EU-Fahnen wehen vor der EU-Kommission in Brüssel
Die EU-Staaten treffen sich in Sofia zum Westbalkan-Gipfel. Bildrechte: dpa

Ein irrwitziger Plan? Warum die EU den westlichen Balkan aufnehmen will

Von den Ländern des ehemaligen Jugoslawien sind bereits Slowenien und Kroatien EU-Mitglieder - Albanien, Mazedonien, Montenegro und Serbien offizielle Beitrittskandidaten. Das Kosovo und Bosnien-Herzegowina gelten als "potenzielle Kandidaten". Die Begeisterung in der EU für erneute Erweiterungen ist im Moment nicht besonders groß. Am Donnerstag startet in Sofia dazu offiziell der Westbalkan-Gipfel.

von Malte Pieper, Brüssel-Korrespondent MDR AKTUELL

EU-Fahnen wehen vor der EU-Kommission in Brüssel
Die EU-Staaten treffen sich in Sofia zum Westbalkan-Gipfel. Bildrechte: dpa

Es scheint ein geradezu aberwitziger Plan zu sein: Den rückständigen Balkan mit all seiner Korruption, mit seinen teils mafiösen Strukturen, mit seinen Drogen-Anbaugebieten, mit seinen teils noch immer verfeindeten Volksgruppen bald in die EU zu holen. Sind die etwa alle verrückt geworden? fragt sich mancher ... "Nein", lächelt Dusan Reljic. Der Politikwissenschaftler leitet das Brüsseler Büro der Stiftung Wissenschaft und Politik: Es gehe um Wichtigeres, sagt er. Darum, Frieden mitten in Europa zu erhalten:

Nicht in Kandahar oder Mali wird die Sicherheit der EU tatsächlich garantiert, sondern dort, wo es den größten bewaffneten Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gegeben hat. Damals starben schließlich mehr als 150.000 Menschen.

Dusan Reljic | Stiftung Wissenschaft und Politik

Fachkräfte wandern gen Westen ab

Seit dem Zerfall Jugoslawiens vor mehr als 25 Jahren übe die EU massiven Einfluss in der Region aus, argumentiert Balkan-Experte Reljic. Sie dränge die Staaten ständig zu demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen. Allein zum Beispiel 90 Prozent des Bankkapitals dort stamme aus Deutschland, Frankreich, Italien oder Österreich. Trotzdem ist das tägliche Leben auf dem Balkan noch immer meilenweit vom westeuropäischen Standard entfernt. Die Konsequenz: Junge, gut ausgebildete Menschen verlassen weiter in Scharen ihre Heimat. Zurück bleiben in den Balkanstaaten die Alten und die, die auf Grund ihrer Ausbildung im Westen keine Chance haben. Es drehe sich eine Spirale nach unten: Ohne Fachkräfte keine Entwicklung, ohne Entwicklung kein wirtschaftlicher und politischer Aufbruch.

Beispielhaft: Bulgarien und Rumänien

Ohne Aufbruch weiter Abwanderung in den Westen und damit Niedriglohn-Konkurrenz bei uns. Wie sich solch ein Trend aber umkehren lasse, könne man mittlerweile in Rumänien und Bulgarien beobachten. Deren Beitritt zur EU war ja auch hoch umstritten: "Von allen öffentlichen Investitionen in Rumänien kommt etwa die Hälfte aus den Strukturfonds der EU. Das hat zu einem schnelleren Wirtschaftswachstum geführt, das hat auch die Auswanderung verlangsamt und das stabilisiert diese Länder letztlich. Denn: Ohne eine Mittelschicht, also ohne eine Bevölkerungsgruppe, die besser verdient und deren Kinder die Aussicht haben besser zu leben, wird es nirgendwo eine Stabilisierung geben. Auch nicht in Südosteuropa."

Kampf gegen korrupte Strukturen

Dusan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagt: "Wir haben doch keine andere Wahl. Wir können warten, die auf dem Balkan machen lassen und immer mal wieder mahnende Worte sprechen: Tut was gegen Korruption, gegen Drogen-Anbau oder gegen mafiöse Strukturen. Oder wir wagen rechtzeitig den Sprung, bevor uns der Laden um die Ohren fliegt:

Der Westbalkan hat derzeit 3,5 Prozent der Bevölkerung der EU. Weder finanziell noch politisch ist das ein großes Problem für die Europäische Union.

Dusan Reljic | Stiftung Wissenschaft und Politik

Kein Durchbruch vom Gipfel erwartet

Dass sich die Staats- und Regierungschefs in Sofia aber deshalb zu einem beherzten Bekenntnis zur EU-Erweiterung auf dem Balkan durchringen können, das halten Beobachter bei diesem Gipfel für nahezu ausgeschlossen. Zu groß sind immer noch die Vorbehalte, zu groß vielleicht auch die Versuchung innenpolitisch mit Antipathien gegen den Balkan punkten zu können. Und dass obwohl Russland, China und die Türkei bereits immer stärker ihre Fühler in der Region ausstrecken.

Landkarte des Westbalkan. verschieden gefärbte Länder zeigen den Stand der jeweiligen EU-Beitrittsverhandlungen.
Der Westbalkan und die EU - ein Überblick Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Mai 2018 | 10:47 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 10:53 Uhr

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12 Kommentare

17.05.2018 19:49 esSKaa 12

#11: Walter, die EU ist nicht tot. Sie ist vielmehr unsere Chance, gegen große politische und wirtschaftliche Interessen anzukommen. Was sind schon 80 Mio. Menschen in D gegen Facebook mit 2 Mrd Nutzern oder Nestle, Unilever & Co? Die EU hat Potential, muss jedoch grundlegend geändert werde: EU der Menschen, statt EU der Wirtschaftssubjekte.

Die Folgen rechtsnationaler Politik kann man derzeit gut in Israel und der Türkei betrachten. Da kommt der Totengräber zigfach... Vor 100 Jahren zigmillionenfach. Nicht die EU ist gescheitert, sondern Nationalismus - und das mehrfach und dramatisch...

16.05.2018 21:48 Walter 11

Sie haben recht.
Aber Todengräber kommen erst nach dem Tod. Also ist die EU schon tot, ansonsten bräuchte man keine Todengräber.
Der Fakt ist aber absolut in Ordnung.

16.05.2018 20:00 Manuel 10

Was die kleine, alltägliche Korruption angeht, so wird diese wohl erst verschwinden, wenn das durchschnittliche Einkommen es nicht mehr lohnenswert macht, egal ob in der EU oder außerhalb.
In punkto institutionalisierter Korruption brauchen wir eher nicht auf andere zu zeigen, solange unsere Ex-Minister reihenweise unmittelbar nach ihrem Abgang von der Wirtschaft weiter versorgt werden.

16.05.2018 19:16 esSKaa 9

Die EU muss erst konsolidiert werden, bevor sie weiter wächst. Ich war schon oft in Rumänien und freue mich über die Entwicklung. Dennoch ist weiteres Wachstum Wasser auf die Mühlen der rechten Totengräber. Lasst uns zunächst Hausaufgaben machen!

16.05.2018 18:53 Blumenfreund 8

Diese ganzen Länder werden erst in eine wirtschaftliche Abhängigkeit gebracht, und dann in eine politische. bzw. militärische. So kann man sich auch ausbreiten.

16.05.2018 18:07 Atze 7

@ OHNEWORTE 6:
Ja, ich habe es selbst erlebt, wie junge gut ausgebildete Leute aus unserem Mietshaus in den Westen gingen.
DDR hat gezahlt, Arbeiter haben es erarbeitet....
Brauchten nichts für s Studium zahlen.
Eigentlich ist es eine Schande, denn die Leute machen sich doch Hoffnung in den genannten Balkanländern
. Der kleine Mann zieht doch immer den Kürzeren. MfG

16.05.2018 16:11 OHNEWORTE 6

16.05.2018, 14:05 | Atze
1959 /1960 DDR Abwerbung der Aerzte durch die Brueder und Schwestern aus dem Westen .....

Je mehr Mitglieder der EU beitreten,umso mehr NATO ...., wer Kasse will als Foerderung ,muss bereit sein dem Verein beizutreten.... Die Foerdermittel kommen aber nicht den sozialen Beduerftigen zugute,es wird zuerst Justiz Polizei,Politiker,Behoerden und Militaer aufgebaut ...... Und die Menschen bekommen dann die Moeglichkeit, in der EU sich Geld zu verdienen.... ,als Billigkraefte .... Anders funktioniert es nicht ,das ist der Hintergrund EU.

16.05.2018 15:13 winfried 5

Albanien, Mazedonien, Montenegro und Serbien in der EU ?!
Reine "Großmannssucht" typischer "Schreibtischtäter".

16.05.2018 14:05 Atze 4

Die Abwanderung von Fachkräften aus diesen Gebieten muss anders gestoppt werden. Und was ist z.B. mit Ungarn, das ja zur EU gehört ?
Dort werden Ärzte von gewissenlosen Leuten abgeworben nach D. zu kommen. Bald tritt der Kollaps ein und wir sind mit schuld. Wir sind solche Heuchler ....

16.05.2018 12:20 REXt 3

Immer rein in die EU, je größer das REICh, um so eher zerfällt es krachend, alles Nehmerländer, wo die Korrution zum guten Ton gehört, da versickern so einige Miliarden, die Geberländer, es gibt ja eins weniger freuen sich bereits.