernten, damit zu sterben.

Es kann sein, dass es ausgerechnet das Virus ist, das dann am Ende doch noch für Donald Trump arbeitet. Die Wahlbeteiligung in diesem Jahr wird als überdurchschnittlich hoch vorhergesagt. Auch anhand der Vielzahl von Briefwählern, die wegen Corona den Wahllokalen lieber fernbleiben. Und es sind diese Briefwähler, die dem Wahlsystem Kummer bereiten, denn längst ist nicht sicher, ob am Wahlabend alle Stimmen ausgezählt sind.

Offene Fragen – eventuell auch nach der Wahl

Was, wenn Trump sich nach den ersten Hochrechnungen zum Sieger erklärt? Dann entscheiden die Gerichte, letztendlich der Oberste Gerichtshof. Und den hat 'Präsident Nummer 45' mit der Ernennung von Amy Coney Barrett nun endgültig mit einer republikanischen Mehrheit besetzt. Da könnte es geschehen wie bei der Wahl im Jahr 2000, als im Kopf-an-Kopf Rennen zwischen George W. Bush und Al Gore Stimmen nicht nachgezählt wurden und einfach liegenblieben.

Trump hat schon angekündigt, er werde das Wahlergebnis gegebenenfalls nicht anerkennen. Als erster Präsident in der Geschichte der USA, der die friedliche Übergabe der Macht nicht gewährleisten würde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Oktober 2020 | 06:00 Uhr